© Daniel Waschnig

„Ich möchte etwas zurückgeben“


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Wie tritt man jemanden gegenüber, der einen so unerträglichen Schmerz durchleben musste? Welche Fragen sind gerechtfertigt, welche reißen alte Wunden auf? Wie spricht man über ein Kind, das nicht mehr da ist?
All diese Gedanken kommen, wenn man auf Sandra Mertzokat und ihren Lebensgefährten Sven Hirschfeld trifft. Wir verabreden uns mit den beiden, um über ihre persönlichste Geschichte zu sprechen. Die Geschichte von Emma, einem tragischen Unfall und einer eigenen Stiftung, die zur Herzensangelegenheit wurde. 

Frau Mertzokat, wie war Ihr Leben vor zehn Jahren?
Wir haben als Familie in Düsseldorf in einer Stadtwohnung gelebt. Mein Sohn war 12, Katharina 10 und meine jüngste, Emma, war 8 Jahre alt. Wir waren aktiv, Katharina tanzte Ballett, mein Sohn und Emma spielten mit Begeisterung Fußball.

Was passierte dann?
2008 machten die Kinder und ich Urlaub. Ich war gerade mit meiner Mittleren unterwegs, als mich der Anruf erreichte. Emma sei schwer verunfallt, der Hubschrauber unterwegs. Man spürt sofort, dass das jetzt mehr ist als ein Beinbruch... Im Krankenhaus war Emma eine Woche nicht bei Bewusstsein und wir wussten nicht, wie es mit ihr weitergeht. Die Ärzte gingen von einem Sauerstoffmangel im Gehirn aus und sprachen von einem Halswirbelbruch. Die Möglichkeit, dass etwas bleiben könnte, habe ich trotz allem komplett ausgeblendet. 

Wie ging es weiter?
Emma kam auf der Intensivstation langsam zu sich, wurde beatmet und nach drei Wochen in eine Spezialklinik nach Bochum überstellt. Ich war die ganze Zeit bei ihr. Sie reagierte mit den Augen und wir haben Zeichen ausgemacht. Sie war ganz klar im Kopf. Irgendwann, langsam, kam das Sprechen ein bisschen wieder und wir konnten uns unterhalten.

Wie war das für Sie?
Ich war ein halbes Jahr fast ununterbrochen bei ihr und obwohl einem gesagt wird, man soll sich mit der neuen Situation anfreunden, glaubt man nicht, dass alles so bleiben wird. Bis das wirklich angekommen ist, hat es gedauert. Ich weiß noch, als Emma sich das erste Mal mit einem Schlauch im Hals im Spiegel gesehen hat. Das tat extrem weh.

In welchem Zustand ist Ihr Kind damals heimgekommen?
Emmas Rückenmark war auf Höhe des 2. Halswirbels verletzt, sie war beatmet, aber stabil, und geistig voll da. Körperfunktionen kamen trotz Therapien gar keine wieder. Sie konnte nicht einmal den Kopf alleine halten und musste regelmäßig abgesaugt werden. Wir waren auf eine 24-Stunden-Pflege angewiesen.

Was veränderte das?
Es drehte sich wahnsinnig viel um Emma, was auch okay war. Der hohe Querschnitt bedeutete, dass immer eine Pflegerin im Haus war. Emma war noch ein Kind und entweder sie mochte jemanden oder eben nicht. Wenn nicht, habe ich noch zusätzlich die Pflege übernehmen müssen. So war ich oft am Ende meiner Kräfte, vor allem weil es mir extrem wichtig war, die anderen beiden Kinder nicht hinten anzustellen. Ihretwegen wollten wir auch nicht wegziehen. Sie hatten hier ihre Schule, ihre Freunde, ihre Vereine. Wir alle waren gut in unseren Stadtteil integriert. Unser Nachbar Michael Weichler startete schließlich eine Charity Aktion – einen Lauf – zu unseren Gunsten, und sammelte so Geld. Danach kam eine Aktion nach der anderen, was uns wahnsinnig geholfen hat. Die Menschen taten sehr viel für uns.

 (Daniel Waschnig )
© Daniel Waschnig

War das der Grund, 2011 eine eigene Stiftung zu gründen?
Ja. Wir hatten aufgrund dieser unglaublichen Hilfsbereitschaft keine finanziellen Sorgen mehr und Emmas Fall wurde recht bekannt in Düsseldorf. Mit den vielen wertvollen Kontakten wollten wir anderen Kindern und Jugendlichen mit einer Querschnittsverletzung helfen. Michael war die treibende Kraft dahinter. Weil Emma Fußball so gerne mochte, entstand die ELFMETERstiftung ganz nach ihrem Geschmack und sinngemäß als zweite Chance nach dem Foul.

Emma und ihre Schwester Katharina bei der Eröffnungsgala der ELFMETERstiftung
Emma und ihre Schwester Katharina bei der Eröffnungsgala der ELFMETERstiftung 

Wie ging es Emma?
Sie konnte im Rhythmus der Beatmungsmaschine deutlich, wenn auch leiser, sprechen, normal essen und trinken und sie besuchte nach einiger Zeit wieder die Grundschule. Mithilfe einer Pflegerin war der Stoff auch kein Problem und Emma wechselte auf die weiterführende Schule. Rückblickend hatte sie dort echte Freunde gefunden. Wir haben in der Zeit auch als Familie ganz viel gelacht. Nach außen wirkten wir immer fröhlich. Aber natürlich, wenn ich mit Emma alleine war, haben wir uns auch einfach mal nur fallen gelassen. Es war ein auf und ab von „Wir schaffen das“ bis hin zu purer Verzweiflung. 
2013 wurde ihr dann in Hamburg ein Zwerchfellnervenschrittmacher implantiert, sodass sie nicht mehr vom externen Beatmungsgerät abhängig war. Sie sah „normaler“ aus, was für sie sehr wichtig war. Sven, mein heutiger Lebensgefährte, war damals der dort behandelnde Arzt. 

