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Biomarker für Genesung im Blut


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Die akute Querschnittverletzung bringt ein sehr schwerwiegendes neurologisches Defizit mit sich. Eine solche Verletzung setzt im ganzen Körper auch eine Entzündungsreaktion in Gang, bei der weiße Blutkörperchen beteiligt sind. Im Rückenmarksgewebe entsteht eine chronische, andauernde Entzündungsantwort auf das Trauma. Bei dieser spielen sowohl weiße Blutkörperchen, die im Rückenmarksgewebe vorkommen, als auch aus dem Blut eingewanderte weiße Blutkörperchen eine Rolle. Diese Entzündungsreaktion gilt als Ursache für eine verzögert eintretende Schädigung zunächst erhalten gebliebenen Rückenmarkgewebes. Sie wird derzeit in Teilen als fehlgeleitete, körpereigene Reaktion angesehen.

Warum es Vorhersageparameter braucht
Zuletzt konnten entscheidende Entwicklungsschritte hin zu einer Behandlung der Querschnittslähmung erzielt werden. In der aktuellen Versorgung ist es hingegen aufgrund der unterschiedlichsten Verletzungsmuster nach einem Trauma weiterhin sehr schwierig, auf folgende Fragen eine Antwort zu geben: Wie schwer wird der Schaden am Rückenmark sein? Wie wird sich bei jedem Einzelnen der Genesungsprozess gestalten? Welche Komplikationen, die sich aus dem Trauma ergeben, werden auftreten?
In einer aktuellen Veröffentlichung finden sich Antworten auf diese Fragen. Neurowissenschaftler unter der Leitung von Dr. Ruitenberg und Dr. Kopp haben ihre Ergebnisse einer Analyse vorgestellt. Sie haben Daten von über 200 Querschnittsverletzten an ihren beiden Krankenhäusern in Australien und in Deutschland überprüft. Sie wollten feststellen, inwiefern im Körper die Antwortreaktion der weißen Blutkörperchen von folgenden Faktoren abhängt: Schwere des Traumas, Höhe der Verletzung und neurologisches Defizit bei Krankenhausaufnahme.

Ergebnisse als game changer
Die Forscher haben herausgefunden, dass der akute Anstieg einer bestimmten Sorte von weißen Blutkörperchen, den sogenannten Neutrophilen, einen Vorhersagewert hat. Je höher die Zahl dieser weißen Blutkörperchen, umso geringer ist das Erholungspotential eines Patienten.
Zudem ergab die Analyse, dass der Abfall eines anderen Zelltyps, der Lymphozyten, in der ersten Woche nach einer Verletzung mit einer besseren Erholung in Zusammenhang stand. Basierend auf diesen beiden Ausgangsbefunden haben die Wissenschaftler überprüft, inwiefern sich ein Vorhersagewert aus dem Verhältnis dieser beiden Zelltypen ergibt. Hier zeigte sich, dass im klinischen Alltag mit diesem Wert besser herausgefunden werden kann, wann es zu einer Infektion bei bestimmten Risikopatienten kommt.

Die Ergebnisse dieser Analyse sind nicht nur für Mediziner hilfreich, um zuverlässiger eine Prognose über den Grad der Genesung bei jedem einzelnen Patienten hervorzusagen. Sie helfen auch dabei, Zielstrukturen für neue Therapieformen auszumachen. Darüber hinaus können die Daten dazu beitragen, die Wirksamkeit von neuen Therapieformen zu überprüfen.

Diese Studie wurde in der Zeitschrift Clinical and Translational Medicine veröffentlicht und von Wings for Life unterstützt.

Quelle: Jogia T, Lübstorf T, Jacobson E, et al. Prognostic value of early leukocyte fluctuations for recovery from traumatic spinal cord injury. Clin Transl Med. 2020;11:e272.

In unseren Basisinformationen finden Sie medizinisches Hintergrundwissen zur Querschnittslähmung. Das Wings for Life Glossar bringt Ihnen die Fachbegriffe näher.