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Ludwig-Guttmann-Preis für Dr. Anja Raab


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Sie gibt Menschen die Kraft zum Atmen. Anja Raab ist Physiotherapeutin und forscht an Atemtherapien für Querschnittspatienten. Jetzt wurde ihre Doktorarbeit mit einem renommierten Preis ausgezeichnet.

Deine Doktorthesis wurde mit dem Ludwig-Guttmann-Preis geehrt – was bedeutet dir diese Würdigung?
Ich bin sehr stolz, mit dem Ludwig-Guttmann-Preis 2021 ausgezeichnet worden zu sein. Das bedeutet mir viel – es unterstreicht das Potential der Atemtherapie und gibt ihr den nötigen Stellenwert. Wer weiß besser als Querschnittspatienten, dass nur eine funktionierende Lunge überhaupt erst alle weiteren Therapie- und Rehabilitationstechniken möglich macht. Ich hoffe, dass viele Patienten von den neuen Erkenntnissen profitieren können.

Wie bist du von der Physiotherapie zur Wissenschaft gekommen?
Ich bin seit 19 Jahren im Bereich Physiotherapie tätig. Ein Forschungspraktikum mit Lisa Harvey in Australien und eines mit Joy Bruce in den USA haben meinen Blick geschärft, was in der Gesundheitsversorgung noch alles möglich ist. Sie haben mich ermutigt, Gegebenes zu hinterfragen und zu forschen. Das war der Startschuss in Richtung Doktorarbeit.

Warum ist Atemtherapie bei Querschnittslähmung so wichtig?

Je höher eine Querschnittsverletzung, desto weniger Muskeln sind vorhanden. Das Problem ist, dass man ohne Bauchmuskeln nicht mehr husten kann. Das Sekret, das sich bildet, bleibt in der Lunge zurück und kann nicht abgehustet werden. Das kann zu einer Lungenentzündung führen, die leider immer noch die Haupt-Komplikation nach einer Querschnittslähmung ist.

Du hast dich darauf spezialisiert, die Atmung von Querschnittspatienten zu verbessern und auch deine Doktorarbeit diesem Thema gewidmet. Wie kam es dazu?
Ich hatte immer das Gefühl, ich möchte da helfen, wo wirklich Not am Mann ist. Nachdem ich den Master der Physiotherapie begonnen habe, lernte ich Gabi Müller in der Schweiz am Paraplegikerzentrum Nottwil kennen. Sie gab mir die Möglichkeit ein Doktorat zum Thema Atemtherapie zu schreiben und dann führten wir gemeinsam verschiedene Atem-Projekte durch, die von Wings for Life unterstützt wurden.

Anja Raab und Gabi Müller trainieren mit Querschnittspatienten ihre Atmung (Walter Eggenberger)
Anja Raab und Gabi Müller trainieren mit Querschnittspatienten ihre Atmung  © Walter Eggenberger

Wie wird Atemtherapie in der Wissenschaft wahrgenommen?

Ich finde, unsere Berufsgruppe braucht mehr Positionierung im Gesundheitsbereich. Ich werde oft gefragt, wieso ich denn als Physiotherapeutin in der Wissenschaft tätig bin. Dabei sind Dinge wie Atemtherapie so wichtig. Mit der Corona Pandemie wurde das Thema sehr präsent. Eine Lungenentzündung kann sehr gefährlich werden, besonders für Querschnittspatienten. Wenn „Basics“ wie die Atmung nicht funktionieren, dann nützen auch Dinge wie ein Exoskelett, womit man ein paar Schritte gehen kann, nichts. Deshalb rechne ich Wings for Life hoch an, dass Projekte zu Atemtherapie unterstützt werden.


Du gibst Menschen mit deiner Therapie die Kraft zum Atmen – was gibt dir denn Kraft?
In meiner Zeit als Physio waren es immer die Patienten, die mir Kraft gaben. Es gibt so viele außergewöhnliche Menschen da draußen. Ich habe mich mit sehr vielen gut verstanden, da haben sich tiefe Bindungen aufgebaut. Mit einigen bin ich bis heute befreundet. Was mir außerdem extrem viel Kraft gibt, ist meine Familie mit meinen beiden Kindern und meinem Mann.

Ausgezeichnet: Dr. Anja Raab mit ihrer Doktorarbeit (Privat)
Ausgezeichnet: Dr. Anja Raab mit ihrer Doktorarbeit  © Privat

Wie geht es für dich beruflich weiter?
Momentan bin ich Koordinatorin der Forschung im Gesundheits-Departement der Berner Fachhochschule. Außerdem ist die Datenerhebung des von Wings for Life finanzierten RESCOM-Projektes bald abgeschlossen, da geht es dann an die Analyse und Veröffentlichung der Daten. Seit kurzem bin ich auch noch Modulverantwortliche im Masterstudiengang für den Bereich Querschnitt an der Berner Fachhochschule. Ich bin so jemand, der nicht stillsitzen kann (lacht).

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Ich bin sehr zufrieden, wie alles momentan ist. Aber: Ich wünsche mir Gesundheit. Eine gesunde Familie, das ist für mich das Wichtigste. Und ich wünsche mir, dass man sich weniger von Materiellem lenken lässt und sich darauf besinnt, was das Wesentliche im Leben ist.

Anja Raab’s Doktorthesis ist ein relevanter Schritt für ein besseres Verständnis in der Behandlung von Atemwegskomplikationen nach einer Querschnittslähmung. Die Arbeit entstand im Zuge der Projekte & Studien gemeinsam mit Gabi Müller und wurde von Wings for Life unterstützt.