Was passierte 2014?
Emma war 14 und im Juli machte sie mit ihren Pflegerinnen, ihrer Schwester und Freundinnen Urlaub in Holland. Sven und ich waren auf Abruf in der Nähe. Dann haben wir einen Anruf erhalten, dass etwas nicht in Ordnung sei. 

Hirschfeld: Als wir zu Emma kamen, hat die Beatmung nicht mehr gut funktioniert und ich vermutete, dass sie eine Lungenentzündung hat. Bei dauerbeatmeten Menschen wie Emma, ist – durch den permanenten Zugang in die Luftröhre – die Gefahr dafür ja sehr viel höher. Heute wissen wir, dass sich durch einen oder mehrere chronische Infekte ein septisches Gerinnsel auf einer Herzklappe entwickelt hatte. Es wuchs leise und über Monate...

Mertzokat: Für mich war damals klar, dass sie ihr Antibiotikum bekommt und alles wieder gut wird.

Leider kam es anders...
Bei der Mobilisation und der dadurch erhöhten Kreislaufbelastung hat sich das Gerinnsel gelöst und behinderte die Durchblutung zum Gehirn. Ich habe Emma noch gesehen, bevor sie auf die Intensivstation verlegt werden sollte. Trotz intensiver Maßnahmen und einer Notfalloperation ist sie zwei Tage später gestorben. Die Familie und ihre Pflegerinnen waren bis zum Schluss bei ihr.

Vier Jahre danach bedrückt diese Erzählung immer noch schrecklich...
Ich denke jeden Tag an Emma. Ich schütze mich selbst und führe gewisse Gedanken nicht weiter, um nicht permanent diesen Schmerz zu fühlen. Emma hat es gehasst, wenn man ihretwegen geweint hat. Aber natürlich gibt es Momente, in denen man sich fragt, warum das alles. Wenn ich daran denke, dass sie noch da ist, denke ich auch daran, wie es wäre, wenn sie gesund wäre.

Sandra Mertzokat und ihr Lebensgefährte Sven Hirschfeld teilen Erinnerungen an Emma
Sandra Mertzokat und ihr Lebensgefährte Sven Hirschfeld teilen Erinnerungen an Emma 

Unterstützen Sie deshalb auch Wings for Life?
Wir wollten mit der Stiftung neben der Unterstützung von Kindern und Jugendlichen auch die Forschung und die Heilung vorantreiben. Deshalb haben wir für eines von Wings for Life geförderten Projekte gespendet.  

Wie ist Ihr Leben heute?
Wir leben sehr viel bewusster und mich bringt nicht mehr so viel aus der Ruhe. Die Dinge haben sich relativiert. Ich wohne jetzt mit meiner Tochter und Sven in Hamburg. Der Abstand tut gut. Mein Sohn ging nach Emmas Tod nach Amerika, um zu studieren. Sven und ich lieben Musik, reisen gerne und arbeiten in unseren Berufen. Außerdem sind wir beide weiterhin in der ELFMETERstiftung aktiv. Sven als medizinischer Beirat und ich mit meinen vier Mitstreitern im Stiftungsrat.

Der Stiftungsrat v.l. Eichler, Gouda, Mertzokat, Tüllmann und Weichler
Der Stiftungsrat v.l. Eichler, Gouda, Mertzokat, Tüllmann und Weichler 

Ist es schwer dabei ähnliche Schicksale wie das von Emma immer wieder zu hören?
Manchmal fühle ich mich zurückversetzt und traurig, weil die Geschichten sich wiederholen, und Familien zerbrechen. Für mich ist es aber vor allem ein Zurückgeben.

Hirschfeld: Wenn man einen Arztbrief liest, tut das schon oft in der Seele weh. Gerade als Allgemeinarzt weiß man, dass dramatische Geschichten und erschütternde Schicksale dahinterstecken. Am häufigsten bitten Betroffene um finanzielle Hilfe für ein Auto, um mobil zu sein. Manchmal sind es aber auch kleine Dinge, wie eine Fußballkarte.  

Frau Mertzokat, Sie werden für Ihre Arbeit auch mit einem Preis ausgezeichnet.
Genau, ich wurde vom Goldenen Bild der Frau für meine ehrenamtliche Arbeit in der Stiftung ausgezeichnet, hatte aber große Zweifel, ob ich diesen Preis annehmen und unsere Geschichte wieder aufbrechen soll. Ich habe mich mit meinen Kindern und ihrem Vater besprochen und sie alle sind stolz, dass diese Stiftung weiter besteht und Emma so weiterlebt.

Was wünschen Sie sich?
Gesundheit, ein bewusstes Leben und dass die Kinder ihren Weg gehen. Und dass alle, die in diese Geschichte verwickelt sind, ihren Frieden finden.

Hier können Sie für Sandra Mertzokat voten. Die Gewinnerin des Publikumspreises erhält 30.000 Euro für ihr Projekt.