Das passiert nach einer Rückenmarksverletzung


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Das Rückenmark ist im Durchschnitt zirka 40 bis 50 cm lang und über seine gesamte Länge kaum dicker als ein Bleistift. Würde man es berühren, würde es sich wie Gelatine anfühlen. Und es ist extrem fragil. Glücklicherweise wird es gut geschützt: Durch die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit, durch drei verschiedene Lagen an Bindegewebe und durch die dicke Knochenschicht der Wirbelsäule. Ist eine Verletzung allerdings zu stark, reicht auch dieser Schutz nicht mehr aus. Das empfindliche und hochkomplexe Gewebe wird folgenschwer geschädigt. 

Innerhalb von Minuten bis Stunden nach der Verletzung sterben Nerven- und Gliazellen im Rückenmark ab. Diesem ersten Schaden folgt dann die "Sekundärschädigung". Blutgefäße reißen, es kommt zu Schwellungen und Sauerstoffmangel im Gewebe und weitere Nervenzellen sterben ab. Die Schäden weiten sich aus. Keine Rückenmarksverletzung ist wie die andere, darum ist es schwierig, die komplizierten Prozesse zu erklären. Manche Ereignisse überlagern sich zeitlich und beeinflussen sich sogar gegenseitig. In jedem Fall tritt das Rückenmark aber in einen Notfallmodus. Es versucht, den Schaden zu reparieren oder zu begrenzen. Dabei kann ein und derselbe Mechanismus sowohl heilend als auch schädigend wirken. Der Übersichtlichkeit halber können wir die Ereignisse vereinfachen und in Wellen unterteilen. 

Die erste Welle: Nach wenigen Stunden
Schon kurz nach der Verletzung herrschen hochtoxische Bedingungen für das Rückenmark. Den Zellen fehlt es an Sauerstoff und Energie. Das führt zu ihrem Untergang. Sie platzen und setzen riesige Mengen giftiger Substanzen frei, die wiederum noch mehr Zellen töten.

Die zweite Welle: Stunden bis einige Tage danach
Das Rückenmark beginnt, sich selbst zu heilen. Dabei werden neue Blutgefäße gebildet, um Sauerstoff und neue Energie in das beschädigte Gewebe zurückzubringen. Das zieht Immunzellen an, die damit beginnen, Zellreste zu beseitigen. Diese Mechanismen reinigen zwar die Umgebung von toxischen Substanzen, erzeugen aber auch reaktive freie Radikale, die weitere Schäden verursachen.
Zudem "betäubt" die Verletzung das gesamte Immunsystem. Für die Patienten bedeutet das häufig Lungen- oder Blasenentzündungen und eine schlechtere allgemeine Genesung.

Die dritte Welle: Tage bis Wochen vergehen
Der Körper verschließt nun die Wunde. Bindegewebs- und Immunzellen bilden ein erstes Narbengewebe. Um weitere Schäden zu verhindern, schirmt der Körper das intakte Rückenmark durch eine dicke Schicht Gliazellen ab. Das entstehende Narbengewebe erstarrt und verhindert jegliche Regeneration. Im Grunde wird ein Niemandsland in der Wirbelsäule geschaffen, in dem keine Neurone mehr auswachsen können. Abgestorbene Nervenzellen werden nicht durch neue ersetzt.

Die vierte und letzte Welle: Nach Wochen bis Monaten
Während dieser letzten Welle gibt es eine begrenzte Wiederherstellung von Gewebestrukturen und Funktionen. Nervenbahnen, die intakt geblieben sind, verändern sich und übernehmen verloren gegangene Funktionen wie Bewegungen und Empfindungen. Dieses Phänomen (Plastizität) erzeugt eine Umgehungsstraße, die sich um das „Niemandsland“ herum erstreckt.

Dieses Bild ist sehr vereinfacht, die Hauptbotschaft aber ziemlich klar: Jede Rückenmarksverletzung ist unglaublich komplex. Dies erklärt teilweise, warum die Suche nach einer Heilung so schwierig ist. Und dennoch: Wissenschaftler haben mittlerweile viele Puzzlesteine entdeckt.

In klinischen Studien werden bereits Medikamente untersucht, die die toxischen Bedingungen in der ersten Phase direkt nach einer Verletzung eindämmen sollen. Während der zweiten Welle sind Ärzte und Pfleger in der Versorgung der Patienten gefordert, Infektionen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. In der dritten Welle scheint eine Verhinderung der Narbenbildung naheliegend. Sie vollständig zu verhindern wäre aber keine Lösung, da sich sonst die in der ersten Phase gebildeten toxischen Substanzen ausbreiten würden. Die laufende Forschung zeigt, dass eine Modifikation der Narbe eine gute Chance auf eine Erholung bietet. Während der vierten Welle ist Rehabilitation häufig sehr erfolgreich, obwohl auch sie von Patient zu Patient unterschiedlich verläuft. Der Schlüssel liegt für die Forscher darin, positive Vorgänge zu fördern und zu versuchen, schädliche Nebenwirkungen zu verringern.

 

Glossar

Gliazellen
Gliazellen – abgeleitet vom griechischen Wort glia für „Leim – sind unterstützende Zellen mit vielen wichtigen Funktionen. Sie dienen unter anderem als Stützgerüst für Nervenzellen und bilden eine Isolierschicht für Nervenbahnen. 


Neurone
Im menschlichen Gehirn befinden sich Abermilliarden Neurone (oder Nervenzellen). Damit wir denken, fühlen und handeln können, müssen sie ständig miteinander kommunizieren. Die Übertragung von Informationen erfolgt durch elektrische und chemische Signale.