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Zukunft im Blut lesen


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Nach einer Querschnittsverletzung ist meist zu einem gewissen Grad mit einer Spontanerholung zu rechnen. Das bezieht sich vor allem auf das erste Jahr nach einer Verletzung. In dieser Zeitspanne können sich verloren gegangene Funktionen wiedereinstellen. Das Ausmaß der Erholung lässt sich aber bislang im Einzelfall nicht zuverlässig vorhersagen. In der klinischen Versorgung von Patienten wäre dies hilfreich, um Rehabilitationskonzepte gezielt anzupassen. Doch auch für Forschungsprojekte ist diese Vorhersage extrem wichtig. Denn aktuell ist bei der Testung eines Therapieansatzes nicht sicher zu unterscheiden, ob positive Veränderungen auf eine Wirkung der Testsubstanz oder auf den Effekt der natürlichen, spontane Erholung zurückgehen. Derzeit behelfen sich Forscher bei der Planung von klinischen Studien damit, Teilnehmer mit möglichst ähnlichem Verletzungsmuster auszuwählen. Die Annahme bei diesem Vorgehen ist, dass bei gleichem Verletzungsmuster eine ähnliche spontane Erholung bei den Patienten vorliegt.

Suche nach brauchbaren Biomarkern
Einige Studien haben bereits versucht, Vorhersageparameter zu finden, die einen verlässlichen Blick in die Zukunft der einzelnen Betroffenen ermöglichen. Biomarker wie beispielsweise Proteine im Blut oder im Nervenwasser werden dabei als heiße Kandidaten gehandelt. Forscher konnten bisher einige Teilerfolge verbuchen. Jedoch ließen sich gewisse Nachteile bis jetzt nicht ausräumen. Vor allem die Probenentnahme von Nervenwasser ist für Patienten immer mit einem gewissen Aufwand und Risiko verbunden. Des Weiteren sind notwendige komplexe Testverfahren auf diese Biomarker in der breiten klinischen Anwendung nicht verfügbar und kostspielig.
Neurowissenschaftlern unter der Leitung von Prof. Aigner (Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg, Österreich) gelang nun auf der Suche nach brauchbaren Biomarkern ein Durchbruch.

Blut verrät Erholungspotential
Die Wissenschaftler haben Daten bei 700 Probanden ausgewertet. Dabei haben sie die spontane Erholung bei jeder Testperson nachverfolgt und sich zahlreiche Kandidaten für Biomarker angesehen. Ihre Analyse ergab, dass anhand von vier Blutwerten, die bereits jetzt im klinischen Alltag zum Routinelabor gehören, eine Aussage für die Zukunft möglich ist: die Anzahl der Blutplättchen, das Protein Albumin, die Enzyme alkalische Phosphatase und das Stoffwechselprodukt Kreatinin. Werden diese Werte acht Wochen nach einer Verletzung bestimmt, ist damit die Angabe des Erholungspotentials für jeden einzelnen Patienten mit einer inkompletten Querschnittsverletzung nach einem Jahr möglich.  So kann mit diesen vier Parameter vorausgesagt werden, ob ein Patient seine Gehfähigkeit zurückerlangt oder rollstuhlgebunden bleibt.

Diese Studie wurde in der Zeitschrift Neurorehabilitation and Neural Repair veröffentlicht und von Wings for Life unterstützt.

Quelle: Leister I, Linde LD, Vo AK, Haider T, Mattiassich G, Grassner L, Schaden W, Resch H, Jutzeler CR, Geisler FH, Kramer JLK, Aigner L. Routine Blood Chemistry Predicts Functional Recovery After Traumatic Spinal Cord Injury: A Post Hoc Analysis. Neurorehabil Neural Repair. 2021 Feb 22:1545968321992328. doi: 10.1177/1545968321992328.

In unseren Basisinformationen finden Sie medizinisches Hintergrundwissen zur Querschnittslähmung. Das Wings for Life Glossar bringt Ihnen die Fachbegriffe näher.