Der Sturz in ein anderes Leben


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Mein Name ist Philip White. Ich bin glücklich verheiratet und der Vater von vier wunderbaren Kindern namens Ollie, Louis, Alex und Georgia. Seit kurzem habe ich eine Enkelin namens Sofia. Ich bin 54 Jahre alt, begeisterter Radfahrer, Läufer und generell ein sehr aktiver Mensch. Ich bin schon mein ganzes Leben lang Crystal Palace-Fan. Meine Beziehung zu diesem Fußballverein begann in den frühen 70er Jahren, als ich als kleiner Junge mit meinem Vater das erste Spiel besuchte. Ich bin seitdem als Fan durch das ganze Land gereist und habe Freunde fürs Leben gewonnen.


Das war früher. Ich hatte ein idyllisches Leben. Bis zum 19. Jänner 2019. An diesem Tag hat ein Sturz meine Welt auf den Kopf gestellt. Es war ein gewöhnlicher Samstagmorgen. Ich wollte die Garage aufräumen. Ich schnappte mir eine 1,5 Meter hohe Trittleiter, um eine Kiste mit Bodenfliesen auf einem der Regale abzustellen. Als ich mit den Fliesen in der Hand auf der Leiter stand, verlor ich das Gleichgewicht. Die Leiter kippte und ich stürzte zu Boden. Der Sturz an sich verlief glimpflich und führte zu einem gebrochenen Schulterblatt, aber die Fliesen waren weniger harmlos. Sie landeten auf meinem Hals, wobei ein Knochensplitter des C5-Wirbels auf Höhe des C4-Wirbels in mein Rückenmark eindrang.

Ich lag am Boden. Das Garagentor war geschlossen und die Schlüssel hatte ich bei mir. Ich war eingesperrt. Meine Frau und mein Sohn Louis hörten beide den Aufprall und kamen angerannt, aber das Garagentor trennte uns voneinander. Es begann eine panische Suche nach den Ersatzschlüsseln. Nach einer gefühlten Ewigkeit – in Wirklichkeit waren es wohl keine fünf Minuten – hörte ich das Surren des elektrischen Tors. Meine Frau und mein Sohn waren unter Schock. Ich erinnere mich, dass ich mich zu diesem Zeitpunkt unglaubliche Angst hatte. Sich nicht bewegen zu können, nicht einmal einen Finger, war eine komplett surreale Erfahrung.


Klinische Studien und harte Arbeit

Innerhalb weniger Minuten trafen die Notärzte ein. Ich wurde direkt ins Kings College Hospital gebracht. Ich konnte mich nicht bewegen und war stark betäubt, an diesen Nachmittag kann ich mich fast nicht erinnern. Am nächsten Tag wurde ich ins St. George‘s Hospital verlegt, wo ich innerhalb von 24 Stunden von einem führenden Neuroteam operiert und umgehend für die von Wings for Life finanzierte klinische Initiative „i-scope“ angemeldet wurde. Nach der Operation konnte ich lediglich mit der rechten Schulter zucken. Die Prognose lautete auf weniger als 10 Prozent mit Aussicht auf Besserung. Von diesem Moment an habe ich jeden Tag hart gearbeitet. Ich wollte mich selbst verbessern, mein Potential erfüllen und – was mir persönlich am wichtigsten ist – meine Familie stolz machen.

Seit ich denken kann, akzeptiere ich die Herausforderungen, die das Leben täglich für mich bereithält. Aber ich muss zugeben, dass ich niemals mit dieser bestimmten Herausforderung, die so weitreichende Auswirkungen auf mein eigenes Umfeld hat, gerechnet habe. Obwohl meine Kinder mittlerweile alt genug sind, um auf sich selbst aufzupassen, bleibt das überwältigende Gefühl, alle im Stich gelassen zu haben. Das ist meine schwerste Bürde.


Ich musste sechs lange Monate im Krankenhaus verbringen. Dort habe ich gelernt, mich auf die bevorstehenden Herausforderungen einzustellen und mich auf das Leben danach vorzubereiten. Ich wurde schließlich auf den Tag genau nach sechs Monaten entlassen. Ich war fest entschlossen, meine ganze Kraft in die Genesung und Reha zu stecken.

