© Henry Welisch

Über Nacht querschnittsgelähmt


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Wie muss es sich anfühlen, wenn man gesund ins Bett geht und mit Querschnitt wieder aufwacht. Plötzlich gefangen im eigenen Körper und unfähig, aufzustehen. Philipp Kuttin hat es erlebt. Das ist seine Geschichte.

Es ist August. Als Philipp aufwacht, ist es mitten in der Nacht. Um ihn herum ist alles stockfinster. Zuerst weiß er nicht, wo er ist. Er spürt eine leichte Brise um seine Nasenspitze und feuchtes Gras an seinem Ohr. Jetzt fühlt er es auch an seinen Fingern, er liegt in einer Wiese. Über ihm sieht er eine eckige Silhouette. Es ist der Balkon seines Hotelzimmers. Zuerst glaubt er zu träumen. Philipp versucht aufzustehen, aber seine Beine bewegen sich nicht. Stechender Schmerz in seinem Rücken. Um ihn herum ist alles still. Allmählich wird ihm klar, dass etwas nicht stimmt. Es ist kein böser Traum. Er ruft nach Hilfe. „Bitte lass es mir nicht so wie dem Luki Müller gehen, bitte nicht wie dem Luki“, sagt er immer wieder zu sich selbst. Lukas Müller ist ein ehemaliger Trainingskollege von Philipp, er ist seit einem Sturz auf der Skiflugschanze am Kulm inkomplett gelähmt.

Philipp zeigt Fotos von seinem früheren Leben. (Henry Welisch)
Philipp zeigt Fotos von seinem früheren Leben.  © Henry Welisch

Ein Bundesheer-Kollege hört Philipps Hilferufe. Die beiden sind zu der Zeit auf Sommerausflug in Oberösterreich. Sein Kollege ruft sofort die Rettung, es dauert nicht lange, bis die Sanitäter kommen. „Ich weiß noch, dass mich alle so komisch angeschaut haben“, so Philipp, als er von der alles verändernden Nacht erzählt. Er ist den ganzen Weg ins Krankenhaus bei Bewusstsein, sein Zustand eine kuriose Mischung aus Schock und Gefasstheit. Seine Eltern sind zu dieser Zeit drei Autostunden entfernt, daheim in Kärnten. Sie machen sich sofort auf den Weg. Auch Philipps Schwester Jasmin fährt auf schnellstem Weg zu ihm.

Philipp wird operiert. Nach anderthalb Tagen verschlechtert sich sein Zustand rapide und er erleidet einen Lungenkollaps. Ein gefährlicher Zustand, der das Atmen fast unmöglich macht. Der damals 22-Jährige ist in Lebensgefahr. Seine Familie bangt um sein Leben. „Meine Eltern hat das schwer mitgenommen“, erinnert sich Philipp. Nach einigen Stunden dann die Entwarnung, Philipp ist über den Berg und wieder bei Bewusstsein. Aber sein Körper hat irreversible Schäden. Kurze Zeit später kommt der Oberarzt mit der Diagnose in das Krankenzimmer: Komplette Querschnittslähmung. „Da ist eine Welt für mich zusammengebrochen. Ich wollte das nicht wahrhaben“, so Philipp.

Familienzeit: Heinz, Gabriele, Jasmin und Philipp Kuttin beim Urlaub auf der Insel Elba im Jahr 2016. (Privat)
Familienzeit: Heinz, Gabriele, Jasmin und Philipp Kuttin beim Urlaub auf der Insel Elba im Jahr 2016.  © Privat

Die erste Woche im Krankenhaus ist schlimm für ihn. Seine Füße brennen wie Feuer, er braucht starke Schmerzmittel. Es sind Nervenschmerzen, die auch heute noch manchmal kommen. Das ist nicht alles, womit Philipp ab jetzt zurechtkommen muss. Blase und Darm funktionieren nicht mehr, er ist auf Hilfe angewiesen. „Man spürt es einfach nicht mehr.“ Nach seiner Zeit im Krankenhaus geht es für fast fünf Monate auf Reha nach Murnau und Bad Häring. Es folgen Tage gefüllt mit Physiotherapie und Regenerationsübungen. Philipp lernt Dinge, die er in seinem neuen Leben braucht. „Du musst dich von einem Tag auf den anderen mit einem Katheter beschäftigen, um überhaupt auf die Toilette gehen zu können. Das war eine große Hürde für mich“, so Philipp. Er trifft auf viele Frischverletzte. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit liegen in der Luft.

