© Olaf Pignataro

Spendentriathlon: Freude und Qual in drei Etappen


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Anthony Ward atmet tief ein und aus, als er in seinem Neoprenanzug am Ufer des Ärmelkanals in Dover steht. Es ist Oktober, 6.30 Uhr und die Sonne erhebt sich langsam wie ein orangefarbener Ball vor der englischen Küste. Seine Sportuhr zeigt zehn Grad Lufttemperatur an. „Im Januar habe ich angefangen, in Pools, Freibädern und im offenen Wasser zu trainieren. Sechsmal pro Woche für durchschnittlich zweieinhalb Stunden. Bei meiner längsten Trainingseinheit war ich sechs Stunden im Wasser und musste dann wegen einer leichten Unterkühlung raus. Das hat mich physisch gut vorbereitet“, versichert Anthony vor dem Gang in den fünfzehn Grad kalten Kanal. Gleich möchte er 35,4 Kilometer (exakt 22 Meilen) schwimmen und die letzte Etappe der TriHard-Challenge, einem Fundraising-Triathlon der besonderen Art, in Angriff nehmen.

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Start zur ersten Etappe 
Zwei Tage zuvor: Anthonys Arbeitskollege Marcus Prosser eröffnet die TriHard-Challenge. Sein Part im Triathlon ist das Radfahren. Er möchte von Dover bis zur Universitätsstadt Oxford. „Ich bin fit, und das Wetter passt. Ich bin bereit, es jetzt durchzuziehen“, so Marcus vor dem Start. Neben seinem Job und dem Training hatte er in den letzten Monaten noch eine weitere Aufgabe zu bewältigen: „Mein erstes Kind kam im Januar zur Welt. Das Training musste ich zusätzlich schaffen. Das war hart.“ Marcus widmet sich den letzten Vorbereitungen, dann fährt er los.
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Es ist sonnig, aber sehr windig. Trotzdem fliegt er die ersten Kilometer über die hügeligen Straßen von Kent nur so dahin.
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Kurz nach Mitternacht erreicht er den Buckingham Palast in London. Mittlerweile schmerzen seine Muskeln, und er kämpft mit den fallenden Temperaturen: „Am schlimmsten war das vorletzte Stück zwischen drei und fünf Uhr morgens. Der Wind war eiskalt. Langsam verlor ich physisch und mental an Stärke.“
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Immer wieder isst Marcus während der Fahrt Porridge, um sich aufzuwärmen. Aufgeben kommt für ihn nicht in Frage. „Ich wusste, dass mich auf den letzten zwanzig Meilen ein paar Jungs aus dem Rennstall begleiten. Das gab mir den nötigen Push. Ich war es ihnen und den Spendern schuldig. Ich wusste, dass ich etwas Gutes tue.“ Marcus hofft, dass er gegen sechs Uhr morgens an Dominik Mitsch, den Läufer im Team, übergeben kann.
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Idee für den Spendentriathlon 
Dass ihre TriHardChallenge eine derartige Belastungsprobe werden würde, ahnten die drei Arbeitskollegen im Dezember letzten Jahres noch nicht. Auf einer Veranstaltung wurde die Arbeit von Wings for Life präsentiert. „Nach dem Vortrag waren wir uns einig, dass wir etwas Spezielles machen möchten, um Geld für die Stiftung zu sammeln“, erklärt Dominik den Anstoß zur FundraisingAktion. Bei der Weihnachtsfeier konkretisierten sie ihre Pläne. „Wir legten uns darauf fest, dass wir einen Triathlon hinlegen. Keiner von uns ist sportlich ein Überflieger, wir hatten uns also viel vorgenommen“, sagt Marcus. Die drei nutzten ihr großes Netzwerk an Freunden, Kollegen und Bekannten weltweit, um Spenden aufzutreiben. „Berufsbedingt kennen wir sehr viele Leute. Denen schrieben wir E-Mails, bewarben unsere Aktion auf Social Media und erzählten allen von unserer Challenge.“ Neun Monate später hat Marcus es geschafft. Er fährt in 16,5 Stunden 281,6 Kilometer (175 Meilen) von der englischen Küste bis in die Grafschaft Oxfordshire. Dort wartet Dominik schon in seinen Laufschuhen.