Es war fantastisch, wieder zu Hause zu sein. Allerdings war es nicht leicht, jemand Fremdes in das Familienheim zu lassen, der mir rund um die Uhr bei meinen intimsten und persönlichsten Bedürfnissen helfen sollte. Das war kein schöner, aber ein nötiger Eingriff in eine ohnehin schon fragile Familiendynamik. Das Krankenbett, die Hebevorrichtung, die Stehhilfe und der Duschstuhl, sowie ein Schrank voller medizinischer Utensilien, veränderten zweifellos das Aussehen und die Atmosphäre unseres Traumhauses. Das war eine permanente Erinnerung daran, wie sehr sich das Leben verändert hat.


Eine Rückenmarksverletzung unterscheidet sich grundlegend von jeder anderen Verletzung. Es gibt keine Belohnung für den betriebenen Aufwand, zumindest nicht in einem abzusehenden Zeitraum. Ich trainiere vier bis fünf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, oft in einer individuell betreuten Umgebung. Es ist eine Mischung aus selbstständigem Training zu Hause und meiner Arbeit mit dem großartigen Team von Neurokinex, einem auf Neurologie spezialisierten Rehabilitationszentrum. Ich begann diese Reise mit der unerschütterlichen Überzeugung, dass meine Situation nur temporär ist und dass diese Verletzung nicht automatisch mit einer Behinderung gleichzusetzen ist. Daran glaube ich immer noch fest.

Ich habe mir Ziele gesetzt, die auf kleine, schrittweise Fortschritte in Funktionalität und Kraft abzielen. Meine Meilensteine sind die Beherrschung alltäglicher Aufgaben, die für andere selbstverständlich sind. Eigenständig zu essen, die Zähne zu putzen, eine Tasse Tee zu trinken oder mit der Tastatur meines Laptops zurechtzukommen – das sind meine Erfolge. Rotwein aus einem schönen Stielglas trinken zu können ist einfach himmlisch. All das beweist, dass ich heute erheblich mehr kann, als nur mit der rechten Schulter zu zucken, wie ursprünglich vorhergesagt.


Was die Zukunft bringt
Meine Liebe zu Crystal Palace wird mich auch zukünftig begleiten. Der Verein, die Eigentümer, Investoren, die Mitarbeiter und die Fans haben mich auf dem langen Weg der Rehabilitation und des Genesungsprozesses unglaublich unterstützt. Mein persönliches Ziel ist es, die erforderliche Armfunktionalität und -kraft zu erreichen, um Umlagerungen mit der Hilfe einer einzelnen Person zu bewältigen. Das würde hoffentlich bedeuten, dass ich keinen persönlichen Assistenten mehr benötige. Das wiederum würde heißen, dass ich mich völlig unbeschwert aufs Sofa schwingen kann, um mit meiner wunderschönen Frau zu kuscheln – vielleicht könnte ich dann sogar wieder ihre Käse-Füße kitzeln!

Sollte ich meine Handfunktion verbessern, besteht vielleicht die Chance, dass ich keine Unterstützung im Umgang mit Blase und Darm mehr brauche. Glaubt mir, es wird nie einfacher oder weniger peinlich. Ich verliere mich oft in Fotos meiner Familie, vor allem jene meiner Enkelin, und empfinde Neid und Traurigkeit, wenn ich sie in den Armen ihres anderen Großvaters sehe. Ich träume davon, sie auf meinen Schoß zu setzen oder mit ihr zu spielen.


In den letzten fünf Jahren wurden in der Forschung und Behandlung von Rückenmarksverletzungen enorme Fortschritte gemacht. Meine unerschütterliche Entschlossenheit und mein Wille, jeden Tag hart zu arbeiten, werden sicherstellen, dass ich zu gegebener Zeit bei bestmöglicher Gesundheit bin. Und wer weiß, wenn die Wissenschaft weiterhin in solch einem Tempo Fortschritte macht wie in den letzten 25 Jahren, dann kann ich vielleicht – aber eben nur vielleicht – mein Versprechen an meine Tochter einlösen und sie zum Traualtar führen. Das wäre das Schönste für mich.

Unser großes Ziel ist es, Querschnittslähmung heilbar zu machen. Danke, dass Sie uns dabei helfen und am Wings for Life World Run teilnehmen oder an uns spenden.