© Tanja Schalling

„Die Freiheit ist weg“


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Der Weiße Hof, eine Rehaeinrichtung, bei Wien. Die breiten Gänge wirken eng, es riecht nach kaltem Früchtetee und Desinfektionsmittel. Wie in einem Krankenhaus. Manche Zimmertüren stehen weit offen. Man erhascht Blicke auf Patienten. Wie sie sich bemühen, in ihre Rollstühle zu wechseln. Wie sie versuchen Besteck in den Händen zu halten. Wie sie kämpfen, in ihrem neuen Leben klar zu kommen. Der Gedanke hier sein zu müssen -  nicht gehend rauszukommen - ist beklemmend. „Ich wäre auch lieber zuhause. Am allerliebsten auf einem Berg“, sagt Lukas Karan als wir uns im Aufenthaltsraum treffen. „Wandern, Klettern, Gipfelerlebnisse. Das war genau meins“, beginnt er seine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte des 30-jährigen Naturbursch, der kein Bergabenteuer ausließ, um die Freiheit zu spüren. 

Lukas wächst als Einzelkind in Oberösterreich auf, macht eine Ausbildung zum Elektriker, die Meisterprüfung und bildet sich dauernd fort. Mit 18 lernt er seine Freundin Brigitte kennen. „Wir waren nie Extremsportler, sondern Frischluftliebhaber. „Unbeschreiblich ist das Gefühl, wenn man dann am Ziel – am Gipfelkreuz - ankommt. Dort zu sitzen, diese Aussicht zu genießen, stolz zu sein...“ 

Alles Routine
Der 28. August 2018. Ein ganz normaler Dienstagmorgen. Erst vor einem Jahr haben er und Brigitte ihren Umbau im elterlichen Haus abgeschlossen, frühstücken gemeinsam im Eigenheim. Dann verabschieden sie sich. „Ich sollte eine Photovoltaik-Anlage bei einem Bauernhaus anschließen. Eine banale Tätigkeit, die ich schon unzählige Male gemacht habe.“ Es ist ein schöner Vormittag, die Sonne scheint. Lukas verrichtet den Auftrag routiniert, alles läuft problemlos. 

„Das Nächste, an das ich mich erinnern kann, ist wie ich im Krankenhaus aufwache.“

Laut Erzählungen und Mutmaßungen rutscht Lukas seine Leiter weg, der junge Mann fällt meterweit und schlägt schließlich auf dem Boden auf. Ein Mitarbeiter des Bauernhofs verständigt den Notarzt, Lukas wird ins Krankenhaus geflogen und 14 Stunden notoperiert. Seine Freundin und die Familie bangen um sein Leben. Die Diagnose: Schädel-Basisbruch. Verletztes Rückenmark.
„Ich war zugepumpt mit Medikamenten, als ich zu mir kam. Ich konnte nicht richtig atmen, hatte ein Gerät in der Luftröhre stecken.“ Lukas kann nicht sprechen und merkt, dass er seine Beine nicht mehr bewegen kann. Bei der Visite erfährt er – nebenbei – was das bedeutet. „Um mich standen fünf Ärzte in blauen und vier in grünen Kittel. Einer von ihnen sagte: ´Patient Lukas Karan. Ab dem 8. Brustwirbel querschnittsgelähmt...´ Das war für mich zu heftig.“ 

Lukas weiß, dass er jetzt kämpfen muss. Er schafft es bald alleine zu atmen und langsam auch wieder zu sprechen. Stück für Stück kommen Funktionen im Oberkörper zurück, bis er seine Arme, Hände und Finger mobilisieren kann. Sein engstes Umfeld ist dauernd bei ihm. „Meine Freundin war zweimal am Tag zu Besuch. Für sie war von Anfang an klar, dass wir das alles schaffen und nicht aufgeben.“ 

Schwere, taube Beine
Als Lukas das erste Mal vom Bett in eine Art Rollstuhl gesetzt wird, bekommt er einen Vorgeschmack auf das, was kommen wird. Seine Beine sind leblos und schwer. „Plötzlich sind sie ein Teil des Körpers, den du nur noch mitschleppst. Man kann sie nicht nur nicht mehr bewegen – man spürt sie auch nicht mehr. Deine Beine sind auf einmal taubes Fleisch.“
Noch im Krankenhaus startet Lukas mit Therapien und stärkt seinen Kreislauf. Anfang November – nach vier Wochen Krankenhausaufenthalt - wird er schließlich auf den Weißen Hof überstellt.

 (Tanja Schalling )
© Tanja Schalling

„Ich kämpfe hier seit dem ersten Tag für mehr Beweglichkeit“, sagt er mit fester Stimme und zeigt, wie er sein Gleichgewicht im Rollstuhl halten kann. „Das war vorher unmöglich. Ich habe hier bis zu acht Stunden am Tag trainiert, um zumindest einen Teil meines Lebens zurück zu bekommen.“ Die Schicksale anderer Patienten treffen ihn. „Ich habe hier auch Leute gesehen, die weit höher oben verletzt sind als ich. Die nicht mal mehr eine Flasche Wasser alleine aufmachen können. Geschweige denn duschen oder auf die Toilette. Ich kann meine Hände und Finger bewegen – das will ich nutzen.“ 

 (Tanja Schalling )
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Während wir uns unterhalten, wird knapp 220 Kilometer entfernt Lukas´ Zuhause umgebaut. Schon wieder. „Vieles dort ist nicht rollstuhltauglich. Daran haben wir beim Bau auch einfach nicht gedacht. Grundsätzlich will ich aber so normal wie möglich weiterleben.“
Bei aller Eigenständigkeit wird es viele Situationen geben, die nun auf Lukas zukommen. Einkaufen. Mit Brigitte durch den Ort spazieren. Geschichten von seinen Freunden über neue Wanderrouten hören. „Meine Freundin und ich hatten schon so eine Art Lebensplan“, sagt er nachdenklich. Das neue Heim genießen. Reisen. Hochzeit. Eine eigene Familie... „Jetzt ist alles viel beschwerter. Brigitte hat vieles für uns geregelt und die Zügel übernommen. Ich bin ihr sehr dankbar...“ 

Wenn Lukas alleine mit seinen Gedanken ist, drehen diese sich um seinen Schicksalstag. „Ich frage ich mich schon oft: Was wäre gewesen, wenn...“ Wissend, dass es kein Zurück gibt. „Dann wird mir klar, dass ich jetzt nicht mehr spontan mit dem VW-Bus übers Wochenende wegfahren werde. Dass meine Pläne erstmal auf Eis liegen und ich nie mehr dieses Freiheitsgefühl am Gipfel spüren werde...“ Was Lukas jetzt antreibt, ist die Hoffnung. Hoffnung darauf, dass sich seine verletzten Nerven im Rückenmark doch noch erholen. Dass er es irgendwie schafft vor seiner Freundin auf die Knie zu gehen, um ihr einen Heiratsantrag zu machen. Dass wieder alles wie früher wird, wenn er hier endlich raus kommt... 

 (Tanja Schalling )
© Tanja Schalling


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