Scientific Meeting 2013
Scientific Meeting 2013  © Stefan Voitl

Scientific Meeting 2013


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Wie weit ist eigentlich die Wissenschaft? Wolfgang Illek, selbst querschnittsgelähmt, suchte auf der Wings for Life Konferenz nach Antworten.

Auch eine fiese Erkältung kann mich nicht davon abhalten, die 2,5 Stunden von meiner Heimat Waidhofen/Ybbs nach Salzburg zu fahren. Unser wissenschaftlicher Kongress steht an und wie jedes Jahr fiebere ich diesem schon seit Monaten entgegen. Mein Interesse ist natürlich auch beruflich bedingt, ich arbeite für Wings for Life. Aber vor allem möchte ich aus persönlichen Gründen mit den Spezialisten der Rückenmarksforschung sprechen, denn seit einem Unfall im Jahr 2004 bin ich vom Hals abwärts gelähmt. Ich möchte wissen, wie die Aussichten auf Heilung sind und wann mein Traum Wirklichkeit werden kann.

Schon bei meiner Ankunft habe ich ein positives Gefühl. Trotz strahlendem Sonnenschein ist der Konferenzsaal im Parkhotel Castellani bis auf den letzten Platz besetzt. Über 90 Wissenschaftler und Mediziner aus aller Herren Länder sind gekommen, stellen ihre aktuellen Forschungsprojekte vor und tauschen ihr Wissen untereinander aus. Das sind fast doppelt so viele wie im vergangenen Jahr. Ein Zeichen, dass es vorangeht? Gespannt verfolge ich die ersten Vorträge über Neuroprotektion, Rehabilitation und Inflammation. Sehr interessant, aber eher relevant für frischverletzte Patienten von morgen als für chronisch Betroffene. Zwischen den Zeilen höre ich heraus, dass die Wissenschaft hier am weitesten ist. Ich freue mich, denn man kann sich nur wünschen, dass in Zukunft so viele Verunfallte wie nur möglich dem Rollstuhl entgehen.

Und wer weiß, vielleicht bringen die Erkenntnisse aus dem einen Bereich auch etwas für den anderen. So war es jedenfalls bei Dr. Jessica Kwok von der Universität Cambridge. In einer Kaffeepause erzählt sie mir, dass ihr Projekt ursprünglich auf akute Rückenmarksverletzungen ausgerichtet war, sie dann aber noch viel größere Effekte bei chronischen entdeckt haben. Aha, da ist er also, mein erster konkreter Hoffnungsschimmer. Das Gespräch mit Dr. Kwok verleiht mir jedenfalls einen zusätzlichen Motivationsschub, den komplizierten Erläuterungen der Vortragenden zu folgen.

Einer interessiert mich ganz besonders: Dr. Mark Kotter, ebenfalls von der Universität Cambridge. Dort haben Forscher vor kurzem querschnittsgelähmte Hunde wieder zum Laufen gebracht, und zwar durch die Injektion von Stamm-/Vorläuferzellen aus der Riechschleimhaut. Ein Video davon ging um die Welt. Nun hofft Dr. Kotter, dass eine vergleichbare Anwendung auch beim Menschen möglich wird. Ich bin jedenfalls erst einmal begeistert!

Zu Recht? Sind Stammzellen wirklich die Lösung? Jein gibt mir Prof. Michael Fehlings von der Universität Toronto zu verstehen. Auch wenn hier grundsätzlich viel Potential vorhanden ist, gälte es noch einiges zu erforschen, unter anderem um eventuelle Folgekrankheiten auszuschließen. Das will niemand. Zudem höre ich heraus, dass es nicht die eine Therapieform sein wird, die letztlich den Durchbruch bringt, sondern vielmehr eine Kombination aus verschiedenen Ansätzen.

Überhaupt scheint dies ein Trend in der Wissenschaft zu sein. Immer mehr Forscher verknüpfen Forschungsprojekte anderer mit den eigenen. Einer dieser Wissenschaftler ist Prof. Wolfram Tetzlaff von der Universität British Columbia in Vancouver. Er versucht zum einen das Wachstum der Nervenzellen zu erhöhen und gleichzeitig die Verletzungsstelle mit Stammzellen aus der Haut zu überbrücken. Damit konnte er in Laborversuchen erreichen, dass Nervenfasern wieder nach unten aussprossen.

Spätestens jetzt macht sich Euphorie in mir breit. Die vielen vorgestellten Projekte sind doch allesamt äußerst viel versprechende Lösungen für mein Problem und das von Millionen anderen Leidensgenossen. Tja, wenn nur das Wörtchen „wenn“ nicht wäre. Zwar gibt es schon ein paar klinische Studien, aber das Gros der heute vorgestellten Projekte befindet sich noch in den Kinderschuhen. Zehn bis fünfzehn Jahre scheinen eine realistische Zeitspanne zu sein, bis konkrete Schritte in Richtung Heilung verwirklicht werden können. Da sind sich die Forscher einig.

Wenn man so etwas hört, ist der Optimismus natürlich gleich wieder gedämpft. Aber Dr. Kotter stellt einen interessanten Vergleich auf. Isaac Newton habe die mechanischen Gesetze beschrieben und erst ungefähr 200 Jahre später habe man angefangen, Flugzeuge zu bauen. Die Rückenmarksforschung dagegen hat erst vor zwanzig Jahren entdeckt, dass Nerven zur Regeneration fähig sind, aber bereits jetzt existieren die ersten „Flugzeugteile“. Klingt gut? Ist gut! Auch wenn Dr. Kotter hier absichtlich eine kühne Metapher wagt, weiß ich, was er mir sagen möchte: Die Rückenmarksforschung hat mächtig Fahrt aufgenommen.

Und mit dieser Überzeugung fahre ich wieder nach Hause. Zwar ziemlich müde, weil mir nach zwei Tagen hochkomplexer Vorträge der Kopf brummt, aber auch glücklich, weil ich weiß, dass die Forscher alles daran setzen, unseren Traum Wirklichkeit werden zu lassen.

Fotos: Stefan Voitl

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