© Andreas Hechenberger

Zwischen Fliegen und Fallen


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Höhenflüge. Rückschläge. Ein katastrophaler Sturz und die Diagnose inkompletter Querschnitt. Wie sich das Leben von Skispringer Lukas Müller veränderte.

Heute habe ich keinen so guten Tag. Ich spüre den Wetterumschwung,Bewegungen fallen mir recht schwer.“ Seit seinem schweren Sturz ist der ehemalige Skispringer Lukas Müller gewohnt, Auskunft über seinen Gesundheitszustand zu geben. Das Interesse der österreichischen Medien an ihm war und ist groß. Alle wollen wissen, wie es um den Sportler steht, was seine Diagnose heute bedeutet und ob er Fortschritte macht. Knapp ein Jahr nach seinem Unfall treffen wir ihn im Universitäts- und Landessportzentrum Rif bei Salzburg. Hier trainiert er mehrmals in der Woche. „Ich komme aus einer aktiven Familie. Sport war schon früh ein großer Teil meines Lebens“, beginnt der gebürtige Kärntner seine Geschichte zu erzählen.

Nichts als Skispringen
Bereits mit drei Jahren steht Lukas das erste Mal auf Skiern. „Durch einen Bekannten bin ich dann mit zwölf zum Skispringen gekommen.“ Der Teenager aus Spittal/Drau gewinnt bald seinen ersten Landescup und schafft seine ersten Schanzenrekorde. Lukas wechselt an ein Skigymnasium, trainiert fleißig und wird immer besser. Mit sechzehn wird er Jugend- Doppelweltmeister und erringt erste Weltcuppunkte. „Der Anfang meiner Karriere war vollgepackt mit Highlights und Erfolgen.“

Der junge Lukas Müller gilt am Anfang seiner Karriere als Überflieger und Nachwuchshoffnung.
Der junge Lukas Müller gilt am Anfang seiner Karriere als Überflieger und Nachwuchshoffnung. 

Nach der Matura zieht der Sportler nach Salzburg und wird Mitglied im Heeressportverband. „2012 habe ich noch Continental-Cup- Bewerbe gewonnen und bin beim Weltcup mitgeflogen, dann wurde es immer schwieriger für mich.“ 2013 holt Lukas seine letzten Weltcuppunkte. „Ich habe danach hart gearbeitet, war aber nicht mehr so gut, wie ich es gerne gewesen wäre.“

Sturz vor Publikum
Am 13. Jänner 2016 dann das Einfliegen für die Skiflug-Weltmeisterschaft am Kulm in der Steiermark. Lukas packt der Ehrgeiz. Er will endlich wieder ganz vorne mitfliegen. „Wenn ich jetzt zurückdenke, spüre ich wieder das Bauchkribbeln …“
Lukas fährt los und springt. Erst scheint alles perfekt. „Bis ich während des Fluges langsam aus dem linken Schuh geschlüpft bin. Wegen einer gelösten Lasche oder weil mir der Testschuh zu groß war. Genau weiß ich es nicht.“ Sofort wird dem Profi der Ernst der Lage bewusst. „Ich hatte tausend Überlegungen, wie ich heil aus der Sache rauskomme. Meine Gedanken überschlugen sich.“ Noch in der Luft rudert der Skispringer mit beiden Händen, versucht sich irgendwie zu schützen. Ohne Erfolg. Mit mehr als 100 km/h prallt Lukas vor den Augen seiner Kollegen, Trainer und Fans auf den harten Schneeboden. „Sofort konnte ich meine Beine nicht mehr bewegen. Das war, als würde man das Licht ausmachen. Binnen Sekunden war alles Gefühl weg.“

Krankenhaus und Blitzlicht
Lukas kommt ins Klinikum Graz und wird sofort operiert. Als seine Eltern eintreffen, werden sie gleich mit einem Horrorszenario konfrontiert. „Ein Arzt sagte ihnen, dass ich vielleicht nur noch den Kopf bewegen kann. Das war furchtbar für sie.“ Nach der OP wacht Lukas auf. Auf der Intensivstation erklärt ihm sein Arzt, dass sein Rückenmark an der unteren Halswirbelsäule (Höhe C6/C7) gequetscht wurde und er dadurch einen inkompletten Querschnitt erlitten hat. „Das ist wie bei einem Gartenschlauch, bei dem Wasser durchläuft. Bei einem kompletten Querschnitt geht gar nichts mehr durch. Bei einem inkompletten können Informationen vom Gehirn über das Rückenmark eingeschränkt weitergegeben werden.“ Lukas reagiert gefasst. „Ich habe es ja geahnt. Aber es ist wie bei einer schlechten Schularbeit. Du weißt, du wirst eine Fünf kriegen – hoffst aber bis zuletzt, dass sich eine Vier ausgeht. Die Bestätigung meines Verdachts – also dass ich gelähmt bin – war hart.“