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Krämpfe und Bestleistung
Dominiks Route erstreckt sich über knapp 60 Kilometer (37 Meilen) von Oxford bis zum Werk von Red Bull Racing in Milton Keynes. „Ich begann im Mai zu trainieren. Dann verletzte ich mich.“ Vier Wochen musste Dominik sein Lauftraining komplett unterbrechen. „Ich glaube, ich werde alt. Aber wenn es leicht gewesen wäre, wäre es wohl keine Herausforderung gewesen.“ Der Physiotherapeut ihres Formel-1-Teams ist dem Läufer eine große Stütze. Am Tag der TriHard ist er zumindest mental gut vorbereitet. Die ersten Kilometer kommt er dementsprechend gut voran. Dann treten Beinkrämpfe auf.
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„Ich habe Angst, dass meine Beine nachlassen, wenn ich stehen bleibe. Aber es tut wirklich weh“, ruft er seinen Kollegen zu, die ihn abwechselnd begleiten und anfeuern. Er läuft immer weiter, knackt seine persönliche Bestmarke. „Im Training bin ich sonst nie mehr als 18 Meilen gelaufen“, gibt er zu. Kurz vor Milton Keynes kommt noch mal der Wettkämpfer in ihm zum Vorschein, und Dominik erhöht die Geschwindigkeit. Nach etwas mehr als sechs Stunden läuft er unter Applaus auf das Werksgelände ein und rutscht wie ein Fußballer beim Torjubel bäuchlings über den Rasen. „Ich habe es für die Kameradschaft, die gute Sache und die vielen Spender durchgezogen“, sagt er außer Atem, aber glücklich.
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Kampf gegen die Kälte 
Am nächsten Tag heißt es Daumendrücken für Anthony. Dass dieser heute überhaupt ins Wasser gehen kann, blieb bis zuletzt eine Zitterpartie „Alles war von der Strömung im Kanal abhängig. Seit August mussten wir mehrfach wegen schlechter Wetterverhältnisse kurzfristig absagen. Das ist hart, weil man sich ja auch mental stark darauf vorbereitet“, erklärt der 38-jährige Hobbyschwimmer, während er sich aufwärmt. Auch heute kann er wegen starker Strömungen nicht wie geplant den Kanal durchqueren. Als Alternative hat er sich vorgenommen, die 35,4 Kilometer im Hafenbecken von Dover zu schwimmen. Er rückt Schwimmbrille und Bademütze zurecht, geht ins Wasser und beginnt zu kraulen.
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Über zehn Stunden lang kämpft er sich durch die kalte See. Alle sechzig Minuten stärkt er sich mit heißem Tee und Gummibärchen, ohne dabei das Wasser zu verlassen. Mittlerweile zittert Anthony am ganzen Leib. „Es kostete mich enorme Willensstärke, im Wasser zu bleiben, weil es so extrem frostig war“, wird er später über seinen Teil der TriHard- Challenge sagen. „Die ersten vier Stunden habe ich über meine Arbeit und meine bevorstehende Hochzeit nachgedacht“, erzählt er. „Danach konnte ich an nichts anderes als die Kälte denken.“
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In Gedanken versucht er, sich an warme Orte zu versetzen. Während er auf offener See mit seiner Unterkühlung kämpft, hält sein Team alles mit dem Fernglas im Auge und kalkuliert die zurückgelegten Distanzen. Nach zehn Stunden und 21 Minuten im Wasser hat Anthony die Sensation geschafft. Als er aus dem Wasser steigt, erwarten ihn eine Champagnerdusche und ein Freudensturm seines Teams.
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Spendenziel übertroffen
Insgesamt 377 Kilometer hat das Trio in den letzten drei Tagen bewältigt. Noch stolzer macht sie die Tatsache, dass sie mehr als 70.000 Euro für Wings for Life sammeln konnten. „Ich glaube, keiner hat von uns dreien erwartet, dass wir so etwas machen. Deshalb konnten wir auch so viele Menschen dafür begeistern“, sagt Dominik und verrät lachend ihr Erfolgsgeheimnis: „Viele unserer Unterstützer wollten uns wohl leiden sehen und haben gerne dafür bezahlt.“ Anthony stimmt ihm zu und sagt: „Es ist schön, dieses Geld an etwas zu übergeben, woran wir glauben. Ich habe größten Respekt vor Menschen mit einer Rückenmarksverletzung. Ich glaube, sie sind mental die Stärksten. Wir haben gesammelt, damit dieses riesige Problem Querschnittslähmung irgendwann gelöst werden kann.“


ES MUSS JA KEIN TRIATHLON SEIN...

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