Auf der Strecke bleiben


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Viele wertvolle medizinische Entdeckungen schaffen es nie bis zum Patienten. Sie scheitern an einer Hürde, die der Wissenschaft großes Kopfzerbrechen bereitet: dem Valley of Death. Eine ganze Reihe von Maßnahmen soll jetzt Abhilfe schaffen.

Immer wieder liest man in den Medien von bahnbrechenden wissenschaftlichen Entdeckungen. Auf die Frage, wann daraus ein zugelassenes Medikament oder eine Therapie wird, halten sich die Forscher allerdings meist vornehm zurück. Aus gutem Grund, schließlich wissen sie um die vielen Gefahren, die es noch erfolgreich zu bewältigen gilt. Eine der größten davon lauert direkt vor ihnen: das Valley of Death.
Wer verstehen will, was es mit dem symbolischen Valley of Death auf sich hat, muss wissen, wie Forschung funktioniert. Und vor allem, welche Schritte erforderlich sind, um ein Medikament oder eine Therapie zu entwickeln.
Ganz am Anfang steht die Arbeit eines Wissenschaftlers im Labor. Die sogenannte Grundlagenforschung kann man mit der Entwicklungsabteilung eines Autoherstellers vergleichen. Hier wird geplant und getüftelt, bis am Ende ein innovativer Prototyp entsteht.
Bevor dieser Prototyp eine Straßenzulassung bekommt und in Serie produziert werden kann, muss er eine lange Reihe von Tests durchlaufen. In der Welt der Wissenschaft sind das die klinischen Studien.

Das Problem mit der Translation
Weniger bekannt ist, dass es zwischen Grundlagenforschung (bzw. Präklinik) und klinischen Studien noch einen Zwischenschritt gibt: die Translation. Und genau hier liegt das Problem. In der Translation wird der Prototyp überprüft und auf die klinischen Studien vorbereitet. Damit soll sichergestellt werden, dass das Medikament oder die Therapie wirklich so gut ist, wie der Forscher verspricht, und dass die Testfahrer beziehungsweise Probanden in der klinischen Studie keinen Schaden davontragen. Leider ist dieser Weg voller Schlaglöcher, Hindernisse und Abgründe. Daher schaffen es nur sehr wenige Prototypen, die Brücke von der Grundlagenforschung in die Klinik zu überqueren. Die meisten stürzen ab in das Valley of Death.

Welche Dimension das Valley of Death hat, lässt der Blick auf ein paar Zahlen erahnen. 2015 wurden in den USA insgesamt 45 neue Medikamente zugelassen, und zwar nicht für die Behandlung von Querschnittspatienten, sondern für alle möglichen medizinischen Bereiche zusammengenommen. Dem stehen sage und schreibe 1,3 Millionen medizinischwissenschaftliche Arbeiten gegenüber, die im gleichen Zeitraum in Fachzeitschriften publiziert worden sind. Schätzungen gehen davon aus, dass von 5000 Prototypen in der Grundlagenforschung nur ein einziger den Weg in die Klinik schafft.

Gründe für dieses Dilemma gibt es viele. Das Überqueren der translationalen Brücke ist nicht nur voller Risiken, sondern auch zeitaufwendig und teuer. Zunächst einmal muss die Arbeit des Forschers vollständig reproduziert werden, der gleiche Prototyp also von jemand anderem noch mal genauestens nachgebaut werden.
Dann müssen viele Fragestellungen beantwortet werden. Wie und wohin soll das Medikament am besten verabreicht werden? In die Verletzungsstelle, ins Blut oder oral? Und wann ist die beste Zeit dafür? Direkt nach der Verletzung? Hinzu kommen administrative Aufgaben wie behördliche Genehmigungen einholen, pharmakologische Gutachterstellen oder Patentrechte sichern.

Wer soll all diese Arbeiten übernehmen? Die Forscher selbst?
Mal abgesehen davon, dass sie kaum über die nötigen finanziellen und personellen Ressourcen verfügen, fehlt ihnen auch das nötige Know-how. Die meisten sind brillante Wissenschaftler, waren aber noch nie in der Klinik tätig. Das wäre in etwa so, als würde man den Konstrukteur und nicht den Fahrer an den Start eines Rennens schicken.
Zudem gibt es in der Wissenschaft auch kaum einen Anreiz, bis in die Klinik vorzudringen. Schuld ist das herrschende System der Entlohnung. Vereinfacht zusammengefasst: Die Forscher werden unter anderem anhand sogenannter Impact Points „gemessen“. Je mehr Impact Points, desto steiler die Karriere, desto sicherer der Job und desto höher die Budgets. Punkte gibt es nur, wenn der Forscher in der Grundlagenforschung eine wertvolle Entdeckung macht, die in einer hochrangigen Publikation veröffentlicht wird. Für das Überqueren der Brücke gibt es dagegen nahezu keine Punkte mehr. Für fehlgeschlagene Experimente schon gar nicht. Und vor allem gibt es kaum Punkte für jemanden, der versucht, das Experiment des anderen Forschers zu reproduzieren.

