© Martin Lugger

„In der Forschung muss man dranbleiben“


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Der Zivildienst brachte ihn zur Medizin, ein kauziger Wissenschaftler erweckte den Forscher in ihm. Heute spielt Jan Schwab in der Top-Liga der Querschnittsforschung. Sein Spezialgebiet: die Lähmung des Immunsystems.

Tübingen, Tel Aviv, New York, Paris, Boston, Salzburg, Berlin und jetzt Columbus (Ohio). Was sich wie eine spannende Weltreise anhört, ist die Auflistung der beruflichen Stationen, die Professor Jan Schwab in seiner Karriere schon durchlaufen hat. Der 46jährige Deutsche ist Neurologe und Wissenschaftler. Schwerpunkt: Rückenmarksverletzungen.Bereits seit 2004 leitet er die wissenschaftlichen Belange bei Wings for Life. Derzeit lehrt, forscht und behandelt er an der Ohio State University in den USA. Zeit für ein Interview.

Professor Schwab, Sie gehören zu den renommiertesten Spezialisten auf dem Gebiet der Neuroregeneration. War das geplant?
Eigentlich stamme ich aus einer Architektenfamilie. Es war sehr naheliegend, auch diese Richtung einzuschlagen. Mit knapp zwanzig musste ich Zivildienst machen und habe mich für den Rettungsdienst entschieden. Ich dachte, das ist aufregend und bildend, aber nicht mehr. Rückblickend war diese Entscheidung wegweisend. Recht früh wurde ich nämlich mit chronischen Patienten und schwerkranken neurologischen Fällen konfrontiert, bei denen man wusste, dass es nicht reichen würde, einfach einen Gips draufzumachen. Es war klar, dass hier mehr Schaden entstanden ist und große Schwierigkeiten vor dem Patienten und dessen Familie liegen. Medizin wurde für mich greifbar und hat mich beeindruckt.

Wie ging es weiter?
Nach dem Medizinstudium habe ich mich für Neurochirurgie interessiert. Zu dieser Ausbildung gehört es, die Pathologie zu verstehen. Dabei habe ich mich intensiv mit Verletzungen des zentralen Nervensystems beschäftigt. Ich konnte damals darstellen, dass die Entzündungsreaktion nach einer akuten Verletzung des menschlichen Gehirns viel länger andauert als bis dahin geglaubt. 

War das der Anfang Ihrer Karriere als Wissenschaftler?
Das und meine Schlüsselbegegnung mit Friedrich Bonhoeffer, damaliger Direktor des MaxPlanckInstituts in Tübingen. Er war ein genialer, kauziger und sagenumwobener neurobiologischer Pionier, der wissen wollte, wie Nervenfasern bei der Entwicklung des Menschen überhaupt ihren Weg finden. Warum treten die Nerven dort aus, wo sie austreten, und warum ist ein Mensch am Ende in der Lage, dadurch eine Hand zu bewegen? Es muss einen Bauplan geben, aber wie sieht der aus? Woher wissen die Nervenfasern, wo sie hinwachsen müssen? Die für mich beeindruckendsten und fundamentalsten Fragen, die man stellen kann. Bonhoeffer hat Antworten gesucht und konnte identifizieren, dass Lenkungsmoleküle dem Axon Anweisungen geben. Seine Art, groß zu denken, hat mich inspiriert.

Damit wurde Ihr Wissensdurst so richtig angeregt, oder?
Für mich war klar, dass es im Prinzip zwei Zugänge zum Thema Medizin gibt. Erstens: am Patienten anwenden, was wir heute wissen. Das gut zu machen ist bereits eine große Herausforderung.
Zweitens: gerade bei unheilbaren Erkrankungen daran arbeiten, dass diese künftig überhaupt oder besser behandelt werden. Dem habe ich mich verschrieben. Ich möchte Verantwortung für die Zukunft übernehmen.

