Tierversuche, deren Richtlinien und Notwendigkeit

Laut Weltgesundheitsorganisation erleiden jährlich zwischen 250.000 und 500.000 Menschen weltweit eine Rückenmarksverletzung. Die körperlichen und seelischen Folgen für die Betroffenen sind dramatisch. Viele Patienten können ihre Arme und Beine nicht mehr bewegen, leiden unter anderem an Gefühlsstörungen, Kreislaufbeschwerden und Kontrollverlust von Blase und Darm.

Wings for Life ist eine gemeinnützige, staatlich anerkannte Stiftung für Rückenmarksforschung und wurde 2004 gegründet, um eine Heilung für Querschnittslähmung zu finden. Dazu fördern wir hochklassige Forschungsprojekte an renommierten Instituten und Universitäten.

Die Wissenschaftler stehen vor großen Herausforderungen, denn die krankhaften Prozesse nach einer Rückenmarksverletzung sind sehr komplex. Nervenfasern werden zerstört, es kommt zu Einblutungen ins Gewebe und zu Entzündungs- und Immunreaktionen.

Es ist bislang unmöglich, diese Komplexität einer Querschnittsverletzung in einem Modell ohne Tierversuche nachzuempfinden. Gewebekulturen haben nur eine begrenzte Aussagekraft, wenn es darum geht, diese neurobiologischen Prozesse zu erforschen. Die Wissenschaftler sind hier auf Tierversuche angewiesen.

2010 veröffentlichte die Europäische Union Richtlinien zum Schutz von Tieren in der Wissenschaft (2010/63/EU). Demnach dürfen neue medizinische Behandlungen nur unter höchsten Standards in Bezug auf Wissenschaft und Tierwohl entwickelt werden.
 
Wings for Life ist sich der großen Verantwortung und hohen ethischen Verpflichtung bewusst. Unsere Stiftung fördert daher ausschließlich Projekte nach dem Drei R-Prinzip. Diese Richtlinie gilt in der Forschung als ethisches Prinzip und besagt:

  • Replacement: Tierversuche werden nur dann durchgeführt, wenn keine alternativen Methoden möglich sind
  • Reduction: Die Anzahl der Tiere wird so gering wie möglich gehalten, beispielsweise durch ein ausgefeiltes Versuchsdesign sowie methodische und statistische Optimierungen
  • Refinement: Wissenschaftliche Methoden werden laufend verbessert, um die Belastung der Tiere zu reduzieren

Von uns geförderte Wissenschaftler sind dazu verpflichtet, alles im Sinne des Tierwohls zu unternehmen. Alle Forschungsprojekte werden vorab von den Ethikkommissionen der geförderten Institutionen (z.B. Harvard Medical School) gemäß der Deklaration von Helsinki und dem Belmont Bericht geprüft.

Uns ist bewusst, dass jeder Tierversuch einen Konflikt zweier ethischer Verpflichtungen darstellt: Auf der einen Seite strebt medizinische Forschung danach, menschliches Leiden zu verringern. Auf der anderen Seite gibt es eine Verpflichtung, das Leben von Tieren zu bewahren und diese vor Leiden zu schützen. In der Rückenmarksforschung bieten sich in Bezug auf Tierversuche daher zwei Möglichkeiten:

  1. Komplett auf präklinische Tierversuche und damit auch auf medizinischen Fortschritt zu verzichten
  2. Verantwortungsvolle und selektive Forschung zuzulassen, die von Ethikkommissionen überwacht wird und in spezialisierten Einrichtungen erfolgt

Wings for Life hat sich bewusst für die zweite Option entschieden. Unser Ziel ist es, medizinische Forschung zu unterstützen, um eine Behandlung von Patienten mit einer Querschnittslähmung zu verbessern. Dadurch soll menschliches Leid durch eine lebenslange Behinderung verringert werden. Selbstverständlich akzeptiert und respektiert Wings for Life anderslautende Ansichten.

Referenzen und weiterführende Literatur

Allianz der Wissenschaftsorganisationen
https://www.tierversuche-verstehen.de/

Association for the Assessment and Accreditation of Laboratory Animal Care International
https://www.aaalac.org/pub/?id=E905B4D2-EC0B-5638-4898-1553E7CFCBAB

Belmont report
https://www.hhs.gov/ohrp/sites/default/files/the-belmont-report-508c_FINAL.pdf

Deutsche Forschungsgemeinschaft
https://www.dfg.de/en/dfg_profile/statutory_bodies/senate/animal_protection/index.html

Deutsche Gesellschaft für Immunologie
https://das-immunsystem.de/kampagnen/stellungnahme/

EMBO
https://www.embo.org/documents/science_policy/EC_directive_welfare_of_research_animals_2005.pdf

European Law regulating animal experiments (2010/63/EU)
https://eur-lex.europa.eu/eli/dir/2010/63/oj

https://www.leopoldina.org/fileadmin/redaktion/Politikberatung/pdf/2015_03_04_Statement_supporting_Dir_2010-63_Pprotection_of_animals_used_for_scientific_purposes.pdf

Helsinki Deklaration
https://www.wma.net/policies-post/wma-declaration-of-helsinki-ethical-principles-for-medical-research-involving-human-subjects/

Leopoldina
https://www.leopoldina.org/en/leopoldina-home/
https://www.leopoldina.org/publikationen/detailansicht/publication/tierversuche-in-der-forschung-2012/
https://www.leopoldina.org/fileadmin/redaktion/Publikationen/Allianz/2016_09_06_Tierversuche_verstehen_Flyer.pdf

Max-Planck Gesellschaft
https://www.mpg.de/10935969/tierversuche-grundsatzerklaerung

National Center for the Replacement, Refinement & Reduction of Animals in Research
https://www.nc3rs.org.uk

VolkswagenStiftung
https://www.volkswagenstiftung.de/unsere-foerderung/thema-tierversuche-stellungnahme

Weltgesundheitsorganisation (WHO)
https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/spinal-cord-injury

Weltgesundheitsorganisation (WHO), primer,
https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/94190/9789241564663_eng.pdf;jsessionid=DB7EF32EDCD347A90B46BF47E3104069?sequence=1