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Das Ende einer Weltreise


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Einmal mit dem Rucksack die Welt entdecken. Vanessa und ihr Freund tun genau das. Bis zu dem einen Tag in Neuseeland, an dem die junge Frau tragisch stürzt…

Gepackte Rucksäcke. Zwei Around-the-World-Tickets. Und das Gefühl, die Welt liegen einem zu Füßen. Vanessa hat es erlebt. Nach ihrem Studium für Biomedizinische Analytik und zwei Jahren in einem Labor für Krebsforschung will sie es noch einmal wissen. Sie plant gemeinsam mit ihrem Freund eine fast viermonatige Weltreise und steigt im Oktober 2016 voller Vorfreude und Abenteuerlust in den Flieger Richtung Thailand. Mit im Gepäck: Eine Bucketlist mit Dingen, die sie erleben und sehen möchte.

„Ich war mein ganzes Leben lang sehr sportlich und wollte alles ausprobieren. Und das habe ich.“ Vanessa feiert Full Moon Partys am Strand, sieht Pinguine in freier Wildbahn und wandert die Klippen der beeindruckendsten Küsten entlang. „Diese Reise war eines der schönsten Dinge, die ich je erlebt habe. Ich konnte so viele Punkte auf meiner Liste abhaken und war der glücklichste Mensch", sagt sie mit einem Lächeln. Sie bereist Kuala Lumpur, Singapur und Australien und erreicht schließlich Neuseeland.

Die Abenteuerreise beginnt: Mit dem Camper durch Australien.
Die Abenteuerreise beginnt: Mit dem Camper durch Australien. 

Das grenzenlose Freiheitsgefühl am Beginn einer Weltreise.
Das grenzenlose Freiheitsgefühl am Beginn einer Weltreise. 

Der Unfall
Während zu Hause in Österreich der erste Schnee fällt und ihre Familie sich auf Weihnachten einstimmt, genießt die damals 24-Jährige die Sonne in einem kleinen Ort nahe Christchurch. "Dort gab es auch einen riesigen Trampolinpark, den wir besucht haben.“ Vanessa und ihr Freund springen und lachen gemeinsam. „Bald haben wir Vorwärts- und Rückwärtssalti probiert. Alles ging gut, bis ich total blöd aufprallte.“

Vanessa bleibt liegen. Und hat höllische Schmerzen. „Mein Rücken tat mir schrecklich weh, und ich konnte mich nicht bewegen. Ich habe das alles sofort mit Rollstuhl verbunden.“ Ihr Freund, die Mitarbeiter des Parks und andere Besucher laufen zusammen und verständigen den Notarzt. Vanessa wird in einen Hubschrauber verladen und im nahe gelegenen Spital notoperiert. Ihre gebrochenen Wirbelknochen werden mit Titanstäben fixiert. Als sie aufwacht, kann sie ihre Beine nicht mehr bewegen.

„Ein Arzt hat mir auf Englisch erklärt, dass durch den Aufprall mein Rückenmark verletzt wurde und ich vom 12. Brustwirbel abwärts komplett gelähmt bin. Ich werde nie mehr gehen können.“ Für Vanessa eine surreale Situation. „Vielleicht auch, weil mir das alles in einer anderen Sprache erklärt wurde. Ich hatte das Gefühl, dass das alles nicht echt sein kann. Dass das gerade jemand anderem als mir erklärt wird …“

 (Mona Lechner)
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Das härteste Jahr
Gleich am nächsten Tag kommt Vanessa schon auf Reha. Ihr Freund zieht in eine Unterkunft für Angehörige und kann sie jeden Tag besuchen. „Ich hatte immer noch starke Schmerzen. Aber die Versorgung dort war großartig, und ich war auch dankbar, dass ich nicht weiter oben verletzt war und meine Hände und Arme noch normal bewegen konnte.“ Vanessa wirkt gefasst, als sie von den Umständen erzählt. Sie erinnert sich an das erste Mal im Rollstuhl, die ersten Fahrversuche und das erste Mal sitzend duschen. „Ich war dauernd beschäftigt und gut abgelenkt.“

Und wenn es leise wurde?
Vanessas hellblaue Augen füllen sich mit Tränen. „Dann war es sehr schwer“, gibt sie zu. „Natürlich hatte ich mir diese Reise, mein Leben ganz anders vorgestellt. Ich war sehr traurig.“ Einen Monat lang bleibt sie auf Reha, bis sie transportfähig ist und nach Hause geflogen werden kann. „Es war gut, weg zu sein und das alles mit mir ausmachen zu können, bevor ich meine Familie wiedersah.“

Vanessa und ihre Schwester Corina stehen sich sehr nahe. (Mona Lechner)
Vanessa und ihre Schwester Corina stehen sich sehr nahe.  © Mona Lechner

Ihre Eltern, ihre Schwester und ihre zwei Brüder erfahren telefonisch davon, was passiert ist. Als Vanessa zu Hause in Österreich ankommt, können sie sie endlich wiedersehen. Besonders zu ihrer Schwester Corina hat Vanessa eine sehr enge Bindung. „Sie war und ist immer für mich da. Das bedeutet mir sehr viel.“

Während ihrer Zeit auf Reha probiert Vanessa viele Rollstuhlsportarten aus. „Ich habe wirklich nichts ausgelassen“, lächelt sie. Von Reiten uber Bogenschießen bis hin zu Basketball. „Am Ende wollte ich Tennisspielen lernen. Auch um wieder eine gemeinsame Sportart mit meinem Papa zu haben.“ Während Vanessa ihre neue Leidenschaft entdeckt und damit „etwas, für das ich wieder brenne“, ziehen ihre Eltern um und überlassen ihrer Tochter die barrierefreie Wohnung. „Es hat mir geholfen, in eine quasi neue Umgebung, und nicht in mein altes Leben zurückzukommen.“

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Trotz allem war das erste Jahr, so erzählt sie rückblickend, am schlimmsten. „Alles noch einmal neu zu erleben, die große Traurigkeit, die man spürt – das dauert einfach.“ Die Liebe zu ihrem Freund zerbricht an den Umständen. „Mir war es wichtig, nach vorne zu schauen. Ihm fiel das sehr schwer. Schließlich wollte ich ihm das alles nicht länger aufbürden“, sagt sie leise.

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Selbstständigkeit und Hoffnung
Vanessa wird unabhängiger, fährt bald allein zum Einkaufen und lernt, ein umgebautes Auto mit den Händen zu bedienen. Dann zieht sie ein weiteres Mal um – in ein gemeinsames Haus mit ihrer Schwester. „Wir wohnen Tür an Tür, und sie ist in der Nähe, wenn ich Hilfe brauche“, lächelt Vanessa. Ihr Leben, so sagt sie, ist jetzt durchgeplanter und viel weniger spontan als vor dem Unfall. „Manchmal denke ich an den Strand und wie umständlich das mit dem Rollstuhl ist. Ich vermisse das Gefühl von warmem Sand unter meinen Fußen …“

Andauernd zuruckschauen und sich fragen, was gewesen wäre, wenn, möchte sie aber bewusst nicht. „Ich habe ja in der Forschung gearbeitet und weiß, dass Fortschritt Zeit braucht. Natürlich wäre es schön, wenn es etwas für mich und die vielen anderen Betroffenen gäbe“, sagt sie. „Aber bis es so weit ist, will ich glücklich sein.“

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