Zweimal eins


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„Die Frau die du gerade überholt hast, war die bisher führende“, ruft ein Begleitbiker Astrid Kaltenböck zu. Überrascht läuft sie immer weiter, bis das Catcher Car sie einholt. Ganz unverhofft gewinnt sie die nationale Damenwertung 2014 in Verona, Italien. Im darauf folgenden Jahr ist es ähnlich: Beim Wings for Life World Run in Brasilien schafft sie es erneut, gewinnt auch dort die Nationalwertung. Als wir die 42-jährige Pharmamanagerin und Wahlwienerin treffen, sprechen wir mit ihr über Gänsehaut beim Start, unverhoffte Stockerlplätze und ihre persönliche Verbindung zu Wings for Life.

Astrid, was bedeutet Laufen für dich?
Ich komme aus Bischofshofen in Salzburg und vor allem Outdoorsport, Skitouren, Radfahren, Berggehen waren immer schon große Themen bei mir. Mit dem Laufen habe ich 2002 angefangen. Erst um den Kopf frei zu kriegen, irgendwann so gut, dass ich durch ursprünglich selbst erstellte Trainingspläne an Marathons teilnehmen konnte. Der Wille wurde immer größer, heute ist meine Marathon-Bestzeit 2.55. Ich laufe irrsinnig gerne, auf der anderen Seite bin ich aber auch eine Genießerin und richte nicht mein ganzes Leben nach diesem Sport.

Wie bist du auf den Wings for Life World Run in Italien bekommen?
Ich verfolge Wings for Life und die Mission dieser Stiftung schon seit Beginn. Vor vielen Jahren habe ich bereits für die Rückenmarksforschung gespendet, weil ich weiß: Wings for Life will etwas bewegen. Diese persönliche Überzeugung, verbunden mit meiner Leidenschaft fürs Laufen hat den Wings for Life World Run natürlich sehr interessant gemacht. Mein Bruder hat mir schließlich einen Startplatz in Italien geschenkt.

Wie hast du dich auf den Lauf in Verona vorbereitet?
Für mich war schon im Vorhinein klar: Wir laufen für die, die es nicht können. Meinen persönlichen Ehrgeiz habe ich da hinten angestellt. Ich war zwar fit, habe vorher aber ausgiebig das gute Essen und Trinken Italiens genossen.

Wie war dann der Lauf?
Wahnsinn! Die positive Stimmung, das Gemeinschaftsgefühl und die Tatsache für den guten Zweck zu laufen, war richtig spürbar. Bei Kilometer 14 wurde mir dann zugerufen, dass ich gerade die führende Läuferin hinter mir gelassen habe. Das Catcher Car holte mich schließlich bei Kilometer 35,7 ein. Ich hatte Gänsehaut als mir klar wurde, dass ich gewonnen habe.

Wie ging es weiter?
Dass ich so unverhofft gewonnen habe war schon unglaublich. Bis dahin wusste ich aber noch nicht, dass man sich als nationale Gewinnerin die Location für den nächsten Wings for Life World Run aussuchen darf. Ich war total begeistert und habe mich für einen Start in Brasilien entschieden. Meine Freundin und ich fanden es spannend, auf einem anderen Kontinent, mit einer anderen Kultur und unter anderen Bedingungen zu laufen. Im Mai 2015 reisten wir dann tatsächlich nach Südamerika. Insgeheim habe ich gehofft, dort die Marathondistanz von 42 Kilometer zu schaffen...

Wie war es dann in Brasilien?
Die Stimmung war wieder genau so fesselnd wie im Vorjahr. Brasilianer sind passionierte Läufer, viele Laufclubs sind angereist, haben dort Stimmung gemacht. Für mich war beim Start klar: Es gibt hier so viele gute Läufer, als Österreicherin werde ich wenig Chancen haben. Bei Kilometer 15 haben dann aber viele aufgegeben, die Masse hat sich ausgedünnt. Bei Kilometer 22 erlebte ich die gleiche Situation wie im Vorjahr: Ich überholte die Führende und war plötzlich erste.

Erinnerst du dich noch an die Bedingungen?
Es war richtig heiß und ich hatte ständig Durst. Bei 30 Grad und einer so hohen Luftfeuchtigkeit zu laufen, bin ich nicht gewohnt. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich müde werde. Als das Catcher Car mich bei Kilometer 44 eingeholt hat, sind mir die Tränen gekommen. Ich habe einfach überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich noch einmal gewinne.

Und dann?
War ich dort eine Berühmtheit. (lacht) Ich bekam unendlich viele Freundschaftsanfragen auf Facebook, mit mir wurden Fotos gemacht als wäre ich ein Star. Ich wurde dort gebührend gefeiert und war persönlich einfach stolz, für eine gute Sache so eine Leistung abgeliefert zu haben.

Ist das Thema Querschnittslähmung in deinem Leben präsent?
Ich lebe sehr bewusst und genieße das Hier und Jetzt. Ich habe Bekannte, die betroffen sind und weiß deshalb, wie schnell sich alles ändern kann. Man braucht nur über die Straße zu gehen, oder im Verkehr unachtsam zu sein – ein Augenblick und plötzlich ist alles anders. Man sollte jeden Moment auskosten und nichts verschieben.

Deshalb wirst du auch im nächsten Jahr wieder beim Wings for Life World Run teilnehmen, oder?
Ganz bestimmt. Als Gewinnerin darf ich mir die Location ja wieder aussuchen. Ich überlege vielleicht bei Dunkelheit in Taiwan an den Start zu gehen.

Willst du wieder gewinnen?
Mittlerweile denke ich: ein drittes Mal zu siegen wäre schon cool...

Wir drücken dir die Daumen :-)