© Markus Frühmann

Mein Leben mit Querschnittslähmung. Teil 1.


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Claudia Miler ist Tetraplegikerin, kann ihren Körper von den Schultern abwärts nicht bewegen und spüren. In unserer dreiteiligen Interviewserie gibt sie uns Einblicke hinter ihre Fassade – in ein beeindruckendes Leben.  

 

Unfall, Rollstuhl und die große Traurigkeit.

 

Claudia, du bist auf den Rollstuhl angewiesen. Was ist dir passiert?
Ich war 16, Schülerin der Grafischen HTL mit Fokus auf Fotografie. Im November 1998 habe ich den Nachmittag mit Freunden in einem nahe gelegenen Einkaufszentrum verbracht. Ich erinnere mich noch genau an den roten Donutstand dort und wie es nach warmen Zucker roch.
Als wir heimfuhren, war es schon dunkel. Ich saß auf der Rückbank und war nicht angeschnallt. Wir kamen von der Straße ab, das Auto hat sich überschlagen und ich wurde durch die Heckscheibe geschleudert. Die beiden anderen blieben unverletzt. Ich habe versucht aufzustehen, meine Arme und Hände zu bewegen, aber es war unmöglich. Ich bekam fast keine Luft. Als der Notarzt da war, habe ich ihn sofort gefragt, ob ich einen Querschnitt habe. Er wollte dazu nichts sagen. Dann wurden mir Medikamente verabreicht. 

Was ist deine nächste Erinnerung?
Ich war im Schockraum eines Krankenhauses und mir wurden meine Piercings entfernt. Wegen der Schnittwunden am Kopf hat mir jemand meine langen schwarzen Haare abrasiert. Damals eine Katastrophe für mich. Ich wusste nicht, was noch alles auf mich zukommen wird... Mir wurde ein Schädel-Basisbruch und Rippenbrüche diagnostiziert. Mein Rückenmark wurde auf Höhe des 6./7. Halswirbels durch einen Bluterguss abgedrückt. Seitdem bin ich von dort abwärts querschnittgelähmt.

Wie war die Zeit auf der Intensivstation?
Am Anfang war ich erschöpft, voll von Medikamenten und habe viel geschlafen. Als es mir besser ging, hatte ich jeden Tag Atemtraining. Ich weiß noch, dass ich damals dachte: „Ich bin 16 und hatte noch nie einen Freund. Kein Mann wird sich jemals für mich in einem Rollstuhl interessieren.“ Irgendwie war mir aber schnell klar, dass ich an der Situation nichts mehr ändern kann. Das hat mir geholfen das alles zu akzeptieren.

Hattest du Unterstützung?
Ja, in den drei Wochen auf der Intensivstation war meine Mama permanent anwesend. Ich war dankbar dafür, aber es war mir damals fast zu viel. Rückblickend denke ich auch, es wäre kein Fehler gewesen, mehr miteinander über alles zu reden.

Die nächste Station war dann Reha, oder?
Genau. Nach zwei Monaten Krankenhaus kam ich auf Reha. Schnell wurde klar, dass ich links noch ein paar Funktionen hatte, die rechte Körperhälfte aber um einiges schlechter funktionierte.
Ich war extrem pubertär und eine Herausforderung für die Pfleger. Sie sagten mir, meine Haut sei rot vom vielen Sitzen und ich müsse deshalb schon um 7 Uhr ins Bett, um sie zu entlasten. Ich solle mich an Katheter-Zeiten halten, Disziplin zeigen, meinen Körper beobachten. Ich müsse aufschreiben, was ich trinke, damit ich weiß, wieviel ich pinkle. Ich dachte nur: „Was wollt ihr denn alle von mir?“ 

Hast du dich irgendwie „eingelebt“? 
Es waren dort viele andere junge Menschen, die eine Querschnittsverletzung hatten. Wir haben uns angefreundet, gegenseitig aufgebaut und motiviert. An den Wochenenden haben wir uns herausgefordert und die Runden gezählt, die wir mit unseren Rollstühlen fahren konnten. Nach sieben Monaten bin ich nach Hause gekommen. 

Vom geschützten Umfeld in den Alltag also. Wie war dieser Übergang? 
Ich war erschöpft und wusste plötzlich nicht, was ich mit mir anfangen soll. Ich konnte nach dem Unfall meine Hände und Finger nicht mehr bewegen oder spüren. Damals war noch alles analog und so konnte ich keinen Film mehr selbstständig einstellen, geschweige denn mit dem Rollstuhl in die Positiv-Dunkelkammer. Mein Traum Fotografin zu werden war damit dahin.
Ich habe in verschiedene Schulen gewechselt, und während meine Freunde einen Job und damit Verantwortung hatten, bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Tagsüber habe ich mich in meinem Zimmer verkrochen und in der Nacht war ich unterwegs. Ich habe viel gefeiert und zu viel getrunken. Als ich 19 war, ist meine Mama ausgezogen, weil es nicht mehr gemeinsam unter einem Dach ging...

Das klingt einsam.
Ja, das war ich auch. Ich hätte aus dieser Situation fast nicht wieder herausgefunden. Ich war so unzufrieden, habe mir Partner unter meinem Niveau gesucht und wurde auch so behandelt. Es war schlimm. 

Wie lange hast du das ausgehalten?
Bis ich schwanger wurde...


Morgen, im nächsten Teil unserer Serie, erfahren Sie mehr über Claudias Leben als alleinerziehende Tetraplegikerin.