Yale-Professor im Interview


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Es ist schwer an Stephen Strittmatter heranzukommen. Beim Scientific Meeting in Salzburg ist er meist umzingelt von Forscherkollegen, führt angeregte Diskussionen, erklärt seine Arbeit. Nach der Mittagspause hatten wir Gelegenheit, mit ihm zu sprechen.    

Professor Strittmatter, was hatten Sie gerade zu Mittag?
(lacht) Ich habe nichts gegessen, sondern die freie Zeit im Fitnessbereich des Hotels verbracht, um Sport zu machen. Für mich ein wichtiger Ausgleich. 

Wie kam es dazu, dass Sie Wissenschaftler wurden?
Ich war schon als Kind sehr interessiert an Forschung. In der High-School habe ich dann Neurowissenschaften für mich entdeckt. Es hat mich fasziniert, wie das Gehirn oder das Nervensystem funktionieren. Die Fragen, die sich daraus ergaben, waren für mich die Spannendsten überhaupt. Ich habe neben Neurowissenschaften auch Medizin studiert. Im Umgang mit Patienten lernt man viel, was auch im Labor wertvoll ist. 

Heute sind Rückenmarksverletzungen Ihr Spezialgebiet. Warum? 
Axone, also Nervenfasern und ihre Netzwerke haben mich einfach beeindruckt und mir war klar, dass sie bei einer Rückenmarksverletzung die größte Bedeutung haben. Immerhin gibt es dort dieses ganz klare Problem der Unterbrechung. Als ich eine Querschnittsverletzte, Annette, kennenlernte, habe ich ihre persönliche Geschichte erfahren. Sie hat mich noch mehr motiviert, etwas zu verändern. 

Sie forschen bereits seit vielen Jahren. Gibt es dabei immer einen genauen Plan?
80-90% ist in der Wissenschaft vorhersehbar. Es gibt klare Regeln, zu den aufeinanderfolgenden Schritten. Dann gibt es aber Momente, in den etwas komplett Überraschendes passiert. Es ist, als würde sich eine neue Türe öffnen. Man weiß zwar nicht, wohin sie führt, man möchte aber durchgehen und Neues entdecken. Für uns waren es große Momente als wir mehr über Nogo und Nogo-Rezeptoren herausgefunden haben. Das war bis dahin unbekannt.  

Was genau haben Sie mit Ihrem Team entdeckt?
Es gibt Proteine, die das Auswachsen von Axonen, also Nervenfasern aufhalten können. Darauf haben wir uns konzentriert. Wir haben einen Rezeptor für diese Proteine entdeckt und entwickelten ein Abfangmolekül, genannt die „Nogo-Falle“. Das schützt die Rezeptoren der Nervenfasern davor, von den Proteinen entdeckt und gehemmt zu werden. 

Das klingt sehr schwierig. Können Sie uns sagen, was das in der Praxis bedeutet?
Wir haben dieses besagte Molekül in das Nervenwasser von querschnittsverletzten Ratten injiziert. Und jetzt kommt der Clou: Nahezu ein Drittel der gelähmten Tiere konnte sich wieder voll bewegen. Und zwar auch dann noch, wenn wir erst drei Monate nach ihrer Verletzung mit der Therapie begonnen haben. 

Das ist beeindruckend! In diesem Jahr startet die klinische Studie zu dieser „Nogo-Falle“ unter dem Namen „ReNetX“. Sie gehen also vom Labor in die Klinik. Was genau soll dabei untersucht werden?
Wir geben chronisch querschnittgelähmten Patienten Infusionen mit AXER-204 („NoGo Falle“). Das spritzen wir direkt durch die Lendenwirbelsäule ins Nervenwasser. Wir möchten erreichen, dass sich die Nerven rund um die Verletzungsstelle neu ordnen und sich neue Netzwerke ausbilden. Das soll die motorischen Funktionen verbessern. 

 (Samo Vidic )
© Samo Vidic

Wird es den Patienten nach dieser medikamentösen Behandlung besser gehen?
Das ist unser Ziel. Zunächst untersuchen wir die Sicherheit, Verträglichkeit und Wirksamkeit des Medikaments. Im Experiment haben wir zwar keine komplette Genesung, aber deutliche Fortschritte gesehen. Jetzt bei Menschen ist das natürlich nicht so einfach. Die Patienten dieser Studie haben Restfunktionen in ihren Armen und Händen. Sie werden zwar auch nicht den ursprünglichen Funktionsumfang zurückgewinnen; es wird aber nachweisbare, wichtige Verbesserungen geben. 

Warum ist Ihr Fokus eigentlich auf chronischen Patienten?
Es ist sehr schwer in den ersten Wochen vorherzusagen, wohin sich Patienten entwickeln. Ein paar machen mehr Fortschritte, andere weniger. Wir können nur vermuten. Wenn die Verletzung ein Jahr her ist, verändert sich der Zustand kaum noch. So haben wir eine klar definierte Gruppe und können die Tests schneller durchführen. Außerdem gibt es sehr viele chronisch Verletzte, die Hilfe brauchen. 

Denken Sie in Ihrer täglichen Laborarbeit an Ihre Patienten?
Ja, ich denke oft an die vielen Betroffenen. Wenn dieses Medikament funktioniert, bringt es jedem mit einer Rückenmarksverletzung etwas. Wir designen die Studie nun mit einer gewissen Gruppe, um klare Antworten auf unsere Fragen zu bekommen. Wenn sie erfolgreich ist, können wir sie ausweiten. 

 (Samo Vidic )
© Samo Vidic

Was motiviert Sie, so unermüdlich dran zu bleiben?
Für mich fühlt sich meine Arbeit an wie eine Mission.  

Und wie ist der private Stephen Strittmatter?
(lacht) Meine Frau und ich haben vier erwachsene Kinder. Wir haben ein Boot und fahren gerne Ski. Große Pläne wie eine Weltumsegelung haben wir nicht. Wir finden in unserer freien Zeit gerne Entspannung. 

Haben Sie Träume für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass eine multiple Medikation das Leben von Betroffenen verbessert. Ich möchte die medizinische Praxis verändern und Therapien entwickeln. Darin unterscheiden sich meine beruflichen und privaten Träume nicht sonderlich.  

Was bedeutet Glück für Sie? 
Meine wissenschaftlichen Erkenntnisse erfolgreich in die Praxis zu bringen - das würde mich sehr glücklich machen. 

Stephen Strittmatter ist Direktor des Departments für Zelluläre Neurowissenschaften, Neurodegeneration und Neuroregeneration an der Yale Universität. Sein Forschungsfokus liegt auf dem Wiederaussprossen beschädigter Nerven. Das Unternehmen „ReNetX Bio“ ging aus Strittmatters Arbeit hervor. Wings for Life fördert das Projekt des amerikanischen Forschers mit 7 Millionen Dollar. Die bisher höchste Fördersumme.