© Philipp Horak

Wenn eine fehlt


Zur Übersicht

Wenn Vanessa Sahinovic schläft, träumt sie von einer großen Schwimmhalle. Sie steht barfuß am Beckenrand, prüft ihren straffen Dutt, streift sich über ihren Badeanzug und springt dann in das kühle Wasser. Während der ersten Bewegungen befestigt sie ihre Nasenklammer, holt noch einmal tief Luft und taucht dann vorsichtig ab. Unter Wasser macht sie einen Handstand, ohne mit den Händen den Boden zu berühren. Ihre Muskeln sind bis in die Zehenspitzen angespannt und trotzdem ist es, als würde sie mit Leichtigkeit schweben.
So lange, bis sie aufwacht. Dann kommen nämlich die Erinnerungen zurück und die Realität schlägt direkt in Vanessas Beinen ein. Wie jeden Morgen versucht die 18-Jährige diese zu bewegen. Und wie jeden Morgen bleiben sie schwer unter ihrer Bettdecke liegen.

Der tragische Unfall von Baku
Schon als Kind ist Vanessa vom Synchronschwimmen verzaubert. „Ich habe damit angefangen, als ich neun war. Diese schönen und eleganten Bewegungen sind wie Tanzen im Wasser“, erzählt sie mit leuchtenden Augen, als wir sie in ihrer Heimat Wien besuchen. Neben ihr sitzen ihre beiden besten Freundinnen, die Zwillinge Verena und Raffaela. Auch sie schwimmen seit ihrer Kindheit, teilen Vanessas Begeisterung. „Man muss den eigenen Körper ganz genau kennen und ehrgeizig sein. Synchronschwimmen vereint Schwimmen, Tauchen, Tanz und Gymnastik und man kann dabei seine Persönlichkeit ausdrücken”, beschreiben sie ihre große Leidenschaft. Früh entscheiden sich die Freundinnen für eine Hochleistungssportschule, auf der sie mehrmals täglich gemeinsam trainieren. Das verbindet.

Vanessa, Rafaela und Verena verbringen jede freie Minute im Wasser.
Vanessa, Rafaela und Verena verbringen jede freie Minute im Wasser.  

Im Juni 2015 steht den dreien dann ihr bislang größter Wettkampf bevor. Die Europaspiele des Olympischen Komitees in Baku, Aserbaidschan.

Verena und Vanessa in Aserbaidschan. Hier sollen sie ihr Können beweisen.
Verena und Vanessa in Aserbaidschan. Hier sollen sie ihr Können beweisen. 

„Wir waren so aufgedreht, ein Teil dieser riesigen Sportveranstaltung zu sein.“ Am 11. Juni, einen Tag vor der offiziellen Eröffnung, steht das letzte Training am Programm. Alles muss perfekt und synchron zur Musik sein: die vielen komplizierten Bewegungen, die Drehungen und die bis ins Detail erprobten Hebefiguren. Das österreichische Team, in dem neben den drei Freundinnen noch sechs weitere Sportlerinnen schwimmen, soll mit einem Shuttlebus zur Schwimmhalle gebracht werden. „Die Stimmung war super und wir konnten es nicht erwarten, dort ins Wasser zu gehen“, erinnert sich Raffaela. Kurz bevor sie am Busterminal ankommen, steuert dann das Unglück von hinten auf die Mädchen zu. „Ganz plötzlich und ohne jede Vorwarnung ist ein Bus ungebremst auf uns zugerast und hat uns wie Spielfiguren umgefahren. Alles ging viel zu schnell. Ich habe überhaupt nicht verstanden, was da gerade passiert ist“, so Verena.

Eine Überwachungskamera hält den schrecklichen Unfall fest.
Eine Überwachungskamera hält den schrecklichen Unfall fest.  

Die jungen Synchronschwimmerinnen sind geschockt, schreien, manche beginnen zu weinen. Nach und nach stehen sie aber auf und versuchen den Horrorunfall – dessen Ursache bis heute ungeklärt ist – zu realisieren.
Vanessa bleibt schwer verletzt liegen. „Meine Trainerin hat sich zu mir runter gebeugt und mir gesagt, was gerade passiert ist. Es war so ein Moment, wo das Gehirn ausschaltet und man einfach nichts mehr denken kann ...“ Kurze Zeit später verliert die damals 15-Jährige das Bewusstsein. Im Krankenhaus in Baku kommt sie langsam zu sich. Und spürt ihre Beine nicht mehr. „Ich hatte komplette Panik und wusste nicht, was los war.“ Vanessas Trainerin ist auch hier bei ihr und versucht sie zu beruhigen. „Ich hatte die Hoffnung, dass ich – egal was passiert war – bald wieder schwimmen würde.“
Noch am selben Tag wird die verletzte Sportlerin ins Krankenhaus nach Wien geflogen und sofort an der Wirbelsäule operiert. Als sie danach aufwacht, liegt sie auf der Intensivstation. Aus ihrem Hals ragt ein Beatmungsschlauch. Ihre Beine sind regungslos. „Die Ärzte haben mir erklärt, dass mein 7. Halswirbel und der 12. Brustwirbel gebrochen seien. Auf Höhe des Brustwirbels wäre auch das Rückenmark stark geschädigt. Sie meinten, ich würde gelähmt bleiben.“ 