Ihr Spezialgebiet sind die Zusammenhänge zwischen dem Immunsystem und den Prozessen bei der Schadensausweitung nach einer Rückenmarksverletzung.
Genau. Wenn man sich an der Haut verletzt, kommt es zu einer vermehrten Durchblutung – die Haut rötet sich kurz, dann geht die Entzündung wieder weg, und die Wunde verheilt. Innerhalb von 24 Stunden ist die Sache erledigt. Im verletzten Rückenmark ist das anders. Ist sie erst einmal etabliert, löst sich die Entzündung nur sehr langsam auf. Sie bleibt dort ein Jahr oder länger.

Warum ist das so?
Das zentrale Nervensystem ist immunprivilegiert. Es ist als hochgeschütztes Organ nicht dafür ausgestattet, mit einer enormen Entzündung umzugehen. Darum wird es durch eine BlutRückenmarkSchranke vor Entzündungszellen aus dem Blut geschützt. Ähnlich wie eine Firewall, die verhindert, dass es zu Entzündungen kommt, weil diese an der Stelle viel zu gefährlich wären. Bei einer Verletzung gibt es dann – im Vergleich zur Haut – kaum effektive Mechanismen, um eine Entzündung wieder abzubauen. So führen selbst einfache Entzündungsreaktionen zum Untergang von Nervenzellen.

Was bedeutet das genau?
Durch die Rückenmarksverletzung geht die Verbindung zwischen dem zentralen Nervensystem und dem Immunsystem kaputt und damit auch die Kontrolle des zentralen Nervensystems über das Immunsystem. Nach einer Rückenmarksverletzung kommt es also nicht „nur“ zu einer offensichtlich motorischen Lähmung, sondern auch zu einer Immunlähmung. Querschnittspatienten sind nach der Verletzung immunkompromittiert, ähnlich wie Patienten nach einer Chemotherapie. Sie haben Schwierigkeiten, drohende Infektionen abzuwehren, und bekommen Entzündungen in der Blase und Lunge. Bis dato wurde übersehen, dass dabei das Immunsystem einer der wesentlichen Faktoren ist.

Warum ist das so schlimm?
Ob ein Patient eine Infektion, beispielsweise eine Lungenentzündung, entwickelt oder nicht, entscheidet maßgeblich, wie viele neurologische Funktionen er zurückgewinnt oder eben nicht. Wir sprechen von bis zu zwei betroffenen Rückenmarksegmenten, die bei Patienten mit einer hohen Halsverletzung einen großen Unterschied ausmachen. Da geht es um die Arm und Handfähigkeit und in Folge darum, den Hemdknopf zuzumachen, den Transfer aus dem Bett in den Rollstuhl zu schaffen oder den Löffel zum Mund zu führen. Außerdem kann eine Infektion zu einer Sepsis werden und für den Rückenmarksverletzten tödlich sein. Man hat das lange nicht verstanden und einfach hingenommen. 2003 konnte ich dann erstmals diese Immunlähmung beim Menschen nachweisen.

Was kann man tun?
Die Entzündung ist ja schon da, also kann man diese nur unzureichend mit antientzündlichen Medikamenten behandeln. Stattdessen muss der Abtransport von Entzündungszellen aus der Entzündungsstelle verbessert werden. Wie bei einem verstopften Abfluss. 2006 haben wir eines der ersten Moleküle (Resolvine) gefunden, die Entzündungen wieder aktiv auflösen können. 

Was machen Sie mit diesem Wissen?
Ziel ist es, einen therapeutischen Ansatz zu entwickeln. Man kann nach Mustern suchen, um damit präziser, früher und aggressiver zu behandeln. Wir testen derzeit mehrere Ansätze, auch pharmakologische, um eine Entzündung zu verhindern.

Sie sind vor zwei Jahren nach Columbus, Ohio, gezogen. Wie gestaltet sich Ihr Alltag in der Klinik?Ich betreue stationäre und ambulante Patienten in der Spinal Cord InjuryKlinik am Dodd Hospital und dem neu errichteten Brain & SpineHospital. Parallel dazu habe ich ein Labor aufgebaut, in dem es darum geht, unverstandene klinische Symptome molekular zu untersuchen und neue Therapieansätze zu entwickeln. Erfolgreiche Ansätze dienen dann als Basis für klinische Studien. So können wir translationale Forschung qualitätsvoll und effektiv umsetzen. Außerdem bin ich Mitglied in einem Team um Phil Popovich. Wir arbeiten seit insgesamt 15 Jahren an der Neuroimmunologie nach Rückenmarksverletzung. 

