© Alexandra Fazan

Dieser eine Trampolinsprung...


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„Raphael lag in seinem Krankenbett und wusste noch nicht, dass er querschnittsgelähmt ist“, sagt Annette. „Ich hatte schlaflose Nächte und dachte ständig über diese Situation nach. Wie sagt man seinem Kind, dass es nie wieder gehen wird?“ Sie spricht bedacht und kraftvoll. Ihr Blick weilt auf den regungslosen Beinen ihres Sohnes. „Manchmal bekomme ich Herzklopfen und denke mir: Das hier - seine Lähmung - das bleibt für immer. Aber dann verdränge ich den Gedanken und baue wieder eine Schutzmauer um mich und blicke nach vorne.“

 (Alexandra Fazan )
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Raphaels Tag 0
Wir treffen den 15-Jährigen Raphael und seine Eltern Annette und Wolfgang in einem Café. Raphael bestellt nichts. Wie so oft. „Früher, als ich viel Sport gemacht habe, habe ich sechs Liter Wasser am Tag getrunken. Seit meinem Unfall kann ich nicht mehr schwitzen – ich trinke nur noch sehr wenig, habe so gut wie nie Durst“, Eigentlich nur eine kleine Veränderung. Und doch ein weiterer Mosaikstein in einem komplett neuen Leben. „Früher war alles anders. Ich habe Volleyball und Fußball gespielt. Ich war gerne Schifahren und mochte Akrobatik. Alles hat sich in der Natur abgespielt.“
Dann dieser eine Tag in den Sommerferien 2017.


„Am 15. August bin ich zu einem nahegelegenen Badesee. Ich hatte zehn Minuten Vorsprung auf meine Freunde und wollte die Zeit nutzen, um Trampolin zu springen.“ Die sengende Hitze knallt vom Himmel. Raphael springt, schwitzt, tobt sich aus. Immer wieder stoßt er sich kräftig mit den Beinen ab. Sein Körper überanstrengt, sein Kreislauf macht schlapp. „Mir wurde schwindelig und ich bin ungebremst mit dem Genick auf die Mitte des Trampolins aufgeschlagen.“ Raphaels Körper federt noch etwas nach, dann bleibt er regungslos liegen. „Ich erinnere mich noch ganz genau. Ich konnte nur noch meine Augen bewegen.“
Nach einigen Minuten wird ein Urlauber auf den verletzten Jungen aufmerksam. Er leistet erste Hilfe „Jede Berührung war, als würde man mir ein brennendes Messer in den Körper rammen.“ Dann kommen seine Freunde.
„Ich bin gerade aus dem Haus, als mich Raphaels Schulkollegin anrief. Sie meinte, mein Sohn sei gestürzt und könne seine Beine nicht bewegen. Ich habe zwei Jungs und bin einiges gewohnt. Ich dachte in diesem Augenblick an nichts dramatisches...“ Kurze Zeit später trifft Annette an der Unfallstelle ein, kniet sich zu ihrem Sohn um ihn zu beruhigen. „Man funktioniert in so einem Moment irgendwie.“ Raphael wird durch Notärzte in den Rettungshubschrauber verladen.

