Marc Possover, Neuro-Pelveologie Klinik Hirslanden, Zürich, Schweiz

LION Methode (Laparoskopische Implantation von Neuroprothesen) – Pilotstudie

Gefördert in: 2009


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Prof. Dr. med. Possover hat im Rahmen seiner klinischen Forschungsarbeit eine Operationsmethode entwickelt, um die Blasen- und Darmaktivität sowie die Sexualfunktion bei gelähmten Patienten wiederherzustellen. Die Implantation von Neuroelektroden mittels „Schlüsselloch“-Chirurgie wird als LION-Methode (Laparoskopische Implantation von Neuroprothesen) bezeichnet. Die Operation wird durch eine kleine Wundöffnung durchgeführt und ist somit minimal-invasiv.

Die Mikroelektroden werden direkt an die zu stimulierenden Nerven implantiert und durch ein externes Gerät gesteuert, sodass mittels einer Fernbedienung das Entleeren von Harnblase und Darm wieder ermöglicht werden soll. Männliche Patienten können auch sexuelle Funktionen wiedererlangen. Im Rahmen einer von Wings for Life geförderten Pilotstudie wurden mehrere Patienten mit kompletter Querschnittslähmung versorgt. Die Patienten erlangten zu unterschiedlichen Anteilen die Kontrolle über ihre Blasen- und Darmfunktion zurück; es zeigten sich bisher keine schwerwiegenden Nebenwirkungen.

Die Ergebnisse der Pilotstudie wurden in einer internationalen Fachzeitschrift publiziert (J Minim Invasive Gynecol. 2009, 16:98-101).

Die Pilotstudie zur LION Methode ist abgeschlossen. Diese Methode muss jetzt in einer klinischen Studie weiter verfolgt werden.

Wings for Life hat grundsätzlich ein positives Votum für die Bereitstellung von Fördermitteln für eine klinischen Studie mit einer Nachverfolgung der Patienten über mehrere Jahre abgegeben, jedoch unter der Voraussetzung, dass eine Studienplanung und ein vollständiges Studienprotokoll (einschließlich Ethikvotum) vorgelegt werden.

Eine wichtige Information zur LION Methode:

Information von Wings for Life zur kompensatorischen Behandlung der Blasenfunktion nach Rückenmarksverletzungen: Der Wiederherstellung der Blasen- und Mastdarmfunktion bei rückenmarksverletzten Patienten wird eine sehr hohe Priorität beigemessen (Andersson, 2004). Diesem wichtigen Bereich kann sich eine Stiftung mit dem satzungsgemäßen Ziel der „Funktionswiederherstellung nach einer Rückenmarksverletzung“, insbesondere in Anbetracht einer konkreten Interventionsmöglichkeit, nicht entziehen.

Querschnittspatienten sind zumeist auf eine regelmäßige Selbstkatheterisierung angewiesen. Dies bedeutet neben einer Einschränkung der Lebensqualität zusätzlich das erhöhte Risiko einer Blaseninfektion, da durch den in die Harnröhre eingeführten Katheter, Keime in die Blase gelangen können. Die bisherigen Alternativen für Querschnittspatienten: Behandlung mittels einer Sphinkerotomie, welche mit einer permanenten Inkontinenz einhergeht, oder die so genannte Brindley-Versorgung, die für Betroffene eine irreversible Abtrennung der Spinalwurzel bedeutet und deshalb eher selten Anwendung findet.

Aus diesem Grunde prüfte Wings for Life die Evaluation alternativer Verfahren. Eine solche Alternative ist die LION-Methode (Laparoscopic Implantation of Neuroprothesis): ein reversibles Verfahren zur Wiederherstellung der Blasen- und Darmfunktion. Dieser neue Ansatz stellt einen mikrochirurgischen, komplett reversiblen Eingriff dar. Die Machbarkeit wurde erfolgreich in einer Pilotstudie analysiert. Die Ergebnisse sind publiziert (Possover et al., 2010).

Hauptparameter ist die Konversion von „katheterabhängig“ zu „katheterunabhängig“ bei rückenmarksverletzten Patienten; neben einer Verbesserung der Lebensqualität gelänge damit auch möglicherweise die Reduktion von Blaseninfektionen.

Eine zweifelsfreie langfristige Beurteilung der Sicherheit und Effektivität der LION-Methode, die auf die kompensatorische Steuerung der Blasenfunktion abzielt, ist derzeit noch nicht zulässig, da aufgrund der jüngst abgeschlossenen Pilotstudie noch keine Langzeitbeobachtungszeiträume möglich sind. Aus diesem Grund weist Wings for Life explizit darauf hin, dass die LION-Methode zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Alternative zu bestehenden Versorgungsmaßnahmen darstellt, dieser Ansatz also nicht mit herkömmlichen Behandlungsmethoden konkurriert.

Die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Methode muss in einem nächsten Schritt, einer klinischen Studie, in der die Patienten über einen längeren Zeitraum nachverfolgt werden, evaluiert werden.
Grundsätzlich ist Patienten, die eine Teilnahme an einer Klinischen Studie erwägen, für welche der Patient eine finanzielle Beteiligung zu leisten hat, abzuraten.

Ref: Andersson, KD. 2004. Targeting recovery: priorities of the spinal cord-injured population. J Neurotrauma. 21: 1371-83 Possover et al., 2010. New strategies of pelvic nerves stimulation for recovery of pelvic visceral functions and locomotion in paraplegics. Neurourology and Urodynamics 29:1433-1438