Infektionen wiegen schwer


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Eine Rückenmarksverletzung hat massive Folgen, nicht nur in Hinblick auf Bewegung und Gefühlswahrnehmung. Direkt nach der Verletzung sind Patienten oft von der Verletzungshöhe ab komplett gelähmt. Bei den meisten kommt es zu einer „spontanen Erholung“ und ein Teil der Funktionen kommt ohne Behandlung zurück.
Wenige Patienten haben sehr viel Glück und zeigen eine „dramatische Erholung“ – bis zur Normalisierung der Körperfunktionen. Die Erholungsrate ist in den ersten drei Monaten am größten, Funktionen können aber bis zu einem Jahr und sogar länger wiederkehren. 

Das Ausmaß der Erholung ist nicht vorhersehbar, dennoch verblüfft Wissenschaftler ein Problem: Auch bei Patienten mit einer fast identischen Verletzungen, kann die spontane Erholung sehr unterschiedlich sein. Das heißt, dass unbekannte Faktoren die Erholung beeinflussen.

Die Rolle des Immunsystems
Die Rückenmarksverletzung trennt gewissermaßen die Verbindung zwischen Gehirn und Körper. Die Folgen betreffen auch Zentren und Organe, die in der Regulation des Immunsystems eine Rolle spielen. Es kommt zu einer „rückenmarksverletzungsbedingten Immunschwäche“. Das Immunsystem wird dabei gedämpft und der Körper anfälliger für Infektionen.
Infektionen der Atemwege sind die Hauptursache für Todesfälle nach einer Rückenmarksverletzung und verantwortlich für eine insgesamt reduzierte Lebenserwartung.

Neue Studienergebnisse
Wissenschaftler an der Charité Berlin gingen an dieses Problem nun mit einem neuen Ansatz heran.
Ihre Überlegung: Was passiert, wenn eine gesunde Person vor einer geplanten Operation eine Infektion entwickelt? Wenn es keine lebensbedrohliche Situation ist (wie ein Blinddarmdurchbruch), wird der Chirurg die Operation verschieben, weil das Risiko der postoperativen Komplikationen und einer gestörten Wundheilung durch die Infektion erhöht ist. Kann das auch bei einer Rückenmarksverletzung gelten?

Das legt nahe, dass das Immunsystem bei dem Heilungsprozess nach der Rückenmarksverletzung eine große Rolle spielt. Sowohl in dem Abräumprozess des zerstörten Gewebes, als auch in der Förderung der spontanen Regeneration. Eine Infektion kann also dazu führen, dass zwei Personen mit sehr ähnlichen Verletzungen sich unterschiedlich gut erholen.
Das Team analysierte Daten von tausenden Patienten, die über zehn Jahre nach ihrer Verletzung nachverfolgt wurden. Die Studie zeigte, dass fast die Hälfte der Querschnittspatienten sehr bald nach dem Unfall eine Infektion entwickelte (hauptsächlich Lungenentzündungen). Die Folge: Eine verminderte funktionelle Erholung, die auch noch nach Jahren nachweisbar war. Infektionen haben somit auch auf lange Sicht eine Wirkung auf die spontane Erholung.

Wie geht es weiter?
Aus der Studie gibt es mehrere Schlussfolgerungen.
Der Infektionsprävention sollte höchste Aufmerksamkeit gelten, um die spontane Erholung nicht zu gefährden. Eine gute Strategie wäre eine sehr sorgfältige Überwachung auf frühe Anzeichen einer Lungenentzündung, um die Entwicklung einer Infektion zu vermeiden. In klinischen Studien sollten Patienten mit einer Infektion in einer separaten Gruppe analysiert werden. Das Immunsystem nach der Verletzung anzukurbeln, um die Erholung zu fördern und die Infektionsgefährdung in Schach zu halten ist schwierig. 

Diese Studie wurde von Wings for Life gefördert.
Quelle: “Long-term functional outcome in patients with acquired infections after acute spinal cord injury” Kopp MA, Watzlawick R, Martus P, Failli V, Finkenstaedt FW, Chen Y, DeVivo MJ, Dirnagl U, Schwab JM. Neurology, January 27, 2017.


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