© Lisa Haensch

„Das hier war immer meine größte Angst.“


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„Meine große Liebe“, schreibt Michi zu einem Foto auf Instagram. Es zeigt sie, wie sie mit ihrem Bike durch den Wald fährt. Ihr liebstes Hobby - Downhillen. „Man kann dabei alles vergessen, und ist zeitgleich voll konzentriert im Hier und Jetzt“, schwärmt sie.


Wir treffen Michi gemeinsam mit ihrer Mama Beate bei einem Spaziergang im Olympiapark in München. „Für meine Tochter war Bewegung alles. Anstatt Hausaufgaben zu machen, tobte sie mit ihrem jüngeren Bruder im Garten.“ Sie spielt erfolgreich in einem Fußballclub und begeistert sich für Klettern und Parkourlauf.
Mit 23 Jahren – Michi studiert mittlerweile Mechatronik- entdeckt sie Downhillfahren für sich. Sie trainiert leidenschaftlich, ist jedes Wochenende am Bike und wird immer besser. „Ich kannte meine Grenzen und war immer vorsichtig“, versichert die 27-Jährige, als sie von diesem einen Tag im September 2018 erzählt.


Gemeinsam mit Freunden ist sie in einem Downhillpark. Sie erinnert sich an strahlendes Herbstwetter und eine ausgelassene Stimmung. Dann steigt Michi aufs Bike, checkt noch einmal alles – die Protektoren, den Helm, ihre Brille – und fährt los. Sie setzt zum Sprung an – wie schon unzählige Male zuvor. Doch dieses Mal fühlt sich etwas falsch an. „Mir war in der Luft klar, dass ich zu schnell und zu hoch bin. Ich wusste, dass mir gleich etwas Schlimmes passiert.“ 
Michi prallt im Flachen mit dem Vorderrad auf und wird über den Lenker geschleudert. Als sie zu sich kommt, stehen ihr Freund und Mitarbeiter der Bergrettung über ihr. „Ich konnte meine Beine nicht spüren. Nicht einmal ein Kribbeln – sie waren einfach nur taub“, sagt sie mit leerem Blick. „Dann habe ich geschrien. Ohne Pause und aus tiefster Verzweiflung.“

Kurze Zeit später erhält Beate einen Anruf von Michis Freund. „Er sagte, meine Tochter sei schwer gestürzt und wird ins Krankenhaus geflogen.“ Bei Beate überschlagen sich die Gedanken, sie versucht Ruhe zu bewahren und fährt sofort mit ihrem Sohn los. „Wir haben schweigend hinter einer Glastür auf das Eintreffen des Hubschraubers gewartet.“ Dann landet Michi endlich und wird bitterlich weinend an den beiden vorbeigeschoben. „Sie musste operiert werden – und ich erstmal Geduld haben.“ Stundenlang sitzt Beate im kalten Vorraum zum OP und wartet auf einer Metallbank, um mehr über den Gesundheitszustand ihrer Tochter zu erfahren. „Es dauerte viel zu lange. Ich dachte, mein Kind stirbt da drinnen. Das war die schlimmste Zeit...“

Gebrochener Brustwirbel 
Beate erfährt in dieser Nacht, dass ihre Tochter den schweren Sturz überlebt. Aber auch, dass zwei Metallstäbe ihre Wirbelsäule fixieren und sie von nun an ab dem 8. Brustwirbel komplett querschnittsgelähmt ist.
Als Michi zu sich kommt, ist auch ihr Papa bei ihr. Was passiert ist, versucht ihr ein Arzt zu erklären. Begreifen kann sie es nicht. „Mein ganzes Leben lang war eine Querschnittslähmung meine größte Angst. Und plötzlich soll sie wahr geworden sein?“ 


Die junge Frau verbringt fünf Monate im Krankenhaus und weitere drei auf Reha. „Anfangs habe ich keinen Besuch ertragen.“ Sie erzählt von Freundinnen, die bei ihrem Anblick zu weinen begannen und von ihrer Überforderung, sich plötzlich im eigenen Körper eingesperrt zu fühlen. „Meine Mama war mir eine große Stütze. Sie reagierte taff und strukturiert, das hat mir sehr geholfen.“ Michi ist davon überzeugt, trotz allem bald wieder gehen zu können. „Ich habe gehofft, dass nach dem spinalen Schock Funktionen zurückkommen. Aber es kam nichts...“

 (Lisa Haensch )
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Schließlich wird sie entlassen. In ihr Leben außerhalb der geschützten Einrichtung und weg von Gleichgesinnten. „Ich habe viel recherchiert, Gespräche geführt und ein Angehörigencafé der Klinik besucht. Ich wusste, dass diese Zeit für uns alle schwer werden würde“, sagt Beate, die sich als eine Auszeit in ihrem Job als Rechtsanwältin nimmt, um ganz für ihre Tochter da zu sein. 

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„Was, wenn diese Traurigkeit nicht weggeht?“
Michi kommt im Rollstuhl nach Hause. Sie kann ihre Beine nicht mehr bewegen, fühlt nichts mehr ab der Brust; Blase und Darm funktionieren nicht mehr. Plötzlich ist alles anders - eng und voller Hindernisse. „Es war ein heißer Sommer. Und während meine Freunde beim Biken oder in den Bergen waren, hockte ich in der stickigen Wohnung.“ Michi überrollt eine schwere Welle an Traurigkeit. „Wenn ich mal draußen war, fühlte ich mich so angestarrt. Ich habe viel geweint und mich so davor gefürchtet, dass dieses Gefühl nie mehr weggeht“, sagt sie mit einem schwachen Lächeln.
Aber Michi bekommt Rückenwind. Von ihrer Familie und Freunden. Irgendwann probiert sie Sportarten, die auch mit ihrer Querschnittslähmung möglich sind. „Tennis finde ich gut und auch Kartfahren macht mir Spaß.“
Beate ist stolz darauf, wie ihre Tochter sich entwickelt hat. „Sie ist über sich hinausgewachsen. In dieser schweren Zeit ist eine besondere Nähe und Verbundenheit zwischen uns entstanden.“ Für ihre Kinder wünscht sie sich „...dass sie glücklich sind. Unabhängig davon, ob stehend oder sitzend.“

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Im Herbst möchte Michi ins barrierefreie Studentenwohnheim nach München ziehen und im Masterstudiengang Luft- und Raumfahrtechnik studieren. Ihr Optimismus und ihre gewinnende Art werden ihr diesen Schritt erleichtern.

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„Ich hoffe sehr, dass es in Zukunft für frisch Verletzte, aber auch für uns chronische Patienten eine Heilung gibt,“ wird sie ernst. „Ich würde wahrscheinlich nicht mehr aufs Rad steigen, dafür aber einfach normal auf die Toilette gehen oder eine riesige Runde joggen und mich auspowern.“

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Wir beobachten die beiden dabei, wie sie Fotos von früher ansehen, als für Michi vieles leichter war. Ob sie manchmal noch versucht, mit den Zehen zu wackeln? „Ja“, sagt sie. „Jeden einzelnen Tag, bevor ich einschlafe.“  




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