© Phil Pham

Gabors letzter Kopfsprung


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Gabor treibt am Rücken im Salzwasser. Seine Gedanken sind leer, die Sonne blendet ihn. Er schließt die Augen, spürt die Wärme auf seiner Stirn und der Nasenspitze. Er ist schwerelos, sein Herzschlag ruhig, die Zeit steht still. „So stelle ich mir sterben vor“, denkt er. Dann geht alles schnell. 
Jemand zieht den jungen Mann aus dem Wasser, bringt ihn an Land und legt seinen Körper in den harten Sand. Gabor spürt irgendwie den Untergrund. Nicht aber seine Beine. Dieser Tag wird sein ganzes Leben verändern. Von nun an ist er vom Hals abwärts querschnittsgelähmt. 

 

Gabor wächst gemeinsam mit seiner Schwester in einem kleinen Ort in Deutschland auf. „Ich hatte eine schöne Kindheit, machte dann eine Ausbildung zum Holzmechaniker, ging danach in die Autoindustrie und zog mit 18 von Zuhause aus.“
Gabor liebt Musik, schreibt Texte und spielt Gitarre in einer Band. Er ist derjenige, der bei Rockkonzerten in der ersten Reihe steht. „Unbekümmert. Meist sogar ohne Shirt“, lacht er. An diese Auftritte seines Freundes erinnert sich auch Hendrik. „Ich komme aus dem Nachbarort und kenne Gabor schon lange. Ich habe auf vielen Konzerten fotografiert und wir hatten immer viel Spaß miteinander.“
Im Sommer 2010 ist Gabor 26 Jahre alt und mit seinen Freunden in Rügen an der Ostsee. „Wir haben dort eine Woche Urlaub geplant, wollten eine gute Zeit zusammen haben.“ 

Ein allerletztes Mal ins Wasser 
Gleich am ersten Tag macht Gabor Frühstück für die ganze Gruppe. „Ich habe es genossen, alles für die anderen vorzubereiten, Rührei zu kochen und die Brötchen zu holen.“ Nach dem Essen, geht es an den Strand. Ein ganz normaler Tag am Meer. Entspannt und ausgelassen. Am späten Nachmittag wollen die Freunde aufbrechen. „Als ich das mitbekommen habe, wollte ich noch ein allerletztes Mal an diesem Tag ins Wasser. Ich bin mit Anlauf ins Meer gestartet. Auf Kniehöhe habe ich mich nach vorne fallen lassen, einen Kopfsprung gemacht.“ Dabei prallt Gabor mit dem Kopf gegen etwas Hartes. Kein Stein, vielleicht eine Sandbank. „Ich habe es richtig knacken gehört und sofort gemerkt, dass die Beine tot sind.“ Reflexartig dreht sich der junge Mann im seichten Wasser auf den Rücken und erlebt diesen Moment, in dem die Zeit still steht. „In meinem Kopf war nur das Rauschen des Wassers. Es war wie schweben.“ 

Gabors Freunde eilen ihm zur Hilfe. „Ich habe die ganze Zeit gesagt, dass sie mich nicht berühren sollen, weil ich mir das Genick gebrochen habe.“ Vorsichtig ziehen sie ihn an Land, legen seinen regungslosen Körper in den Sand und rufen den Notarzt. Dann wird er in einen Helicopter verladen, ins Krankenhaus gebracht und vierzehn Stunden operiert. 

„Ich hatte keine Ahnung“
Als Gabor zu sich kommt, ist er von den Medikamenten benommen. Er kann nicht fassen oder verstehen, was passiert ist. Nur: jedes Gefühl vom Hals abwärts ist weg. In seiner Luftröhre steckt ein Schlauch, Gabor kann nicht sprechen. Einmal erstickt er fast. „Mir war klar, dass nichts mehr funktioniert. Wie schlimm das alles ist, davon hatte ich keine Ahnung...“ Monatelang ist er in verschiedenen Krankenhäusern, dann auf Reha, lernt langsam und mühselig wieder zu atmen, zu sprechen und zu kauen und schlucken. „Ich habe mir nie groß Gedanken darüber gemacht, wie das alles weitergeht. Ich habe jede Therapie durchgezogen und war meist sogar recht gut drauf.“ Seine Familie und Freunde sind seine größte Stütze. 

