© David Robinson

Servus Rosi


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„Ich bin schon ein bisschen wehmütig“, sagt Rosi Lederer und lächelt. Nach acht Jahren bei Wings for Life geht sie in den Ruhestand, wohlwissend dass sie ihren Kollegen sehr fehlen wird. Als Wissenschaftliche Koordinatorin war sie kritische Insiderin und verantwortlich im Auswahlprozess der Forschungsprojekte. Wir bitten die Münchnerin um einen Rückblick auf die letzten Jahre.

Rosi, dir wurde 2010 der Job als Wissenschaftliche Koordinatorin bei Wings for Life angeboten. Warum eigentlich?
Das Team von Wings for Life war noch recht klein; unser Wissenschaftlicher Direktor Jan Schwab und der Biologie Vieri Failli koordinierten die Forschungsförderung von Berlin aus. Die Geschäftsführerin Anita Gerhardter wollte die Wissenschaft greifbarer und vor allem mehr in ihrer Nähe haben, auch um besser nachvollziehen zu können, welche Projekte gefördert werden und vor allem auch warum. Sie sah meine Position als wichtige Schnittstelle im Team und wollte diese in Salzburg vor Ort haben. Ich, auf der anderen Seite, fand das Thema Querschnittslähmung sehr spannend. Und so zog ich 2010 nach Salzburg um meinen neuen Job anzutreten.

Erinnerst du dich noch an deinen ersten Arbeitstag in der Stiftung?
Ja, noch recht gut. Ich bin gegen halb neun ins Büro gekommen. Vieri Failli hat mir erklärt, wo bereits geförderte Anträge und Projekte abgelegt sind und wie ich mich auf den Server zurechtfinde. Ich bekam auch eine Übersicht über den Stand der Projekte, für welche die Verträge noch nicht fertig und abgeschlossen und für welche Reports einzufordern waren. Im ersten Moment dachte ich über die 25 laufenden und für mich komplett neuen Projekte: „Ja, hier gibt es einiges zu tun...“

Deinem Einstand folgte dann sehr bald ein Wissenschaftlicher Kongress oder?
Genau, ich flog zur „Neuroscience Conference“ nach San Diego. Dort begegnete ich erstmals vielen neuen Gesichtern aus dem Bereich Rückenmarksforschung. Den bekannten Forscher Sam David kannte ich bis dahin nur von unserer Webseite. Irgendwann, als sich unsere Wege bei den Postern kreuzten, habe ich mir ein Herz gefasst und mich ihm vorgestellt. Bis heute erinnere ich mich an seine offene und positive Reaktion mir gegenüber. Er hat mir den Rat gegeben, immer über den Tellerrand zu schauen, den ich bis heute befolge.

Rosi Lederer mit Sam David beim Scientific Meeting in Salzburg.  (Martin Lugger )
Rosi Lederer mit Sam David beim Scientific Meeting in Salzburg.   © Martin Lugger

Was für eine Tätigkeit mochtest du an deinem Job besonders?
Am liebsten mochte ich die Zeit im Antragsjahr, wenn alle neuen Anträge eingereicht waren und wir uns in die Projekte eingelesen haben um Gutachter dafür zu benennen. Gemeinsam mit meiner Kollegin Verena May, die 2013 dazu kam, habe ich für jedes Projekt eine Power Point Zusammenfassung erstellt. Danach haben wir alle Kommentare unserer Expertengutachter gelesen und zusammengefasst. Das fand ich immer extrem spannend.

Gibt es Ansätze, die Potential haben in naher Zukunft sehr erfolgreich zu sein?
Als ich das erste Mal ein Projekt zur Epiduralen Stimulation auf dem Tisch hatte, fand ich das höchst interessant und konnte mich sofort dafür begeistern. Jetzt laufen die ersten Proof of Concept Studien, also Machbarkeitsstudien. Diese werden klären, ob das wirklich für jeden Patienten geeignet ist. Auf was ich auch ungeduldig warte und wissen möchte: Wird man einen Stimulationsmodus finden, der auch Funktionen der oberen Extremitäten zurückbringt? Da würde ich mich sehr über die ersten Studien freuen. Grundlagenwissenschaftliche Projekte der Vergangenheit haben außerdem gezeigt, wo man ansetzten könnte. Man sieht, dass etwas weitergeht. Die von Wings for Life mit mit sieben Millionen Dollar geförderte Studie von Stephen Strittmatter in Yale ist für mich sehr vielversprechend, ich bin sehr gespannt auf die ersten Ergebnisse. Die Heilung passiert nicht von heute auf morgen, aber es werden in den nächsten Jahren Schritte gemacht werden, die etwas bewegen.

