© Michael Grössinger

180 Grad Wende


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Wenn man sich mit Jacques Willaarts in einem Restaurant zu Mittag trifft, erregt man Aufmerksamkeit. Um mit seinem schweren Elektrorollstuhl den passenden Platz zu finden, müssen Sessel umgestellt werden, er kann wegen seiner Verletzung nicht mehr schwitzen und braucht Schatten und schließlich die Hilfe seiner Pflegerin um überhaupt essen und trinken zu können. „Ständig auf andere angewiesen zu sein, war am Anfang das Schlimmste“, erzählt der Holländer.

Bis vor seinem Unfall lebte Jacques auf der Überholspur. Als erfolgreicher Immobilienmakler beschäftigte er einige Mitarbeiter, in der wenigen Freizeit pushte er sich auf seinem Fahrrad zu Bestleistungen und an den Wochenenden versuchte er für seine Frau und die beiden Kinder da zu sein. „Wenn Sie mich heute fragen, ob ich wirklich glücklich war, müsste ich das verneinen. Ich hatte einfach zu wenig Zeit für meine Familie.“

Jacques mit seiner Frau und seinen beiden Kindern.
Jacques mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. 

Plötzlich bewegungsunfähig
Am 18. September 2013 ist Jacques – wie so oft - auf seinem Fahrrad unterwegs. Dann, im Bruchteil einer Sekunde übersieht ihn eine Autofahrerin. Er wird über die Windschutzscheibe geschleudert und prallt schließlich mit dem Rücken auf.

Hier passierte der tragische Unfall.
Hier passierte der tragische Unfall.  

„Als ich aufgewacht bin, war ich völlig desorientiert in einem Bett. Ich konnte mich nicht erinnern, nach Hause gekommen zu sein.“ Seine Frau Ingeborg erklärt ihrem Mann, dass er einen schweren Unfall hatte und im Krankenhaus sei. Jacques fällt unter starken Schmerzmitteln zurück in einen Tiefschlaf. Nach zwei Tagen, als er länger wach bleibt, versucht er langsam zu begreifen, was passiert ist. Verstehen kann er es nicht. „Alles was ich tun konnte, war einen Knopf zu drücken, der die Schwester verständigte. Sonst war ich komplett bewegungsunfähig.“ Eine sehr schwere Zeit. Auch für seine Familie. „Meine Tochter und mein Sohn waren Teenager und vor allem mein Sohn hat sich sehr verschlossen und vieles mit sich und seiner Freundin ausgemacht. Meine Frau hat sich in dieser Ausnahmesituation immer um mich gekümmert. Diese neue Situation führte natürlich auch zu Spannungen“, erinnert sich der 58-Jährige. 

Ein Arzt klärt Jacques schließlich über seinen Zustand auf. Er diagnostiziert eine inkomplette Querschnittslähmung auf Höhe des 3. Halswirbels. Gewisse Funktionen könnten eingeschränkt zurückkommen, manches aber nie wieder. „Er sagte mir, dass ich lebenslang bettlägerig und beatmet sein werde.“ Eine Katastrophe für den Familienvater. „In diesem einem Moment dreht sich dein Leben um 180 Grad. Ich dachte immer, ich schaffe alles alleine. Dann brauchte ich ständig Menschen um mich, die mir helfen.“

 (Michael Grössinger)
© Michael Grössinger

Für Jacques beginnt ein mühsamer Weg. Er kommt auf Reha und bleibt dort für ein Jahr. Selbst zu atmen, den Kopf zu bewegen, minimale Bewegungen in den Fingern und Armen. Alles Meilensteine für den Familienvater.„An den Wochenenden durfte ich immer nach Hause. Ich habe gelernt, die Dinge anders anzugehen, Hilfe zuzulassen und entwickelte eine positive Einstellung.“
Jacques engagiert Krankenschwestern und Pflegerinnen, die sich um ihn kümmern, er nimmt seine Arbeit wieder auf, gibt aber auch hier Aufgaben ab. Sein zweites Leben, so sagt er, habe auch gute Seiten. „Selbstverständlich gibt es traurige Momente. Aber ich bin heute nicht mehr so rational wie früher, sondern viel emotionaler. Und ich habe mehr Zeit, die ich mit meiner Familie und Freunden nutze.“

Etwas zurückgeben
An Weihnachten 2015 überrascht Ingeborg ihren Mann mit einem besonderen Geschenk. „Sie hat mir ein Foto von sich in ihrem Brautkleid geschenkt und mich gefragt, ob ich sie noch einmal heiraten möchte.“ Jacques will und plant nach 23 Ehejahren noch einmal seine Hochzeit. „Unser Leben ist heute ganz anders als früher. Ingeborg wollte mich aber auch so noch einmal bewusst heiraten. Das finde ich eine sehr schöne Geste.“

Jacques und seine Frau sagen noch einmal "Ja" zueinander
Jacques und seine Frau sagen noch einmal "Ja" zueinander 

Die beiden treten noch einmal vor den Altar, Ingeborg sogar in ihrem damaligen Hochzeitskleid. „Anstatt Geschenken, haben wir uns Spenden für Wings for Life gewünscht“, erzählt Jacques, der bei Recherchen auf unsere Stiftung stieß. Der große Erfolg veranlasste ihn dazu noch mehr zu tun. So organisierte er einige Monate später ein klassisches Konzert mit namhaften Künstlern. Auch die Einnahmen daraus spendet er an die Rückenmarksforschung.
Checkübergabe mit Wings for Life CEO Anita Gerhardter
Checkübergabe mit Wings for Life CEO Anita Gerhardter  

„Ich möchte einfach etwas tun und dabei helfen, Querschnittslähmung zu heilen.“ Denn auch wenn Jacques von sich sagt, er sei zufrieden, würde er sich mehr Funktionen in seinen Händen wünschen, um in einem Restaurant alleine essen oder trinken zu können...

Bitte helfen Sie uns dabei, Querschnittslähmung zu heilen. Wir geben 100% Ihrer Spende direkt weiter in die Rückenmarksforschung.