Gabors Körperfunktionen und Empfindungen kommen nicht zurück. Durch seine Verletzung auf Höhe des 4./5. Halswirbels kann er zwar wieder selbstständig atmen, sein Körper bleibt aber regungslos. „Schlimm war die ganze Sache erst so richtig, als ich nach zwölf Monaten nach Hause kam“, sagt Gabor rückblickend. Mitarbeiter eines 24-Stunden-Pflegedienst sollen ihn in der Nacht umdrehen, ihn waschen, ihm die Zähne putzen, anziehen und ihm helfen zu essen und zu trinken. „Als ich daheim saß wurde mir schlagartig klar, dass ständig jemand bei mir sein muss. Ein Ersatz für meine Hände und Beine. Ich wusste nicht, wie ich so leben sollte.“
Gabor braucht Zeit, um seine Behinderung zu akzeptieren und Hilfe zuzulassen. „Es war und ist für mich immer noch schwer Chef und Patient in einem zu sein.“
Auch Gabors Umfeld verändert sich. Teile seiner Familie, Freunde und Nachbarn besuchen ihn regelmäßig. Viele wenden sich aber komplett ab. „Sie hatten Mitleid, wussten nicht wie sie mir gegenübertreten sollen. Viele meiner Freunde waren weg. Das war schon ein Schlag für mich“, sagt er. 

 (Phil Pham )
© Phil Pham

 (Phil Pham )
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Auch Hendrik, der mittlerweile in eine Stadt gezogen ist, hadert mit sich. „Ich hatte Schwierigkeiten, damit umzugehen. Die erste Zeit informierte mich eine gemeinsame Bekannte über Gabors Zustand. Dann entstand wieder loser Kontakt über Facebook“, erzählt der Informatiker.
Als Hobbyläufer hört er vom Wings for Life World Run und denkt sofort an seinen Freund von früher. „Ich habe ihn angeschrieben, weil mir klar wurde, dass es jeden treffen kann. Darauf wollte ich mit einem eigenen Team aufmerksam machen und Spenden für die Forschung sammeln.“
Das erste Treffen der beiden beginnt angespannt. „Ich hatte Hemmungen. Ich wusste, dass Gabor kein Mitleid wollte, auf der anderen Seite brauchte er aber plötzlich Hilfe – bei allem. Wir konnten uns nicht mehr per Handschlag begrüßen. Das war eine komplett neue Situation.“ Die sich schnell auflockert. „Von Gabor kamen schnell blöde Sprüche, das war vertraut“, lacht Hendrik in Richtung seines Freundes. 

Neun lange Jahre 
Neun Jahre ist Gabors Unfall her. Neun Jahre „Rollstuhlzeit“, wie er sie bezeichnet und in der er sein Leben komplett neu ordnen musste. „Ich bin häufig im Krankenhaus und mache mehrmals pro Woche Therapien. Erst vor ein paar Monaten kamen geringe Funktionen in einem Arm zurück“, sagt er und zeigt, wie er den Stick seines Elektrorollstuhles vorsichtig bedienen kann. 
Gabor sagt von sich selbst, dass er glücklich ist. „Mein Leben ist anders. Aber trotzdem schön und ich freue mich über gute Gespräche.“ Seine positive Einstellung will er bewahren. „Wenn ich frage, wie´s jemanden geht und dann wird nur gejammert, habe ich keine Lust mehr zu reden. Dafür ist mir die Zeit zu schade. Man sollte dankbar sein, wenn man gesund ist, nicht ständig nur Probleme sehen.“
Die gibt es – auch wenn Gabor sie nicht dauernd thematisieren möchte – auch in seinem Leben. „Früher habe ich Frauen an der Bar kennengelernt. Im Rollstuhl geht das nicht mehr. Ich fahre niemanden ans Bein, umzu flirten.“ Gabor will mehr Ehrlichkeit und Verständnis für Menschen mit einer Querschnittslähmung. Hendrik unterstützt das. „Man muss offen über das alles reden, um nicht so überfordert zu sein, wie ich damals“, sagt er. Deshalb begeistert er auch immer mehr Menschen für sein Team beim Wings for Life World Run.

Ein Teil von Hendrik und Gabors Teams beim Wings for Life World Run (Phil Pham )
Ein Teil von Hendrik und Gabors Teams beim Wings for Life World Run  © Phil Pham

Zur Freude von Gabor. „Es ist schön, aber ich sehe das nicht nur für mich. Alle sollen etwas davon haben und ich freue mich für jeden, der dank der Wissenschaft Fortschritte macht.“ 

Für sich selbst wünscht Gabor sich, dass er irgendwann wieder seine Finger bewegen kann. „Das Schlimmste ist für mich tatsächlich, dass ich nicht mehr Gitarre spielen kann wie früher. Das bricht mir auch nach neun Jahren immer noch das Herz. Aber wie sagt man: Die Hoffnung stirbt zuletzt.“  

 (Phil Pham )
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