Verena und Raffaela sitzen indessen in ihrem Zimmer in Baku und wissen nicht, wie dramatisch die Situation ihrer Freundin ist. „Wir haben uns solche Sorgen gemacht. Irgendwann erfuhren wir, dass Vanessa Verletzungen an der Wirbelsäule hatte und in Österreich behandelt wurde. Wir wussten aber nicht, welche Auswirkungen das hat.“ Das Synchronschwimmteam entschließt sich, wie geplant am Wettkampf teilzunehmen. „Auch für Vanessa ...“
Wochenlang liegt diese im Krankenhaus, bekommt Besuch von ihrer Familie und schließlich – als die Sportlerinnen wieder zu Hause sind – auch von ihren Freundinnen. „Es war schlimm, sie so zu sehen, aber wir haben auch miterlebt, wie es bergauf ging.“ Bald kann Vanessa wieder selbstständig atmen. „Ein Meilenstein! Danach war ich mir sicher, dass langsam alles zurückkommen würde und ich bald auch wieder gehen könnte.“ So wird sie ins Reha-Zentrum Bad Häring überstellt.

„Ich habe mich nicht damit abgefunden“
Dort verbessern sich langsam die Hand- und Fingerfunktionen der Wienerin, sie lernt den Umgang mit dem Rollstuhl und sämtlichen sanitären Hilfsmitteln. „Ich hatte bis dahin keine Ahnung, was eine Querschnittslähmung überhaupt ist und was sie für den ganzen Körper bedeutet. Nämlich, dass von der Verletzungsstelle abwärts nichts mehr funktioniert.“
Einmal besucht Vanessa ihr Schwimmteam mit dem Rollstuhl. Ein Ausflug, der auch wehmütig macht. „Ich wollte die neue Choreografie kennen, weil ich ja dachte, dass ich in ein paar Monaten wieder in Ordnung sein würde.“

 (Philipp Horak )
© Philipp Horak

Nach drei Monaten kommt die junge Frau im Rollstuhl nach Hause zu ihren Eltern und ihrem vier Jahre jüngeren Bruder. Die Wohnung, in der sie zusammenleben, ist plötzlich eng und unpraktisch. „Es gab viele Momente, in denen ich sehr traurig war. Alles dauerte auf einmal so lange, ich konnte nicht mehr einfach raus und musste alles vorher planen. Am allermeisten fehlte mir aber das Synchronschwimmen. Immerhin war es mein Leben ...“
Verena und Raffaela machen weiter – trainieren gerade für die Europameisterschaft und zeigen ihrer Freundin die neu erlernten Choreografien im Trockenen und auf Handvideos. „Man denkt schon daran, dass einem das, was Vanessa passiert ist, auch selbst hätte passieren können“, sagt Raffaela. „Der Unfall hat uns noch mehr zusammengeschweißt“, ergänzt ihre Schwester.

 (Philipp Horak )
© Philipp Horak

Die Freizeit verbringen die jungen Frauen – trotz der großen Veränderung – immer noch am liebsten zu dritt. „Wenn wir mit dem Rolli Stiegen rauf- oder runtermüssen, fragen wir meist jemanden um Hilfe. Aber wir würden das auch allein schaffen. Unser Ziel ist es, bald gemeinsam eine Weltreise zu machen.“
Vanessa lächelt ihren Freundinnen zu und wir möchten wissen, was sie sich für die Zukunft wünscht. „Es ist oft schwer, mit all dem klarzukommen. Ich will nicht im Rollstuhl bleiben und bin mir sicher, dass ich irgendwann wieder gehen kann. Das Erste, das ich dann machen würde, wäre ins Wasser springen, um zu tanzen ...“

 (Philipp Horak )
© Philipp Horak

Wings for Life will Querschnittslähmung heilen. Danke, dass Sie uns dabei helfen.