© Markus Frühmann

Mein Leben mit Querschnittslähmung. Teil 2.


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Claudia Miler ist Tetraplegikerin, kann ihren Körper von den Schultern abwärts nicht bewegen und spüren. In unserer dreiteiligen Interviewserie gibt sie uns Einblicke hinter ihre Fassade – in ein beeindruckendes Leben.  

 

Mama-Sein ohne Gefühl in den Händen  



Claudia, du hast im ersten Teil unseres Interviews erzählt, dass du nach deinem Reha Aufenthalt – als junge Frau - in ein tiefes, trauriges Loch gerutscht bist. Wie ging es weiter?

Meine damalige Beziehung, war ein ständiges Auf und Ab. Mit 25 Jahren war ich im Krankenhaus und habe zufällig meinen Gynäkologen getroffen. Er fragte mich wie es mir geht und ich sagte ihm, dass ich mit meiner Periode etwas drüber sei, ein Früherkennungstest aber negativ war. Er schlug mir vor, noch einen Test zu machen. Ich fand es übertrieben, habe seinem Vorschlag aber Folge geleistet. Als ich etwas später zu ihm ins Besprechungszimmer kam um mich zu verabschieden meinte er: „Du bleibst erstmal da. Du bist schwanger und wir machen jetzt einen Ultraschall.“ In diesem Moment dachte ich, ich habe den Tiefpunkt meines Lebens erreicht. Für mich kam nur ein Schwangerschaftsabbruch in Frage. Dann sah ich beim Schall den Herzschlag meines Kindes und habe beschlossen, das zu schaffen. Als ich meinem damaligen Partner davon erzählt habe, hat er sich von mir getrennt. 

Wie hast du das alles geschafft? 
Erst war es der Supergau. Die Leute haben über mich gesagt, es sei unverantwortlich in meiner körperlichen Lage ein Kind zu bekommen. Man solle es mir am besten wegnehmen, sobald es auf der Welt ist. Noch schwerer als das Gerede war für mich die Tatsache, dass es keine Erfahrungen von alleinerziehenden Tetraplegikerinnen gab. Die Schwangerschaft verlief glücklicherweise recht problemlos und ich bekam Hilfe von einer guten Freundin. Den letzten Monat vor der Geburt  verbrachte ich im Weißen Hof, der Rehaeinrichtung in der ich auch nach meinem Unfall war. 

Weil du Hilfe brauchtest?
Vor allem weil ich nicht wusste, ob ich mich am Ende meiner Schwangerschaft überhaupt noch alleine anziehen geschweige denn sitzen kann. Wenn man von den Schlüsselbeinen abwärts gelähmt ist, spürt man auch keine Wehen. Außerdem konnte ich nicht einschätzen, ob die Flüssigkeit die ich verlor Fruchtwasser oder Harn war. Ich wollte nichts dem Zufall überlassen, auch wegen meines Blutdruckes, der bei einer Geburt gefährlich in die Höhe schießt. Deshalb habe ich einen geplanten Kaiserschnitt vereinbart. 

Und dann?
(lächelt) Dann kam meine Tochter Madeleine zu Welt. Wir zwei sind gemeinsam in eine Trainingswohnung am Weißen Hof gezogen. Weil ich meine Finger nicht spüre, waren Dinge wie Wickeln eine Herausforderung. Als ich im Zuge der Ergotherapie an einer Puppe geübt habe, hat das nie funktioniert. Bei meinem Baby aber schon. 

Wie war euer Heimkommen?
Ich war gut auf alles vorbereitet und Madeleine war sehr unkompliziert und ruhig. Oft ist sie nur dagelegen und hat geschaut. Ich hatte ihr Bettchen direkt neben meinem stehen und das alles irgendwie hinbekommen. Ich bekam Hilfe für den Haushalt und später eine persönliche Assistenz. 

Wurde es anstrengender, als Madeleine anfing zu gehen?
Sie war wissbegierig und hat die Situation sofort verstanden. Bis sie vier Jahre alt war, ist sie auf meinem Schoß mitgefahren, danach musste sie sich bei Spaziergängen oder beim Einkaufen am Griff meines Rollstuhls festhalten. Das funktionierte gut. Ich erinnere mich aber an eine Situation, in der sie Fangen spielen wollte. Mitten in der Stadt, auf der Straße. Eine Passantin konnte sie glücklicherweise zurückreißen, bevor schlimmeres passieren konnte. 

Bist du anders als andere Mütter?
Ich habe ein großes Organisationstalent und ein gutes Netzwerk, aber ich hatte bestimmt nie die Leichtigkeit anderer Mütter. Ich konnte mein Kind nie einfach auf den Boden legen um es zu wickeln, oder in den Tag reinleben, sondern musste alles gut planen. Damit war und bin ich in meiner Flexibilität eingeschränkt. Ansonsten ist alles ganz normal. 

Und du wurdest nochmal schwanger. 
Madeleine war schon vier, ich hatte einen neuen Partner, war in einer anderen Situation und habe mich bewusst für ein zweites Kind entschieden. Leider war diese Schwangerschaft sehr kompliziert, ich hatte Blutungen und Beschwerden wie Senkwehen. Durch einen erneuten Kaiserschnitt kam dann vor sieben Jahren mein Sohn Raphael zur Welt. Er war quirliger als seine Schwester, dafür ist er heute sehr entspannt und verlässlich. 

Wie sind deine Kinder mit deiner Querschnittslähmung umgegangen?
Manches haben sie erfragt, in manches sind sie hineingewachsen. Ich habe mich immer bemüht, ihnen alles altersgerecht zu erklären. Dass das Rückenmark eine Autobahn ist und dass dort bei mir ein Unfall war. Dass viele Autos nicht mehr durchkommen... Der Papa von Raphael und ich haben uns getrennt, so war ich alleinerziehend. Wahrscheinlich trägt das dazu bei, dass meine Kinder sehr schnell selbstständig waren, sich früh alleine angezogen und gewaschen haben. Den Rollstuhl sahen sie lange als Spielzeug. Die beiden kennen das alles nicht anders. Sie kennen mich nicht anders. 

Ist dein Rollstuhl Thema bei Schulfreunden?
Meine größte Angst war tatsächlich immer, dass sie gehänselt werden oder sich für mich genieren. Das war aber nie der Fall. Im Gegenteil: Meine Tochter präsentiert mich immer sehr stolz, spricht bei Referaten immer über Querschnittslähmung. So bringt sie ihr Wissen auch anderen näher.  

In welche Richtung ging es bei dir beruflich?
Ich unterhalte mich mit anderen Betroffenen über Sexualität... 

 

Morgen, im letzten Teil unserer Serie, erfahren Sie mehr über Claudias spannenden Job als Reha-Therapeutin.