© Mirja Geh for Wings for Life World Run

"Der Unfall ist einfach passiert"


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Was eine Querschnittslähmung gerade für eine Frau bedeutet, wie man sich als Tetraplegikerin selbst schminkt und warum sie eines Tages trotzdem Kinder bekommen möchte, erzählt uns Kira Grünberg im Interview.

Kira, magst du den 30. Juli 2015 noch einmal mit uns durchgehen?
Ich war beim Training, meine Mama war dabei, um meine Sprünge zu filmen – wie so oft. Beim Unglückssprung war mein Absprung nicht ganz perfekt, aber ich habe ihn durchgezogen. Ich war schon so gut wie drüber, als ich bemerkt habe, dass ich auf der Anlaufseite runterfalle, zum Einstichkasten für den Stab.

Und dann?
Ich bin flach auf den Rücken geknallt, und der Metallrahmen des Einstichkastens hat mir meinen Halswirbel gebrochen. Ich war immer bei Bewusstsein, und mir war klar, dass das ein lebensverändernder Unfall war.

Wie waren die ersten Wochen?
Noch in der Notaufnahme im Krankenhaus Innsbruck hat man mir beigebracht, dass es eine Verletzung der Halswirbelsäule ist. Mama hatte meinen Sportmediziner alarmiert. Mir war wichtig, ein bekanntes Gesicht zu sehen, denn wegen der Stabilisierung kann man den Kopf nicht drehen. Ich war froh, vertraute Stimmen zu hören.

Wie war es für dich, deine Eltern in einer Situation zu erleben, in der sie dir nicht helfen können?
Das war mit das Schlimmste. Ich selbst war von Anfang an mental sehr stark. Im Nachhinein bin ich froh, dass meine Eltern den Sprung live miterlebt haben, denn so wissen sie, dass an meinem Unfall niemand schuld war. Er ist einfach passiert.

Und deine Freunde?
Zwölf Tage nach dem Unfall kam ich auf die normale Station. Als ich dann stark genug war für ein, zwei Besucher pro Tag, hat meine Schwester das koordiniert. Die Krankenschwestern haben mir verraten, dass sich viele erkundigt haben, wie sie sich mir nähern sollten. Aber nach den ersten Sätzen war klar, dass sich in unseren Beziehungen nicht so viel ändern würde.

Kira zu Gast bei unserem Wings for Life Gipfeltreffen (Andreas Schaad & Jörg Mitter)
Kira zu Gast bei unserem Wings for Life Gipfeltreffen  © Andreas Schaad & Jörg Mitter

Und das ist von dir ausgegangen?
Ja, der erste Schritt schon. Manche brauchen einen kleinen Schubser, um sich ins Krankenhaus zu einer frisch Gelähmten zu trauen.

Welche Rolle hat deine mentale Stärke als Spitzensportlerin gespielt?
Das war einfach ein Geschenk. Ich habe dazu gar nicht so viel beigetragen, finde ich. Klar lernst du durch den Sport, mit Niederlagen umzugehen, aber wenn mich vorher jemand gefragt hätte, wie ich eine Lähmung bewältigen würde, hätte ich gesagt: keine Ahnung.

Wie hoch liegt deine Verletzungsstelle?
C5, also relativ hoch an der Halswirbelsäule und vergleichbar mit Hannes Kinigadner und Wolfi Illek, inklusive eingeschränkter Handfunktion.

Was bedeutet das im Alltag, gerade für dich als Frau?

Ich arbeite mit Assistentinnen, die das machen, was ich selbst nicht kann. Sie helfen mir in der Früh vom Bett in den Rollstuhl und beim Anziehen. Aber ich habe hart trainiert, um Dinge zu schaffen, die ich nach meinem Unfall nicht mehr konnte: Zähneputzen, Schminken. Vieles ist Übung.

Du schminkst dich selbst?

Ja! Auch als Sportlerin habe ich mir gern die Fingernägel lackiert, und in der Reha hat das meine Mama gemacht. Von ihrer Arbeit war ich nicht sonderlich begeistert. Mein Ziel war, mir das Nägel lackieren beizubringen, ohne mir dabei die Augen auszustechen. Und siehe da: Es geht!

Und die Haare?
Mit dem heißen Lockenstab zu hantieren ist das Einzige, was mir zu heikel ist.

Wie hast du deinen Körper in den sechs Jahren seit dem Unfall neu kennengelernt?
Anfangs hatte ich keine Beziehung mehr zu ihm. Gerade in einer motorisch so anspruchsvollen Sportart wie Stabhochsprung lernst du, ihn ganz fein anzusteuern. Plötzlich war er vom Hals abwärts quasi inexistent. Die fehlende Körperspannung zu akzeptieren war anfangs schwer. Oder Füße anzuschauen, die keine Funktion mehr für mich haben. Diese Phase hat ein, zwei Jahre gedauert.

Kira gemeinsam mit Lukas Müller beim Wings for Life Word Run 2018 in Wien (Christopher Kelemen for Wings for Life World Run)
Kira gemeinsam mit Lukas Müller beim Wings for Life Word Run 2018 in Wien  © Christopher Kelemen for Wings for Life World Run

Und heute?
Bin ich sehr gut zu meinem Körper und passe noch mehr auf ihn auf. Ich weiß, was ihm schadet, und versuche, das zu vermeiden. Bis heute sendet er mir Zeichen, die ich erst lernen musste zu lesen: dass die Ursache von Kopfschmerzen ein drückender Schuh ist, zum Beispiel.

Hast du einen Kinderwunsch?
Ich wollte schon immer eine Familie gründen. Ob das noch möglich ist, habe ich keine zwei Wochen nach dem Unfall gefragt. Der einzige Unterschied zu anderen Frauen ist, dass man bei mir wahrscheinlich einen Kaiserschnitt machen wird. In der Reha habe ich sogar Frauen kennengelernt, die normal entbunden haben.

Wie ist es, wenn die Privatsphäre wegfällt?
Als Sportlerin bist du es ja gewohnt, dich beim Duschen vor anderen auszuziehen. Manche Sachen kann ich einfach nicht und brauche Hilfe – das ist Teil meines Lebens. Wenn ich eine neue Assistentin einschulen muss, dann mache ich das eben. Sicher ist jedenfalls: Verkrampfung hilft da keinem. Je mehr Thema man selber daraus macht, desto mehr wird es das auch fürs Gegenüber.

Wie löst du das?
Darüber lachen, wenn es eine depperte Situation ist.

Hast du eine Lebensphilosophie?
Mein Bild: Es gibt eine Art Lebensbuch, in dem gewisse Eckpunkte fix festgeschrieben sind, wie bei mir die Lähmung. Dass es Dinge gibt, um die man nicht herumkommt. Das ist vielleicht nicht die perfekte Antwort, aber eine, die für mich funktioniert.

Wie haben sich deine Zielsetzungen verändert?
Früher waren es sportliche Ziele: Weltmeisterschaften, Olympische Spiele. Aktuell ist mein größtes Ziel, in der Behindertenpolitik etwas weiterzubringen. Und natürlich, eine Familie zu gründen mit eigenem Haus, Hund, Mann und Kindern. Eigentlich gar nicht so außergewöhnlich, aber in meiner Situation irgendwie doch.

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