© Andreas Schaad

Selbst Axone hören auf ihn


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Na gut, das ist leicht übertrieben. Aber der Neurologe Zhigang He hat es tatsächlich als einer der Ersten geschafft, Nervenfasern – also Axone – mit einem bestimmten Molekül wieder auswachsen zu lassen. Ein Gespräch mit einem hochangesehenen Wissenschaftler.

Professor He, beschäftigt man sich mit Neurologie und der Rückenmarksforschung, kommt man um Ihren Namen nicht herum. War das Ihr Kindheitstraum?
(Lacht.) Nein. Ich habe in China Medizin studiert. Bei einem Praktikum kam ich mit Querschnittspatienten in Berührung und musste feststellen, dass es für sie keine Behandlungen gibt. Man hat damals nicht einmal verstanden, was eine Rückenmarksverletzung überhaupt ist. Für mich wurde klar, dass ich etwas verändern möchte. So ging ich in die Grundlagenforschung.

Was war daran so spannend?
Wenn man Grundlagenforschung macht, wird einem klar, wie viele Fragen noch offen sind. Ständig neue Antworten zu finden ist aufregend.

Können Sie uns mehr über Ihre größten Entdeckungen erzählen?
Bei einer Rückenmarksverletzung wird die Verbindung zwischen dem Gehirn und dem restlichen Körper unterbrochen. Das ist eine sehr schwierige Situation. Unsere große Frage war von Anfang an, wie man die Verbindung wiederherstellen kann. Man muss sich vor Augen halten, dass die Evolution mehrere Millionen Jahre gebraucht hat, damit der Körper so perfekt funktioniert. Vor zehn Jahren haben wir dann eine Publikation über PTEN veröffentlicht. Schaltet man dieses Protein aus, können Axone regenerieren.

Was genau ist dieses PTEN?
Zellen wachsen, das liegt in ihrer Natur. Das Enzym PTEN unterdrückt das ständige Wachsen von Zellen. Schaltet man diesen „Wachstumshemmer“ ab, kann man Nervenwachstum ermöglichen. Was für Teile des Rückenmarks enorm wichtig sein kann, birgt aber Gefahren. Ein Abschalten von PTEN kann nämlich zur unkontrollierten Aktivierung des Zellzyklus führen und so zur Ausbildung von Tumoren. Wir haben herausgefunden, dass PTEN deshalb nicht ideal für eine klinische Anwendung ist. Nun müssen wir an einer sicheren Strategie arbeiten, die ähnliche Effekte wie PTEN auf Nerven hat, ohne diese Nebenwirkungen hervorzurufen.

Und woran arbeiten Sie aktuell?
Wir haben zum Beispiel kürzlich entdeckt, dass das Molekül Osteopontin die Nervenzellen empfänglicher für die Effekte von bestimmten Wachstumsfaktoren machen kann. Eine Kombinationstherapie aus Molekülen und Faktoren zeigt im Querschnittsmodell bereits die erfolgreiche Regeneration von Axonen und ahmt die Funktion von PTEN nach.

Wie wird es in Ihrem Labor weitergehen?
Im Labor macht man neue Entdeckungen und kann die Umstände kontrollieren. Die Translation in die Klinik – also alles, was wir im Labor entdeckt haben, an den Patienten zu bringen – bleibt eine Herausforderung. Letztes Jahr haben wir ein Paper veröffentlicht, in dem wir berichten, dass wir schlafende Axone in einer Maus aufwecken konnten. Die Weiterforschung daran ist für uns sehr aufregend und wäre langfristig der einfachste Weg zu einer funktionellen Erholung. 

Auf eine Antwort folgt wohl immer die nächste Frage ... 
Forscher sind generell wissbegierig. Das ist unser Job.

Zhigang He beim jährlichen Wings for Life Scientific Meeting in Salzburg. (Martin Lugger)
Zhigang He beim jährlichen Wings for Life Scientific Meeting in Salzburg.  © Martin Lugger

Wie wird sich die Rückenmarksforschung in den nächsten Jahren verändern?
In den letzten 10 bis 15 Jahren hat die Rückenmarksforschung enorme Fortschritte gemacht. Es gab große Sprünge in der Technologie und mehr klinisches Verständnis. In den kommenden Jahren wird es so weitergehen. Wir leben in einer sehr spannenden Zeit. Ich glaube zwar nicht, dass es eine komplette funktionelle Erholung einer Querschnittslähmung geben wird, aber die Methoden könnten ähnlich wie bei Krebs sein: Es wird Behandlungen geben, und nicht jede Verletzung muss zu einem chronischen Leiden führen.

Heißt das, die Forschung geht bald mehr in die Klinik?
Jedes kleine Stück, jede Entdeckung trägt zum großen Ganzen bei. Basierend auf den Daten, die wir bereits haben, bin ich vorsichtig optimistisch. Ich hoffe, dass wir vieles in die Klinik bringen können.

Schalten Sie eigentlich auch mal ab?
Ich bin lange Ski gefahren, rund um Boston geht das perfekt. Vor ungefähr sieben Jahren habe ich dann mit dem Snowboarden angefangen. Es hilft mir, den Kopf frei zu bekommen. Ich spiele auch gerne Squash mit meinen Töchtern. Es ist schön zu sehen, wie sie immer besser und besser werden.

Was ist Ihr Traum für die Zukunft? 
Noch bevor ich in Pension gehe, soll unsere Forschung Patienten helfen. Das ist mein Traum.

Wie viel Zeit haben wir?
Das dauert hoffentlich nicht mehr allzu lange. Je früher, desto besser.


Der gebürtige Chinese Zhigang He ist Professor der Neurologie an der Harvard Medical School. Am Boston Children’s Hospital leitet er ein Forschungslabor, das sich auf neuronale Heilung spezialisiert. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.

 

Mit Ihrer Teilnahme am Wings for Life World Run und Ihren Spenden unterstützen Sie Forscher wie Zhigang He. Danke :-)