© Lisa Jungmann

„Meine Hoffnung ist unerschütterlich“


Zur Übersicht

Im großen Haus der Kinigadners in Tirol ist es immer turbulent. Wie selbstverständlich gehen Familienmitglieder, Freunde und Bekannte ein und aus, man hört herzliches Lachen und übermütig-tobende Kinder. Alle sind in Bewegung und scheinen den lebendigen Trubel zu genießen. Einzig wenn es um diesen einen Tag vor 15 Jahren geht, legt sich eine bedrückende Stille über die Familie. Da scheint das starke Oberhaupt Heinz so zerbrechlich, seine Frau Waltraud als müsste sie die schlimmsten Tage in ihrem Leben noch einmal fühlen. Und ihre erwachsenen Kinder Isabell und Hannes, als hätten sie nie verstanden, wie sehr sich die Ereignisse damals überschlugen.
Wir kennen die Geschichte bereits von Wings for Life Stiftungsgründer Heinz Kinigadner. Seine Frau Waltraud aber teilt ihre Sicht der Erinnerungen erst jetzt mit uns.

Mit 20 lernt die Tirolerin den aufstrebenden Motocrossfahrer Heinz Kinigadner kennen. Die beiden verlieben sich, bekommen die Kinder Isabell und Hannes und heiraten. Heinz gilt als einer der erfolgreichsten Sportler Österreichs, reist viel und holt zweimal den Motocross-Weltmeistertitel. Waltraud kümmert sich während dieser Zeit um die Kinder. „Um Hannes habe ich mir immer viele Sorgen gemacht, weil er so wild war. Ich hatte oft das Gefühl: Den bringe ich nicht groß...“, denkt sie zurück.
Als er 14 ist, beginnt auch Hannes mit dem Motocrossfahren und möchte sein Talent austesten. „Die Rennen waren jedes Mal schlimm für mich. Ich konnte oft gar nicht hinschauen, wenn er fuhr.“

Der Tag, der alles veränderte
Im Juli 2003 macht Familie Kinigadner Urlaub auf Ibiza. Hannes und Heinz fliegen früher nach Hause und besuchen den gerade verunfallten Motocrossfahrer Pit Beirer, der nach einem schweren Sturz querschnittsgelähmt ist. „Pit war ein Vorbild für mich. Als wir zu ihm ins Krankenhaus kamen, sah ich wie er seine Beine nicht mehr bewegen konnte. Das war schockierend für mich“, erinnert sich der damals 18-jährige Hannes. „Am Heimweg war ich sehr bedrückt.“ 
Zwei Tage später reist der junge Mann mit Freunden zu einem Benefiz-Motorradrennen nach Oberösterreich. „Ich erinnere mich, dass es ein schöner Tag war. Mir ging es richtig gut.“


Das Rennen startet, Hannes kommt nicht gut weg, kann in einer schnellen Linkskurve einem gestürzten Fahrer nicht ausweichen. Er prallt mit dem Kopf am Boden auf und bleibt bewegungslos am Bauch liegen. Das Rennen wird sofort abgebrochen, Hannes erstversorgt. Er spürt nicht, wie ihm die Stiefel ausgezogen werden, oder er im Krankenwagen aus der Kleidung geschnitten wird. Dann verliert er das Bewusstsein.

Die Zeit steht still
„Heinz rief mich auf Ibiza an und sagte mir, ich solle sofort alles zusammenpacken und zum Flughafen fahren. Was genau passiert ist, wusste ich nicht“, übernimmt Waltraud wieder die Erzählung. Sie landet in Salzburg, ihr Mann erwartet sie bereits im Krankenhaus auf der Intensivstation. „Er wusste schon, dass unser Sohn querschnittsverletzt und sein Zustand sehr schlecht ist.“ 
In den folgenden Wochen steht für die Familie die Zeit still. Alle bangen um das Überleben von Hannes. Dieser erleidet zwei Herzstillstände, einen Kleinhirninfarkt und erstickt fast. Als er zu sich kommt, hat er Panik. „Wir wollten bei ihm sein und haben eine kleine Wohnung in Salzburg bezogen. Ihm nicht helfen zu können war schrecklich“, sagt Waltraud leise.


Zeitgleich laden Heinz Kinigadner und sein Freund Red Bull Gründer Dietrich Mateschitz Experten ein, um den Stand der Rückenmarksforschung zu diskutieren. Die Ernüchterung: Es gibt eine legitime Hoffnung – die Forschung für Querschnittslähmung ist aber komplett unterfinanziert.

Vom Hals abwärts gelähmt
Nach einigen Wochen wird Hannes das erste Mal in einen Rollstuhl gesetzt. Erst jetzt wird ihm bewusst, dass er von nun an vom Hals abwärts gelähmt ist und seine Funktionen nicht zurückkommen werden. „Da bist du zusammengebrochen“, ergänzt Waltraud betroffen. „Das mitanzusehen war das Schlimmste.“   


Hannes wird nach Murnau verlegt. Ausgerechnet in das Zimmer von Pit Beirer. „Ein paar Tage lagt ihr gemeinsam drinnen, bevor Pit nach Hause durfte. Das alles zu akzeptieren war nicht leicht“, sagt Waltraud in Richtung ihres Sohnes. „Aber man hat keine andere Wahl. Man muss weitermachen“, so der heute 35-Jährige.

Ein eingespieltes Team
Nach sieben Monaten kommt Hannes nach Hause. Heinz beendet seine Motorsport-Karriere und übernimmt die Pflege seines Sohnes, der fast immer auf Hilfe angewiesen ist. Eine harte Situation. Für alle. „Man ist dankbar dafür, dass einen jemand so auffängt. Aber natürlich ist es auch extrem schwer, intime Dinge in diesem Alter zuzulassen“, gibt Hannes zu.


Heinz Kinigadner und Dietrich Mateschitz wollen aktiv werden und gründen 2004 mit Hilfe von Experten die Stiftung Wings for Life. Das Ziel: Rückenmarksforschung durch Spenden fördern, um Querschnittslähmung zu heilen. 191 Projekte konnten so bis dato unterstützt werden. „Die Fortschritte in den letzten Jahren waren beachtlich. Vor allem jetzt gerade habe ich das Gefühl, dass sich etwas bewegt“, so Waltraud. Hannes nickt. Er schaut in Richtung seines Patenkindes Anna und ihrem kleinen Bruder Max. Jeder um ihn spürt, wie gerne er aufstehen und zu ihnen gehen würde. Sie hochheben und mit ihnen fangen spielen möchte. Gerne endlich wieder unbeschwert wäre. „Die Querschnittslähmung von Hannes hat nicht nur ihn, sondern unsere ganze Familie verändert. Als Mama wünsche ich mir nichts mehr, als dass seine Träume wahr werden. Meine Hoffnung auf eine Heilung ist unerschütterlich.“ 
 (Lisa Jungmann )
© Lisa Jungmann

 (Lisa Jungmann )
© Lisa Jungmann

 (Lisa Jungmann )
© Lisa Jungmann


Danke, dass Sie uns mit Ihrer Spende dabei helfen, Querschnittslähmung zu heilen.