Extrinsische Motivation gleich null. Wer käme also noch in Frage? Regierungen, Behörden oder Kliniken? Ihnen fehlt es entweder an der Expertise, an den Mitteln, oder es ist schlichtweg nicht ihre Aufgabe. Allerdings beteiligen sich Regierungen zum Teil mit Fördergeldern.

Übrig bleiben die großen Pharmakonzerne.
Sie gehören zu den wenigen, die über die finanziellen Ressourcen, eigene Entwicklungsabteilungen und ein großes Netzwerk verfügen. Aber auch sie scheuen sich, in dieser frühen Phase einzusteigen. Insbesondere wenn es sich um Bereiche handelt, die als „rare condition“ eingestuft werden – wie die Rückenmarksforschung. Denn bevor die Brücke sicher überquert worden ist, lassen sich Aufwand und Ertrag einfach noch nicht abschätzen. Somit ist das Risiko für die Konzerne zu groß. Sie müssen wirtschaftlich arbeiten und können sich keine großen Verluste erlauben, wenn sie am Markt überleben möchten.

Die gute Nachricht ist, dass es trotz aller Hürden auch in der Rückenmarksforschung einigen Prototypen bereits gelungen ist, die Brücke zu passieren. Dazu gehören zum Beispiel Methoden zur Stabilisierung oder Dekompression der verletzten Wirbelsäule, Medikamente zur Behandlung von neuropathischem Schmerz oder verschiedene Therapiemaßnahmen in der Rehabilitation. Auch etliche Arzneimittel, die den Patienten Funktionen erhalten oder zurückgeben sollen, haben das Valley of Death bereits überquert und werden derzeit in klinischen Studien getestet. Beispiele dafür: Ibuprofen, Minocyclin oder Riluzol. Aus Sicht der Betroffenen könnte diese Liste natürlich noch viel länger sein. Daher unternehmen Forscher, Kliniker und

Die Lösung des Problems
Organisationen in der Rückenmarksforschung einige Anstrengungen, um das Problem des Valley of Death zu lösen, und zwar von mehreren Seiten.
Eine Möglichkeit ist es, direkt in der Grundlagenforschung einzugreifen und noch bessere Prototypen zu bauen. Prototypen, die robust genug sind, allen Hindernissen zum Trotz den Weg in die Klinik zu schaffen. Dazu bietet sich eine ganze Reihe von Werkzeugen an, die auch von Wings for Life konsequent eingesetzt werden. So werden Forschungsprojekte nur dann gefördert, wenn absehbar ist, dass sie auch einen Nutzen für den Patienten haben. Oder es werden Standards für die Durchführung von Experimenten erstellt. Damit sollen es andere Labors leichter haben, ein Forschungsprojekt zu reproduzieren, es also nachzubauen.
Ein anderer Weg besteht darin, die Brücke selbst zu verstärken und es den Prototypen einfacher zu machen, sie zu überqueren.


Was wir tun

Wings for Life verfolgt auch diesen Weg, und zwar mit dem sogenannten Accelerated Translational Program, kurz: ATP.* Dieses Programm wurde 2016 eingeführt und soll die Forscher nicht nur mit Geld, sondern auch mit dem nötigen Knowhow unterstützen. Dazu steht ein Netzwerk mit Experten aus Forschung, Klinik und Industrie bereit. Sie ermutigen die Forscher, ihre Prototypen auf die Reise zu schicken, und wirken mit, die nötigen Genehmigungen einzuholen. Sie helfen ihnen, das komplizierte Studiendesign zu optimieren, bieten statistische Expertise und stehen bei weiteren Herausforderungen beratend zur Seite.

Resultat: Dank der Bemühungen des gesamten Feldes gelingt es mehr und mehr Forschungsprojekten, die Brücke zu überqueren. So gibt es heute zehnmal so viele Studien wie noch vor zehn Jahren. Die Hoffnung ist groß, dass sich dieser Trend noch verstärkt und in Zukunft immer weniger der wertvollen Prototypen im Valley of Death landen.

Wings for Life setzt auf folgende Werkzeuge, damit Therapieansätze für die Hürden des Valley of Death besser gerüstet sind:

• Höhere Fördergelder und deren gezielter Einsatz

• Einheitliche Standards für die Durchführung von Experimenten

• Veröffentlichung von erfolgreichen, aber auch von fehlgeschlagenen Experimenten, damit niemand den gleichen Weg ein zweites Mal gehen muss

• Förderung von bioinformatischen Projekten zur besseren Datenerhebung

• Intensiverer Wissensaustausch und bessere Zusammenarbeit

• Begeisterung von Nachwuchswissenschaftlern für die Rückenmarksforschung

 

* ACCELERATED TRANSLATIONAL PROGRAM (ATP)
Das ATP ist ein Programm von Wings for Life, das den Weg wissenschaftlicher Entdeckungen in die klinische Anwendung unterstützt und beschleunigt. Neben Fördergeldern bietet es ein Netzwerk aus Experten, die dem Antragsteller helfen, die Hürden von klinischen Studien und des Valley of Death erfolgreich zu meistern. Ziel ist es, gute Therapieansätze schneller und sicherer für den Patienten verfügbar zu machen.

 
Danke, dass Sie uns mit Ihrer Spende und der Teilnahme am Wings for Life World Run dabei helfen, eine Heilung für Querschnittslähmung zu finden.