© Markus Frühmann

Mein Leben mit Querschnittslähmung. Teil 3.


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Claudia Miler ist Tetraplegikerin, kann ihren Körper von den Schultern abwärts nicht bewegen und spüren. In unserer dreiteiligen Interviewserie gibt sie uns Einblicke hinter ihre Fassade – in ein beeindruckendes Leben.  

Sexualität, Beziehung und der Wunsch nach Treppensteigen

Claudia, du hast in Teil eins und in Teil zwei unseres Interviews von deinem Unfall und deinem Leben als zweifache Mutter erzählt. Mittlerweile bist du als Therapeutin tätig. Was machst du genau?
Ich wollte immer mit Menschen arbeiten und habe nach der Geburt von Madeleine Ausbildungen zur Lebens- und Sozialberaterin, zum Systemischen Coach und zur Paar- und Sexualberaterin gemacht. Dadurch habe ich mich auch selbst besser kennen und verstehen gelernt. Ich bin seit fünf Jahren Aktivierungstherapeutin in einem Rehazentrum und in engem Kontakt mit anderen Rollifahrern. Vieles passiert durch Vorleben- und Vorzeigen meinerseits. Auch wenn man gute Physio- oder Ergotherapeuten hat – mit einem Querschnitt ist immer alles anders. 

Du triffst täglich Querschnittspatienten. Was beschäftigt sie am meisten?
Jeder Patient ist anders und auch Alter und Geschlecht spielen eine große Rolle. Vieles dreht sich aber um ein idealisiertes Rollenbild. Frauen haben Sorge, dass sie ihren Haushalt nicht mehr führen können. Männer sind oft die Besserverdiener und wissen nicht, wie sie mit einem gelähmten Körper die Familie erhalten sollen. Auch gesellschaftliche Körperbilder spielen eine Rolle. Die attraktive, sinnliche Frau. Der große starke Mann, der einen Raum betritt. Das kann so plötzlich nicht mehr erfüllt werden. Unser oberstes Ziel ist es, dass Patienten wieder bekommen, was sie hatten. Wenn auch anders. 

Welche Rolle spielt Sexualität für Betroffene?
Es bedarf Mut, aber natürlich drängen sich hier viele Fragen auf. Männer haben meist Sorge, ob sie jemals wieder eine Erektion bekommen werden. Darüber sollte man sprechen – auch mit den Partnern. Deren Bedenken und Ängste sind oft hinten angestellt, sie wissen nicht, was sie tun sollen oder noch dürfen. Natürlich verändert sich alles, wenn jemand keine Empfindungen mehr hat. Da geht es um Vertrauen, Wertschätzung und körperliche Nähe. Ich rede immer in Beispielen, trotzdem schockiere ich Patienten immer wieder damit, dass ich alleinerziehende Tetraplegikerin bin. 

Bist du bei Querschnittverletzungen schon etwas abgebrüht?
Natürlich stumpft man ab. Wenn ich aber Kinder in der Situation sehe, trifft mich das extrem. Oder auch ganz alte Menschen. Dass die ihr Leben noch einmal neu kreieren müssen, geht mir sehr nahe. Manchmal glaube ich, dass man gewisse Dinge im Leben vielleicht einfach nicht vermeiden kann... 

Schicksal? 
Das klingt so negativ, aber ja – nennen wir es so. 

Bist du eigentlich in einer Beziehung?
Ja, seit mehr als drei Jahren. Offensichtlich mag mein Freund keine einfachen und langweiligen Situationen. (lacht) Wir haben uns in der Arbeit kennengelernt, als er die Ausbildung zum Krankenpfleger machte. 

Hilft dir sein beruflicher Hintergrund?
Natürlich nahm es anfangs den Druck, weil er weiß was ein Katheter ist. Gewisse Dinge will und werde ich aber nicht vermischen. Abgesehen von einem Notfall, grenze ich sanitäre Sachen streng von ihm ab. Der, mit dem ich schlafe soll nicht der sein, der mir auf der Toilette hilft. Ich finde, wenn man das tut, wenn man den Partner zum Pfleger macht, macht das etwas mit einem Paar. Ich will keine Beziehung aus Loyalität oder Verpflichtung. Ich möchte, dass jemand wegen mir bei mir ist und nicht weil er glaubt, ich schaffe das nicht alleine. Wir haben eine stinknormale Beziehung wie andere auch. Auch mein Partner rollt mit den Augen, wenn ich ihn bitte den Geschirrspüler auszuräumen. 

Würdest du das alles gerne deinem 16-Jährigen Ich erzählen?
Ach, ich hätte mir das damals in dieser Phase ohnehin nicht geglaubt. So wie Betroffene mir heute oft nicht glauben, wenn ich ihnen sage, dass es Perspektiven gibt. Ich bin überzeugt: „Wenn du dich aufgibst, wird dein Leben negativ bleiben. Du musst anfangen zu kämpfen. Du kannst einen positiven Weg einschlagen, wenn du möchtest.“ Jeder hat die Möglichkeit ein gutes Leben zu führen.

Gibt es etwas, wonach du dich trotzdem sehnst?
Ich würde lügen, wenn ich sage, ich würde nicht gerne mal einfach ein schönes Kleid anziehen, ohne mich reinwurschteln zu müssen. Und Reisen. Das ist so mühsam im Rollstuhl. Ja, ich würde mich gerne in einem billigen, nicht rollstuhlgerechten Hotelzimmer einmieten. Oder auf Österreichs Burgen und Ruinen herumklettern. Oder stundenlang in der Badewanne liegen. Und ich hätte gerne eine Maisonette-Wohnung mit einer Treppe in der ich die Stuften steigen kann. 


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