Was passiert nach einer Rückenmarksverletzung?


Zur Übersicht

Nach einer Rückenmarksverletzung werden im Körper zahlreiche Reaktionen ausgelöst. Der Biologe Vieri Failli bringt uns näher, wie eines zum anderen führt. 

Beginnen wir mit den Fakten: Das Rückenmark ist im Durchschnitt zirka 40 bis 50 cm lang und über seine gesamte Länge kaum dicker als ein Bleistift. Würde man es berühren, würde es sich wie Gelatine anfühlen. Und es ist extrem fragil. Glücklicherweise wird es gut geschützt: Durch die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit, durch drei verschiedene Lagen an Bindegewebe und durch die dicke Knochenschicht der Wirbelsäule. Ist eine Verletzung allerdings zu stark, reicht auch dieser Schutz nicht mehr aus und das komplexe und empfindliche Gewebe wird folgenschwer geschädigt.

Die verheerende Rückenmarksverletzung
Wird die Wirbelsäule verletzt und empfindliches Gewebe zerstört, sterben innerhalb von Minuten bis Stunden Nerven- und Gliazellen ab. Diesem ersten Schaden folgt dann die "Sekundärschädigung". Blutgefäße reißen, es kommt zu Schwellungen und Sauerstoffmangel im Gewebe, weitere Nervenzellen sterben ab und die Schäden weiten sich aus.


Keine Rückenmarksverletzung ist wie die andere, darum ist es schwierig, die komplizierten Prozesse zu erklären, die Stunden bis Monate danach passieren. Manche Ereignisse überlagern sich zeitlich und beeinflussen sich sogar gegenseitig. In jedem Fall tritt das Rückenmark in einen Notfallmodus. Es versucht, den Schaden zu reparieren oder zu begrenzen. Dabei kann derselbe Mechanismus heilend und gleichzeitig auch schädigend wirken.

Der Übersichtlichkeit halber können wir die Ereignisse vereinfachen und in "Wellen" unterteilen.

Die erste Welle. Nach wenigen Stunden.
Schon kurz nach einer Verletzung herrschen hochtoxische Bedingungen für das Rückenmark vor. Den Zellen fehlt Sauerstoff und Energie, was zu ihrem Untergang führt. Sie platzen und setzen riesige Mengen giftiger Substanzen frei, die noch mehr Zellen töten.

Die zweite Welle. Stunden bis einige Tage danach.
Das Rückenmark beginnt sich selbst zu heilen. Dabei werden neue Blutgefäße gebildet, um in das beschädigte Gewebe Sauerstoff und neue Energie zurückzubringen. Das zieht mehrere Immunzellen an, die damit beginnen Zellreste zu beseitigen. Während diese Mechanismen die Umgebung von toxischen Substanzen reinigen, erzeugen sie aber auch reaktive freie Radikale, die weitere Schäden verursachen.
Außerdem "betäubt" die Verletzung auch das gesamte Immunsystem. Für den Verletzten bedeutet das häufig Lungen- oder Blasenentzündungen und eine schlechtere allgemeine Genesung.

Die dritte Welle. Tage bis Wochen vergehen.
Der Körper verschließt nun die Wunde. Durch Bindegewebs- und Immunzellen bildet sich ein erstes Narbengewebe. Um weitere Schäden zu verhindern, schirmt der Körper das intakte Rückenmark durch eine dicke Schicht Gliazellen ab. Das dadurch entstehende Narbengewebe erstarrt und verhindert aber auch eine Regeneration.


Im Grunde wird damit ein Niemandsland in der Wirbelsäule geschaffen, in dem keine Neuronen mehr auswachsen können. Abgestorbene Nervenzellen werden nicht durch neue ersetzt.

Die vierte und letzte Welle nach Wochen bis Monaten.
Während dieser letzten Welle gibt es eine begrenzte Wiederherstellung von Gewebestrukturen und Funktionen. Nervenbahnen, die intakt geblieben sind, verändern sich und übernehmen verloren gegangene Funktionen wie Bewegungen und Empfindungen. Dieses Phänomen (Plastizität) erzeugt eine Umgehungsstraße, die sich um das „Niemandsland“ herum erstreckt.

Zusammenfassung
Obwohl ich das ganze Bild sehr vereinfacht habe, ist die Hauptbotschaft ziemlich klar: Jede Rückenmarksverletzung ist unglaublich komplex. Dies erklärt teilweise, warum die Suche nach einer Heilung so schwierig ist. Wissenschaftler haben mittlerweile viele Puzzlesteine entdeckt.
In klinischen Studien werden bereits Medikamente untersucht, die die toxischen Bedingungen in der ersten Phase direkt nach einer Verletzung eindämmen sollen (Riluzol). Während der zweiten Welle sind Ärzte und Pfleger in der Versorgung der Patienten gefordert, Infektionen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. In der dritten Welle scheint eine Verhinderung der Narbenbildung naheliegend. Sie vollständig zu verhindern wäre aber keine Lösung, da sich sonst die in der ersten Phase gebildeten toxischen Substanzen ausbreiten würden. Die laufende Forschung zeigt aber, dass eine Modifikation der Narbe eine gute Chance auf eine Erholung bietet. Während der vierten Welle ist Rehabilitation häufig sehr erfolgreich, obwohl auch sie von Patient zu Patient unterschiedlich verläuft.
Der Schlüssel, so scheint mir, liegt für die Forscher darin, positive Vorgänge zu fördern und zu versuchen, schädliche Nebenwirkungen zu verringern.

Ihr Vieri Failli

Dr. Vieri Failli ist Neurowissenschaftler und hilft, die Wissenschaft besser zu verstehen.
Dr. Vieri Failli ist Neurowissenschaftler und hilft, die Wissenschaft besser zu verstehen.