„Am Anfang war´s am schlimmsten.“


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Sebastian stürzt mit 18 Jahren in ein Bachbett, ist vom Hals abwärts querschnittsgelähmt und gezwungen ein neues Leben zu beginnen. Von seinen Erfahrungen lernen jetzt Führungskräfte und ihre Teams.

Sebastian liegt regungslos in einem Bachbett. Seine Kleidung, die Schuhe und seine Haare sind nass. Es ist Dezember, das Wasser eisig kalt und die Luft rau und trocken. Sebastian wollte – wie zuvor auch sein Bruder - über das zwei Meter breite Rinnsal springen, blieb dabei aber mit dem Fuß an einer Wurzel hängen und stürzte kopfüber. „Recht schnell begann alles zu kribbeln und mir war klar, dass gerade etwas Gravierendes passiert ist“, erinnert sich der heute 30-Jährige. Sebastians Körper kühlt binnen Minuten ab, hat schließlich nur noch 30 Grad. Sein Bruder rettet ihn mit aller Kraft aus dem Wasser, bis er ins Krankenhaus eingeliefert und notoperiert wird…

Wie beschädigte Ware
Zwölf Jahre sind seit diesem tragischen Unfall im Winter vergangen. Und seit der Diagnose: Querschnittslähmung auf Höhe des 5. Halswirbels.
„Der Anfang war am schlimmsten“, sagt Sebastian. Sechs lange Wochen liegt er im Krankenhaus und kommt dann auf Reha. „Ich konnte 95% meines Körpers nicht mehr bewegen. So musste ich langsam und mit sehr viel Geduld lernen wieder zu essen und mir selbstständig die Zähne zu putzen.“ Ein komplett neues Leben mit dem der junge Mann sehr zu kämpfen hat. „Am Vormittag hatte ich Therapien und war abgelenkt. Mittags musste ich mich aber immer hinlegen, um meine Haut zu entlasten und Druckstellen zu vermeiden“, denkt er zurück. „Ich schaute starr aus dem Fenster, habe Musik gehört und sehr viel geweint. Ich habe mich als beschädigte Ware gesehen und mich dauernd gefragt, ob ich so noch etwas wert bin. Ob mein Leben so noch lebenswert ist.“ Sebastian erzählt von einem Gedankenkarussell aus Hoffnung, Ängsten und Verzweiflung. „Das hier zu akzeptieren war meine größte Herausforderung. Irgendwann habe ich es aber geschafft, mich auf die 5% meiner noch funktionierenden Muskeln zu konzentrieren. Ich habe darüber nachgedacht, was trotz allem noch möglich ist und mir neue Ziele gesetzt.“

Karriere als Antrieb
Sebastian holt das Abi nach, strukturiert seine Tage penibel und lernt mit den vielen Einschränkungen im Alltag umzugehen. „Auch mit den Dingen über die keiner spricht, wie die Probleme, wenn man keine Blasen- und Darmfunktion mehr hat.“ Sebastian studiert Wirtschaftsmathematik und arbeitet nach dem Master als Portfoliomanager in einer Privatbank.
2016 wird er von der „Fördergemeinschaft der Querschnittsgelähmten“ angefragt, seine Geschichte zu erzählen. „Ich sollte mit meinem Werdegang andere Betroffene motivieren und ihnen Mut machen. Was am Anfang etwas befremdlich war, funktionierte aber sehr schnell sehr gut.“ Sebastian spricht vor Betroffenen ganz offen über seine traurigste Zeit und den mühsamen Weg, den er zurücklegen musste. Noch auf der Bühne wird ihm klar, dass er mit seinen Erfahrungen Gutes tun und anderen helfen kann. Er macht eine Ausbildung zum Mentalcoach und gründete im letzten Jahr sein eigenes Unternehmen. Als Coach und Speaker möchte er andere Sichtweisen aufzeigen. „Meine Kunden sind in den seltensten Fällen Rollstuhlfahrer. Mich buchen Unternehmer, Führungskräfte und ihre Teams. Wie man mit einer Krise lebt und wieder herauskommt, hat nicht zwingend etwas mit einer Behinderung zu tun. Letztlich geht es immer um Menschen.“ 

Das Buch zum Vortrag
Sebastian spricht über die Themen Bewusstsein, Ziele und Verantwortung. „Um sich zu verändern – egal in welcher Hinsicht – ist es wichtig aus der Opferrolle herauszutreten, sich Ziele zu setzen und aktiv zu werden. Man braucht eine Perspektive“, ist er überzeugt.

Sieben Jahre lang, so sagt er, hat er gebraucht um sein neues Leben, sich selbst, nach seinem Unfall zu akzeptieren. „Weil ich das so erlebt habe, hören mir die Menschen auch zu. Ich kann dadurch etwas in ihnen bewegen. Oft melden sie sich noch Wochen nach einem Vortrag oder Workshop, weil sie über meine Worte nachdenken.“
Über seine Erfahrungen hat Sebastian jetzt sogar ein Buch geschrieben. Change Mindset soll Veränderungen sprichwörtlich ins Rollen bringen.


„Ich führe ein sehr selbstständiges Leben, wohne mit meiner Freundin zusammen und bin dankbar für die Erfahrungen die ich gemacht habe und nun weitergeben darf“, betont er. „Aber eine Heilung von Querschnittslähmung würde so viel Zeit sparen. Einfach nichts mehr lange planen zu müssen und spontan zu sein, würde vielen Betroffenen ein großes Stück Freiheit zurückgeben.“