„Mama ich weiß es“
Im Krankenhaus bangt Annette um ihr Kind. Ihr Mann ist bei einem Auslandseinsatz mit dem Österreichischen Bundesheer, ihr älterer Sohn Philipp auf einer mehrwöchigen Irlandreise. Raphael wird untersucht und notoperiert. Dann wird er in den künstlichen Tiefschlaf versetzt. Zwei Tage später kehrt Wolfgang nach Hause und versucht zu verstehen, was passiert ist.
Einem Seelsorger wird klar, dass die Eltern noch gar nicht ausreichend über die Verletzung ihres Sohnes Bescheid wissen. „Darauf hin klärte uns der Primar auf. Er sagte uns, dass Raphaels Wirbel sich durch den Sturz verschoben haben und das Rückenmark auf Höhe des 5. Halswirbel verletzt ist. Er ist nun Tetraplegiker, was bedeutet, dass er nicht mehr gehen und seine Arme oder Finger bewegen kann.“ Eine Katastrophe. „Er meinte dann aber auch, dass unser Sohn jung ist und dieses Schicksal gut verkraften wird.“ Für Annette und Wolfgang noch nicht vorstellbar.
Zwei Wochen ist Raphael im künstlichen Tiefschlaf, gefolgt von einer langen Aufwachphase. Er kann nicht sprechen. „Wir waren die ganze Zeit bei ihm, sind von der Steiermark nach Salzburg gependelt und haben uns an den Wochenenden ein Zimmer in der Nähe genommen. Alles was wir tun konnten, war ihn zu beruhigen“, sagt Wolfgang.
Am Abend, wenn das Paar alleine ist, kommen auch die Sorgen und Ängste. „Wir haben uns gefürchtet, vor dem was kommt. Am schlimmsten war für mich aber, dass mein Sohn noch gar nicht wusste, dass er gelähmt ist“, erinnert sich Annette. „Zu unrecht“, übernimmt Raphael die Erzählung. „Mir war irgendwie von Anfang an klar, was mit mir los war. Als es mir besser ging und ich langsam wieder sprechen konnte, habe ich mich mit einem Pfleger darüber unterhalten.“
Als Annette an diesem Tag ihren Sohn auf der Intensivstation besucht, empfängt er sie mit den Worten: „Mama, ich weiß es.“ Eine riesige Erleichterung für die zweifache Mutter. „Ich hätte es nicht geschafft, ihm in die Augen zu schauen und ihm so etwas zu sagen...“

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Ein mühsamer Weg 
Nach sechs Wochen kommt Raphael auf Reha. Funktionen kommen nicht zurück – sein Körper bleibt gelähmt. Aber er beginnt sich mit dem Rollstuhl vertraut zu machen, macht Therapien und baut wieder Muskeln auf. „Die Therapeuten haben mir gesagt, dass es gut ist, dass ich vorher viel Sport gemacht habe und noch jung bin. So war einiges leichter“, erzählt der junge Mann und greift vorsichtig nach dem Wasserglas seiner Mutter.
Nach acht Monaten Reha darf Raphael nach Hause. „Wir haben in der Zwischenzeit alles umgebaut. Ich tat mir anfangs schwer damit, Spenden von Freunden und Bekannten anzunehmen. Man merkt aber sehr schnell, wie teuer eine Querschnittslähmung ist und ist einfach nur dankbar“, so Annette. Raphael wirkt teilweise abgeklärt. Seine Familie gibt ihm enormen Halt. Sein Bruder Philipp unternimmt viel mit ihm, geht mit ihm auf Feste und ins Kino. „Ich stehe jede Nacht um 2 Uhr auf um ihn umzulagern und zu kathetern“, erklärt Wolfgang selbstverständlich. „Und ich helfe, wenn er Probleme beim Abtrocknen oder Anziehen hat“, ergänzt Annette.

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Sie wünschen sich, dass ihr Sohn ein selbstständiges Leben führen kann. Dafür trainiert Raphael viel; seit ein paar Monaten besucht er eine Landwirtschaftsschule mit Matura. Eine Assistentin hilft ihm bei den Praxisstunden. „Ich erkläre es in der Theorie und sie führt die Arbeiten dann für mich aus. Das funktioniert meist gut. Aber nicht immer...“
Später einmal möchte Raphael Lehrer werden. Darin ist er fest entschlossen. „Ich komme eigentlich recht gut zurecht“, sagt er schließlich sachlich. „Wenn es aber wirklich eine Heilung gäbe, würde ich gerne wieder mit meinen Freunden Volleyball spielen.“ So unbekümmert wie vor dem Unfall. An dem Badesee mit dem Trampolin... 

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