Querschnittsverletzte bewegen Arme und Hände


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Es klingt wie ein Wunder. Querschnittsgelähmte, die vom Hals abwärts gelähmt sind, können ihre Hände und Arme wieder bewegen. Ein unglaubliches Phänomen, dem eine ausgeklügelte chirurgische Technik zugrunde liegt. Aber von vorne. 

Klassische und neue Methode
Für die chirurgische Wiederherstellung von Arm- und Handfunktionen wird üblicherweise der sogenannte Sehnentransfer verwendet. Dabei wird die Ansatzstelle einer Sehne eines funktionstüchtigen Muskels am Knochen versetzt. An einer anderen Knochenansatzstelle soll der Muskel dann die Funktion von gelähmten Muskeln übernehmen. So können Funktionen zurückgewonnen werden. Muskeln, die durch eine Querschnittsverletzung gelähmt sind, werden somit ersetzt, aber nicht selbst wieder aktiviert, weshalb eine Alternative gesucht wurde. Diese ist der Nerventransfer. Dabei wird ein funktionstüchtiger Nerv mit einer Nervenendigung verknüpft, die durch die Querschnittsverletzung ausgeschaltet wurde. Entlang dieser abgestorbenen Nervenstruktur ist dann ein Auswachsen des gesunden Nervens und damit eine direkte Aktivierung des gelähmten Muskels möglich. Und noch mehr:  Ein Nerventransfer kann die Funktion gleich mehrerer Muskeln wiederherstellen. Außerdem können mehrere Nerventransfers gleichzeitig erfolgen. 

Die Kombi macht´s
Natasha van Zyl ist Neurochirurgin aus Melbourne leistete mit ihrer Gruppe Pionierarbeit. Sie behandelte Patienten in einem frühen Stadium nach ihrer Querschnittsverletzung und bei einer Schädigungshöhe des 5. bis 7. Segments des Halsmarks. Sie und ihr Team kombinierten beide Techniken.
Mit dem Sehnentransfer sollte mehr Kraft erzielt werden, während mit einem Nerventransfer die Feinmotorik gestärkt werden sollte. Mit Erfolg! Bei der jetzt veröffentlichten Studie wurden zehn querschnittsverletzte Männer und drei querschnittsverletzte Frauen operiert. Von59 neu verlegten Nerven, verliefen nur 4 erfolglos. Die Patienten hatten deutlich verbesserte Funktionen. Nämlich die Streckung im Ellenbogen, das Öffnen der Hand, die Greiffunktion und der Pinzettengriff.
Für die Querschnittsgelähmten bedeutet das einen immensen Zugewinn an Lebensqualität. Zwei Jahre nach Operation waren sie wieder in der Lage selbstständig zu essen, zu trinken, zu schreiben oder ihren Rollstuhl zu benutzen. Einigen von ihnen konnten sogar zurück ins Berufsleben. 

Herausragende Ergebnisse
Erstmals wurde das Ergebnis frühzeitiger und mehrfacher Nerventransfers nach einer traumatischen Querschnittslähmung untersucht. Van Zyls Arbeit ist die größte prospektive Fallserie an Nerventransfersbei jungen, tetraplegischen Patienten. Sie hat sowohl das verbesserte chirurgische Ergebnis, als auch den funktionellen Nutzen und die Patientenzufriedenheit bewertet. Ihre Technik hat sich als sichere und effektive Zusatzmethode zum klassischen Sehnentransfer erwiesen. Ein Projekt, das Hoffnung macht. Nun müssen die nächsten Schritte gegangen werden. 

Diese Studie wurde veröffentlicht im Journal Lancet.

 

Quelle:“Expanding traditional tendon-based techniques with nerve transfers for the restoration of upper limb function in tetraplegia: a prospective case series” by van Zyl N, Hill B, Cooper C, Hahn J, Galea MP. Published in July 2019 in the journal Lancet.