Wissenschaft erfordert einen sehr langen Atem …
Dranbleiben ist in der Forschung entscheidend. Und man muss kritisch sein. Vor allem zu sich selbst. Ein guter Forscher versucht, sich zu widerlegen, und das alles braucht oft ewig lange. Von der Idee zum Befund bis zum Beweis einer Hypothese können leicht Jahrzehnte vergehen. Man benötigt viel Frustrationstoleranz. Es muss einem als Wissenschaftler klar sein, dass man in seinem Leben vielleicht nur einen großen Ansatz bearbeiten kann, der pionierhaft und klinisch relevant ist. Dennoch, eine neue Entdeckung gemacht zu haben ist, als würde man als Erster einen Gipfel besteigen. Der Natur ein Geheimnis abgerungen zu haben, um Patienten besser zu behandeln, ist kostbar.

Sie waren an der Gründung von Wings for Life beteiligt. Wie kam es dazu?
Ich selbst bin Motocross und Enduro gefahren, kannte Heinz Kinigadner bereits als Legende. Bei einem KTMTraining lernte ich die MotocrossIkone Alfie Cox, einen Freund Kinigadners, kennen. Nach dem Unfall von Hannes Kinigadner 2003 hat Alfie sich an mich erinnert, und ich wurde als Experte eingeladen. Es gab zu dieser Zeit keine geprüften Therapieoptionen für Rückenmarksverletzungen. Der einzige Weg, das zu ändern, war, eine Stiftung zu gründen, um gezielt Spitzenforschung zu fördern. Wings for Life war geboren. Gemeinsam mit Dr. Vieri Failli haben wir 2004 mit 20 Forschungsanträgen pro Jahr begonnen. Von Anfang an war alles sehr transparent, und wir hatten früh internationale Spitzenleute in unserem wissenschaftlichen Beratergremium. Es war uns wichtig, immer zuzuhören, nie etwas auszuschließen und uns weiterzuentwickeln. Mittlerweile sind es über 250 Förderanträge jährlich...

Im Gespräch mit Wings for Life Stiftungs-Mitbegründer Heinz Kinigadner.
Im Gespräch mit Wings for Life Stiftungs-Mitbegründer Heinz Kinigadner. 

Leben Sie nach einer bestimmten Lebensweisheit?
Jonas Salk, Arzt und Immunologe, inspiriert mich. Er hat sich mit dem wirklich Möglichen beschäftigt und damit, wie weit das verschiebbar ist und wie die Realität von morgen sein kann. Er hat seine Komfortzone verlassen.

Wie sind Sie als Familienvater?
Ich habe heute eine andere Verantwortung und fahre nicht mehr Motocross. Ich sehe die Entwicklung meiner beiden Kinder mit Freude. Ich wünsche mir, dass sie neugierig bleiben und rauskriegen, wo ihre Talente liegen – damit sie mutige und selbstbestimmte Individuen werden.

Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Jan Schwab ist wissenschaftlicher Direktor von Wings for Life und Leiter der Rückenmarksmedizin des Wexner Medical Center an der Ohio State University in den USA. Er ist Autor von über 80 Publikationen und wurde mehrfach für seine richtungweisenden Arbeiten ausgezeichnet.

 

GLOSSAR
Axon: Langer, faserartiger Fortsatz einer Nervenzelle, der elektrische Impulse vom Zellkörper wegleitet und den Kontakt zu anderen Nerven-, Muskel- oder Drüsenzellen herstellt.

Immunprivilegierte Organe: Hier ist die Aktivierbarkeit des Immunsystems streng reguliert. Im Gehirn oder Rückenmark ist die Reaktion des Immunsystems reduziert, um Gewebe zu schützen, das sich schlecht regenerieren kann.

Translational: Rasche Umsetzung von der präklinischen Forschung in die klinische Entwicklung.

Durch Ihre Spende und der Teilnahme am Wings for Life World Run helfen Sie uns, die Rückenmarksforschung weiter voran zu treiben. Danke!