Reha mit einem großen Ziel
Lukas versucht die neue Situation anzunehmen. „Meine Familie war eine große Stütze. Alle haben sofort verstanden, dass mir Mitleid nicht hilft, ich es sogar ablehne.“ Nach sechs Wochen kommt Lukas zur Reha nach Bad Häring in Tirol. „Ich hatte dort viel Zeit zum Nachdenken. Mein Ziel war es, gehend rauszukommen.“ Lukas hat durch seinen inkompletten Querschnitt bessere Voraussetzungen als andere Verletzte. Sein Körper erlaubt es ihm, Fortschritte und bald auch erste Gehversuche zu machen. Trotzdem gibt es Momente, in denen der Sportler mit seinem Schicksal hadert. „Natürlich habe ich das alles manchmal verflucht. Wenn ich mir die Schuhbänder binden wollte, es wegen einer Spastik aber nicht hinbekam. Das war und ist wahnsinnig nervig.“ Nach 149 Tagen verlässt Lukas schließlich die Reha. Mit Hilfe von Krücken, aber gehend.

Das Ende der Reha in Bad Häring. Lukas’ Neffe hält seine Hand, während dieser vorsichtig einen Schritt vor den anderen setzt.
Das Ende der Reha in Bad Häring. Lukas’ Neffe hält seine Hand, während dieser vorsichtig einen Schritt vor den anderen setzt. 

Anderes Körpergefühl
Zu Hause wartet der Alltag auf Lukas. Im umgebauten Zuhause ist sein Zimmer in das Erdgeschoss verlegt worden. „Das war enorm teuer. Die Versicherungen vergessen das gerne.“ Lukas kommt zurecht, ihm fehlen zwar Funktionen, trotzdem hat er eine recht gute Motorik und kann selbständig einige Meter auf Krücken gehen. „Berührungen kann ich am Körper genau lokalisieren“, erklärt er sein neues Körperempfinden. „Temperaturen spüre ich an den Beinen aber gar nicht. Ob das Wasser eiskalt oder kochend heiß ist, macht keinen Unterschied.“ Lukas muss in sich hineinhören, um abzuschätzen, wie viel er tagsüber stehen und gehen kann. „Wenn ich übertreibe, habe ich Krämpfe und teilweise heftige Schmerzen in der Leiste.“ Noch im Sommer 2016 zieht er zurück nach Rif in ein behindertengerechtes Studentenzimmer. „Heute früh wollte ich dort den Lichtschalter betätigen. Ich habe es aber nicht geschafft, mich zu strecken. Ich bin eben – wenn auch inkompletter – Tetraplegiker, bei dem Hände, Arme und Beine betroffen sind.“ Am meisten macht Lukas aber eine nicht gleich sichtbare Beeinträchtigung zu schaffen. „Ich kann meist ganz normal auf die Toilette. Trotzdem passieren Unfälle. Das erinnert mich dann auf unangenehmste Weise an meinen Querschnitt. Dass ich das als erwachsener Mann nicht vollständig kontrollieren kann, belastet mich sehr.“

Veränderter Alltag, neue Perspektiven
Bei Wikipedia als ExSkispringer bezeichnet zu werden, schmerzt Lukas. „Im Grunde stimmt es ja. Aber ich werde immer Skispringer sein. Leute halten mich für verrückt, wenn ich sage, dass mir das Fliegen fehlt. Aber für das, was mir passiert ist, kann man niemanden verantwortlich machen. Es ist saublöd gelaufen – und Skispringen war und ist meine Leidenschaft.“ Sport wird weiterhin eine Rolle in seinem Leben spielen. „Ich weiß nicht, wie mein Körper sich noch entwickelt. Aber es gibt die Paralympics…“, schaut er vorsichtig in die weitere Zukunft. Jede Woche nimmt Lukas an den Trainingseinheiten seiner ehemaligen Gruppe teil. „Ich will auf jeden Fall die Trainerausbildung machen. Ich kenne mich mit der Analyse von Sprungtechniken aus. Dabei ist es unwichtig, ob man steht oder sitzt.“
Am 7.Mai 2017 wird Lukas außerdem wieder beim Wings for Life World Run in Wien dabei sein. „Dieses Mal wollen wir 15 Kilometer schaffen.“ Gemeinsam mit seinem Freund, dem ehemaligen Skispringer Thomas Morgenstern, will Lukas so auf Querschnittslähmung aufmerksam machen und Spenden für die Forschung sammeln. „Es ist essenziell, ein Zeichen zu setzen und zu zeigen, dass es uns gibt. So eine lebensverändernde Verletzung muss zukünftig geheilt werden.“

Lukas Müller und sein Freund Thomas Morgenstern beim Wings for Life World Run in Wien. Am 7. Mai werden die beiden wieder als Team am Start sein. (Mike Groessinger)
Lukas Müller und sein Freund Thomas Morgenstern beim Wings for Life World Run in Wien. Am 7. Mai werden die beiden wieder als Team am Start sein.  © Mike Groessinger