Anita Gerhardter, Heinz Kinigadner und Rosi Lederer bei der Entscheidungssitzung. (Matthias Lixl )
Anita Gerhardter, Heinz Kinigadner und Rosi Lederer bei der Entscheidungssitzung.  © Matthias Lixl

Das klingt von dir immer alles sehr vorsichtig...
Als seriöse Forschungsstiftung sollten wir wirklich nur das versprechen, was die Ergebnisse aus diesen Projekten auch halten können. Wir müssen sagen, wie es wirklich ist und dürfen keine falsche Hoffnung schüren. Es war mir immer wichtig, bei den Patienten keine Erwartungen zu wecken, die vielleicht nicht erfüllt werden können.

Auch wenn wir keine Privatpersonen fördern, erreichen uns immer wieder auch Anfragen von Betroffenen, die um Hilfe bitten. Schaffst du es, diese immer sachlich zu betrachten?
Ich habe in meiner Zeit als Ärztin gelernt, eine berufliche Distanz aufzubauen. Man muss nicht mit jedem Patienten verzweifeln. Trotzdem fällt es mir immer schwer Querschnittsverletzten oder Angehörigen sagen zu müssen, dass es noch keine Heilung gibt. Vor allem wenn sich Familien melden, bei denen ein Baby oder Kind betroffen ist, schreibt man keine Mail, geht nach Hause und die Sache ist vergessen. Das fasst einen an, gerade weil man weiß, dass es für Kinder keine Querschnittszentren in Europa gibt. Man versucht zu helfen, Kontakte herauszufinden, zumindest etwas zu empfehlen.

Rosi Lederer im Austausch mit Jan Schwab, dem Wissenschaftliche Direktor von Wings for Life und der querschnittsverletzten Julia Macchietto.  (Wolfgang Lienbacher)
Rosi Lederer im Austausch mit Jan Schwab, dem Wissenschaftliche Direktor von Wings for Life und der querschnittsverletzten Julia Macchietto.   © Wolfgang Lienbacher

Du gibst deine Aufgaben nun alle ab. Fällt dir das schwer?
Meine Kollegin Verena May ist bereits seit fünf Jahren wie ich Wissenschaftliche Koordinatorin, wir haben uns die Arbeit immer aufgeteilt und sie ist absolut in der Lage unseren Bereich weiterzuführen. Außerdem haben wir mit meinem direkten Nachfolger Markus Böttinger jemand sehr kompetenten, der sich schnell gut einarbeiten wird. Mit unserem wissenschaftlichen Beratergremien und dem transparenten Prozess haben wir eine sehr sichere Struktur und eine Leitplanke für den Entscheidungsprozess geschaffen.

Was wirst du nun mit so viel Freizeit anstellen?
(lacht) Ich werde ab jetzt auch wieder während der Woche in München sein, in der Früh lange Zeitung lesen können und nicht mehr so exakt planen müssen. Ich habe jetzt mehr Zeit für meine Familie, meinen Garten und kann bei Schönwetter in die Berge gehen. Wenn man seine Arbeit gerne gemacht und mit einem netten Team zusammen gearbeitet hat, geht man aber natürlich auch mit Wehmut. Ich habe das Angebot, in den Stiftungsbeirat von Wings for Life einzutreten, erfreut angenommen. Eine beratende Funktion bleibt mir also. Und selbstverständlich werde ich weiterhin beim Wings for Life World Run teilnehmen. 

Was wünschst du dir für die Stiftung?
Dass interessante Anträge weiterhin entsprechend Gehör finden und dass sich in den nächsten fünf Jahren erfolgreiche Ansätze zu klinischen Studien entwickeln. Das wünsche ich der Stiftung, vor allem aber den Betroffenen.

 

Die Ärztin Rosi Lederer war acht Jahre lang für die Forschungskoordination, -administration und –förderung  von Wings for Life zuständig. Davor hatte sie 10 Jahre lang Erfahrung mit der Koordination der Bayerischen Forschungsverbünde und eine Zusatzausbildung in Public Health. Ab Oktober 2018 wechselt Rosi Lederer in den Stiftungsbeirat von Wings for Life. Sie ist verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.