© Philipp Horak/The Red Bulletin

Abenteuer Alltag


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Wolfgang Illek ist Tetraplegiker. Bedeutet: Seit einem Radunfall vor 18 Jahren ist er vom Hals abwärts gelähmt. Wie sein Tagesablauf aussieht? So!

6.00 Uhr
Mein Handy weckt mich. Gleich wird mein Assistent vor der Tür stehen – ich öffne sie über eine App. Ich brauche fremde Hilfe, um aus dem Bett zu kommen. Joe und Flo, das sind die beiden, die mich betreuen, kennen die richtigen Griffe, um meine 80 Kilo auch für sie möglichst rückenschonend zur Morgentoilette zu hieven.

Via App auf einem modifizierten Handy öffnet Wolfi z.B. die Haustür. (Philipp Horak/The Red Bulletin )
Via App auf einem modifizierten Handy öffnet Wolfi z.B. die Haustür.  © Philipp Horak/The Red Bulletin


7.00 Uhr
Die produktivste Stunde des Tages: In meinem Fitnessraum bewege ich meinen Körper mit eigens auf Quer­schnittsgelähmte abgestimmten Maschinen, um beweglich zu bleiben und auch um die Verdauung anzuregen. Danach schnallt mich mein Assistent auf ein Stehbrett und fixiert mich bei Knien, Hüfte und Brust. So mache ich mein Stehtraining. Das halte ich bis zu vierzig Minuten durch – für meinen Kreislauf eine echte Herausforderung – und nutze die Zeit, um parallel am Laptop zu arbeiten.
 
8.00 Uhr
Inzwischen sind auch meine Frau Lena und meine Tochter Marie auf den Beinen und bereiten das Frühstück zu. Ich trinke aus einem Strohhalm, weil ich mit mei­nen Händen keine Tasse zum Mund füh­ren kann. Auch ein Brot zu streichen ist mir unmöglich. Diese alltäglichen Hand­griffe vermisse ich sehr. Aber meine vier­jährige Tochter ist mir bereits eine große Hilfe. Heute zum Beispiel hat sie ein We­ckerl mit gleich drei Lagen Käse für mich umwickelt.

Ziel des Stehtrainings: u.a. eine Verkürzung der Muskeln vermeiden (Philipp Horak/The Red Bulletin )
Ziel des Stehtrainings: u.a. eine Verkürzung der Muskeln vermeiden  © Philipp Horak/The Red Bulletin

8.30 Uhr
Termin in Salzburg. Zwei Stunden, zehn Minuten mit dem Auto. Ich lenke meinen umgebauten VW-Bus mit der Linken mit einem Dreizack am Lenkrad, mit der Rechten gebe ich Gas und bremse. Hebel zurück heißt beschleunigen, Hebel nach vorn bremsen. Automatikgetriebe. Funktioniert super, sogar meinen Anhänger-Führerschein durfte ich behalten. Ich starte das Auto via Touchscreen, blinken muss ich mit dem Kopf über Taster an der Kopfstütze. Mein Betreuer sitzt am Beifahrersitz. Über 300.000 unfallfreie Kilometer habe ich so bereits absolviert.

 Mit seinem umgebauten VW-Bus fährt Wolfgang Illek ins Wings for Life Büro. (Philipp Horak/The Red Bulletin )
Mit seinem umgebauten VW-Bus fährt Wolfgang Illek ins Wings for Life Büro.  © Philipp Horak/The Red Bulletin

12.00 Uhr
Geschäftsessen. Mein Assistent schiebt mich durch die City ins Lokal. Kopfsteinpflaster ist mühsam, weil ich den Rollstuhl nicht mit den Fingern greifend antreiben kann, sondern bloß mit der Reibung der Handschuhe. Bei der Wahl des Essens muss ich darauf achten, dass es mundgerecht serviert wird, damit ich die Stücke mit der Gabel, die ich zwischen Handfläche und Handschuh einklemme, aufspießen kann.

 
14.00 Uhr
Computerarbeit im Büro: Mit der linken Hand bediene ich eine Maus, die auf dem Kopf steht. So kann ich die Taste mit dem kleinen Fingerknöchel bedienen – muss aber umdenken, weil die Mausbewegungen spiegelverkehrt sind. Mit meiner Rechten bediene ich den Track­ball, dessen vier Tasten mit Kurzbefehlen belegt sind. Der Rest: Sprachsteuerung, Nachbessern von Rechtschreibfehlern.
 
18.00 Uhr
Ich halte einen Vortrag über die Heraus­forderungen Querschnittsgelähmter. Meine Rumpfmuskulatur endet beim Schlüsselbein, das bedeutet, dass ich rein übers Zwerchfell atmen muss. Anstren­gend! Wenn ich beim Sprechen darauf nicht aufpasse, wird mir schwindlig.

Mit einem hydraulischen Lift kann Wolfgang im Rollstuhl auf Fahrerposition. (Philipp Horak/The Red Bulletin)
Mit einem hydraulischen Lift kann Wolfgang im Rollstuhl auf Fahrerposition.  © Philipp Horak/The Red Bulletin

21.00 Uhr
Bei Abendterminen wäge ich immer ab: Nach Hause fahren oder ein Zimmer vor Ort nehmen? Das Problem ist die Haut. Druckstellen können zu langwierigen Komplikationen führen. Außerdem habe ich einen Dauerkatheter. Selbst wenn ich in einen Stau geraten sollte, muss ich den Weg nach Hause schaffen. Meine Lieben schlafen bereits. Der Assistent hilft mir, mich möglichst leise ins Bett zu begeben. Gute Nacht!

Die kleine Marie unterstützt ihren Papa, wo sie kann. (Philipp Horak/The Red Bulletin )
Die kleine Marie unterstützt ihren Papa, wo sie kann.  © Philipp Horak/The Red Bulletin

Text: Werner Jessner