Philipp war fünf Jahre lang Nordischer Kombinierer. 2018 beendete er seine Karriere. (Romina Eggert)
Philipp war fünf Jahre lang Nordischer Kombinierer. 2018 beendete er seine Karriere.  © Romina Eggert

Der Sturz in ein anderes Leben
Wie es überhaupt so weit kommen konnte? Philipp weiß bis heute nicht genau, was in dieser August-Nacht passiert ist. Getrunken hat er nichts. Aber er ist schon einmal schlafgewandelt. „Vor fünf Jahren hat mich meine Mama mal in der Nacht im Badezimmer sitzend gefunden, ich kann mich an nichts davon erinnern“, so Philipp. Fakt ist, dass er in dieser Nacht im August 2020 im Schlaf 8,5 Meter von einem Balkon im zweiten Stock gefallen ist. „Das war bis jetzt mein tiefster Flug“, sagt er trocken und lacht.

Das ist die Art, wie der 23-Jährige mit seinem Schicksal umgeht. Er hat eine Sportler-Mentalität. Zurückblicken bringt nichts, es geht mit aller Kraft nach vorne. „Ich habe damit abgeschlossen, wie mein Körper früher war, ich konzentriere mich auf das Jetzt.“ Philipp war selbst nordischer Kombinierer und ist der Sohn von Heinz Kuttin, dem zweifachen Skisprung-Weltmeister und Olympia-Medaillengewinner. Philipp hat ein sehr enges Verhältnis zu seinen Eltern, er wohnt mit ihnen unter einem Dach. „Meine Eltern sind in ein tiefes Loch gefallen, als sie die Röntgenbilder von meinem gebrochenen Rücken gesehen haben“, erzählt der junge Kärntner. Papa Heinz ist nach dem Unfall fast zwei Wochen durchgehend bei seinem Sohn im Krankenhaus. Während Philipp auf Reha ist, wird das Elternhaus barrierefrei umgebaut. „Auf meinem neuen Badezimmer steht ‚Pipi-Lounge‘. Das hat sich meine Schwester nicht nehmen lassen“, sagt Philipp und schmunzelt. Was sich nicht verändert hat, ist die enge Beziehung zu seiner Familie. Und seine Liebe zum Online-Gaming. „Ich zocke gerne. Am liebsten im Team, ich war schon immer ein Teamplayer. Durch das Gaming habe ich viele coole Leute kennengelernt. Einige davon haben mich sogar auf Reha in Murnau besucht.“

Rückhalt: Seine Mama Gabriele ist für Philipp einer der wichtigsten Menschen im Leben.  (Henry Welisch )
Rückhalt: Seine Mama Gabriele ist für Philipp einer der wichtigsten Menschen im Leben.   © Henry Welisch

Alle für Einen
Philipps Unfall löst eine Welle an Betroffenheit in seinem Umfeld aus. Die Klagenfurter Skisprung-Gemeinschaft startet eine Spendenaktion, um dem ehemaligen Teamkollegen zu helfen. Biathlon-Weltmeisterin Lisa Hauser gründet ein Laufteam beim Wings for Life World Run. Das Team „OESV Biathlon für Philipp Kuttin“ hat am Renntag 419 Teilnehmer und sammelt mehr als 11.000 Euro für die Rückenmarksforschung. „Das war ein so geiles Gefühl, dass so viele Leute mit dabei waren und dadurch gleichzeitig mich und meine Zukunft unterstützen.“ Philipp ist gemeinsam mit 40 Leuten aus seinem Team in der Region Weißensee in Kärnten unterwegs. „Es war ein extrem heißer Tag, aber ich habe am Ende 13,5 km geschafft.“

Philipp blickt nicht gerne zurück, er konzentriert sich auf die Zukunft.  (Henry Welisch)
Philipp blickt nicht gerne zurück, er konzentriert sich auf die Zukunft.   © Henry Welisch

Als nächstes geht Philipp nach Wien. Er beginnt ein Sportgeräte-Bau-Studium. „Da freue ich mich schon sehr drauf, das ist genau meins“, sagt er und grinst. Philipp wirkt stark, er schaut nach vorne. Er hat einen Weg gefunden, aus seinem Optimismus Kraft zu schöpfen. Es erleichtert ihm sein Schicksal. Dass er als junger Mensch schon viel durchmachen musste, lässt er sich nicht anmerken. Auf die Frage, was er vermisst, merkt man es ihm aber doch an. „Da gibt’s schon ein paar Sachen. Einfach spontan wohin zu fahren und mit Freunden fortgehen zum Beispiel, das habe ich immer gerne gemacht“, erzählt Philipp und lässt den Blick in den Himmel schweifen. „Und natürlich das Fliegen. Die Leichtigkeit. Wenn es eine Heilung gäbe, würde ich am liebsten wieder Skispringen oder Fallschirm springen gehen.“

"Wenn es eine Heilung gäbe, würde ich am liebsten wieder Skispringen oder Fallschirm springen gehen." (Henry Welisch)
"Wenn es eine Heilung gäbe, würde ich am liebsten wieder Skispringen oder Fallschirm springen gehen."  © Henry Welisch


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