Unter Strom stehen


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Es begann mit einem einzelnen Zeh. Doktor Susan Harkema von der Universität Louisville erinnert sich genau an die Worte ihres Patienten: „Schau, Susie, ich kann meinen Zeh bewegen.“ Rob Summers war nach einem Autounfall vom Hals abwärts gelähmt, und ihm wurde gesagt, er würde nie wieder gehen können. Doch nur wenige Wochen nachdem Dr. Harkema ein Elektrostimulationsgerät an sein Rückenmark angebracht hatte, wurde das Unvorstellbare möglich: Rob Summers konnte seine Gliedmaßen allmählich wieder bewegen. Er war der erste von bisher vier komplett und chronisch gelähmten Patienten, die im Rahmen einer experimentellen Therapie mit der sogenannten epiduralen Elektrostimulation und intensivem Rehabilitationstraining behandelt wurden.

Die epidurale Stimulation 
Bei epiduraler Stimulation werden bestimmte Stellen im unteren Bereich des Rückenmarks mit elektrischen Impulsen angeregt. Die Elektrostimulation erfolgt dabei durch einen kleinen Elektroden-Chip, der auf der Dura (Schutzschicht) des lumbalen Rückenmarks implantiert wird. Mittels einer Fernbedienung in der Größe eines Smartphones können Frequenz und Intensität der elektrischen Reize gesteuert werden. Wenn das Stimulationsgerät eingeschaltet ist, können gelähmte Patienten gewisse Bewegungen willentlich ausführen – intensives Rehabilitationstraining vorausgesetzt.

Nutzen für den Patienten 
Im Rahmen der experimentellen Therapie wurden nicht nur positive Auswirkungen auf den Bewegungsapparat, sondern auch auf das autonome Nervensystem beobachtet.
Wohlbefinden: Steigerung der allgemeinen Lebensqualität
Temperatur: bessere Regulierung der Körpertemperatur
Sexualität: teilweise Wiederherstellung sexueller Funktionen
Blase: verbesserte Kontrolle über Blasenund Darmfunktion
Bewegung: partielle Bewegung der unteren Extremitäten

Der Mechanismus dahinter
Das Rückenmark beinhaltet Netzwerke aus Nervenverschaltungen, die in der Lage sind, unabhängigvom Gehirn bestimmte Bewegungen auszuführen. Reflexe sind hierfür ein gutes Beispiel. Und die epidurale Stimulation macht sich diese Fähigkeit zunutze. Durch die elektrischen Impulse können die Nervenschaltkreise und eigentlich „stumme“ Nervenfasern wieder aktiviert werden, obwohl die Verbindung zum Gehirn gestört ist. Möglicherweise werden durch die elektrische Stimulation verbleibende Restsignale verstärkt, wodurch die nötige Aktivierungsschwelle erreicht wird. Der Patient ist nun in der Lage, seine Gliedmaßen bis zu einem gewissen Grad wieder zu bewegen.

Nächster Schritt: Klinische Studie
Das Forschungsprojekt von Dr. Harkema wird nun erweitert und in der „Big Idea“-Studie mit einer größeren Anzahl von Querschnittspatienten überprüft. Eine spezielle Gruppe innerhalb dieser Studie mit acht Patienten wird direkt von Wings for Life finanziert. Die Hoffnung ist groß, dass die Erfolgsgeschichte der epiduralen Stimulation weitergeht und Millionen Menschen wie Rob Summers geholfen werden wird.


Mit Stimulationsgeräten und elektrischen Impulsen versuchen Ärzte inaktive Nerven wieder aufzuwecken:

 
Das Stimulationsgerät wird im Lendenwirbelbereich implantiert, wo man einen „Central Pattern Generator“ (CPG) vermutet. Dieser ist wie ein kleines Gehirn und in der Lage, sensorische Reize eigenständig zu interpretieren.


 
Die elektrischen Impulse wirken wie ein Verstärker und „wecken“ die inaktiven Nervenzellen im Rückenmark gewissermaßen auf.

THE BIG IDEA
Projektleitung:
Dr. Susan Harkema
Initiator: Christopher & Dana Reeve Foundation
Studienbeginn: voraussichtlich Frühjahr 2016
Dauer: fünf Jahre
Ort: Louisville, Kentucky, USA
Anzahl Patienten: 36
Gesamtkosten: mindestens 15 Millionen US-Dollar

Hier können Sie an Wings for Life spenden. Jeder Euro geht zu 100% in die Rückenmarksforschung, um weitere Projekte zu fördern und eine Heilung für Querschnittslähmung zu finden.