Regulierung von Therapien mit Stammzellen in Europa


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Vierzehn renommierte europäische Stammzellforscher nahmen in einem Kommentar Stellung zu der Debatte eines umstrittenen neuen Gesetzes im Italienischen Parlament. Das neue Gesetz würde die Anwendung von Stammzellen, im speziellen Fall mesenchymale Stammzellen (MSCs), als ungeprüfte Therapie in öffentlichen Krankenhäusern legalisieren. Die Wissenschaftler meldeten sich zu Wort, weil sie die Gefahr sehen, dass sich die bisherige Situation, dass Patienten durch die Vorgaben der Aufsichtsbehörden wie der EMA (European Medicines Agency)  oder der FDA (Food and Drug Administration) vor den Risiken einer unkritischen und ungeprüften Anwendung von Stammzellen geschützt waren, schnell ändern könnte.

Die schnelle Entwicklung der Wissenschaft auf dem Gebiet der Stammzellen hat zu großen Hoffnungen und Erwartungen geführt und ist nun mit dem Druck einer schnellen Umsetzung vom Labor in die Klinik konfrontiert. Firmen, die Stammzellen vermarkten wollen, arbeiten auf eine Lockerung der Regulierungen hin, indem sie immer wieder und extensiv die Argumente „schnellere Innovationen“ und „Zugang der Patienten zu Therapien“ vorbringen. Diese Argumente führen in die Irre, da sie unterstellen, dass die Regulierungen und auch die Vorsicht der Wissenschaftler und Ärzte den Interessen der Patienten entgegenstünden.

In Italien gab  es eine Kampagne für das Recht der Patienten auf Zugang zur Stammzelltherapie. Diese Kampagne forderte eine „mitfühlende Therapie“ und war begleitet von Angriffen auf Wissenschaftler und deren Argumente. Anlässlich dieser aktuellen Situation bezogen die Wissenschaftler in ihrem Kommentar eine klare Stellung:

Verfrühte Translation von vorläufigen Daten und Konzepten in der Stammzellforschung in Verbindung mit Lockerung der Regulationen kann nicht zu Lösungen für Krankheiten führen. Verfrühte Translation noch unreifer wissenschaftlicher Ergebnisse kann eher zum Schaden der  Patienten sein. Eine „anteilnehmende Therapie“ darf nicht die Fragen der Sicherheit und der Wirksamkeit außer Acht lassen.

Zum Aspekt der Sicherheit einer Behandlung gilt grundsätzlich: Es gibt keine Behandlung ohne Nebenwirkung. Zellbasierte Therapien sind davon keine Ausnahme und ohne eine Überprüfung kann keine Behandlung als sicher angesehen werden.

Bei der systemischen Anwendung von MSCs werden diese dem Patienten intravenös verabreicht und damit in den Blutkreislauf gebracht, was nicht der natürlichen Umgebung dieser Zellen entspricht. Es ist ungeklärt, wie sich MSCs im Gehirn, der Lunge sowie in der Niere verhalten und welche Reaktionen sie auslösen.

Ein weiterer Aspekt der Sicherheit betrifft die Herstellung der Zellen. MSCs müssen als Medizinprodukte betrachtet werden, denn sie werden in ex vivo Kulturen gezüchtet und bis zu der für die Behandlung notwendigen Menge vermehrt. Somit unterliegen sie den Vorgaben für Medizinprodukte. Medizinprodukte haben spezifische Risiken, Ihre Herstellung muss kontrollierten Bedingungen und Regelungen unterliegen. Das Argument Stammzellen sollten als Transplantat betrachtet werden, welche von diesen Regulierungen ausgenommen sind, ist aus zwei Gründen nicht richtig: a) Transplantate werden nicht ex vivo kultiviert (diese Zellen jedoch schon) und b)  intravenös verabreichte MSCs verschwinden sehr schnell im Körper wie ein Medikament und wachsen nicht an (wie ein Transplantat).

Von einigen Firmen wird gefordert, diese Zellen nicht den Vorgaben für Medizinprodukte zu unterwerfen. Aber klinische Studien sind der einzige Weg um eine Therapie zu erproben und dem Patienten nicht zu schaden.

Die Forscher widersprachen der Meinung, dass „Sicherheit angesichts von schwerkranker Patienten, für die es keine therapeutische Alternative gibt,  kein Argument“ wäre.  Die schwächsten Menschen unbekannten Risiken auszusetzen ist ethisch nicht zu akzeptieren und hat nichts mit „anteilnehmender Behandlung“ zu tun.

Was die Wirksamkeit angeht, halten die Wissenschaftler die Argumente, dass die Behandlung mit MSCs wissenschaftlich belegt und klinisch erprobt wäre, für irreführend.

Die Anwendung von Stammzellen in der Medizin muss medizinisch begründet  sein durch die biologische Natur und Herkunft des Zelltyps und auch durch die Natur der Erkrankung, die behandelt werden soll. „Stammzellen“ sind nicht gleich Stammzellen, es ist keine homogene Zellart und es gibt keine Stammzelle, die für alle Erkrankungen einsetzbar ist. Bisher gibt es nur  geprüfte Behandlungsansätze mit Stammzellen  in der Hämatologie (Knochenmarkstammzellen), für Hautdefekte und für Hornhautdefekte. Es gibt keine rationale Begründung und Rechtfertigung für den Einsatz von MSCs bei einer Reihe von degenerativen Gehirn- oder Rückenmarkserkrankungen wie Morbus Parkinson oder Spinale Muskelatrophie.

Mit dem  Argument den  Patienten würden die Eigenschaft der MSCs als Vorläuferzellen zu Gute kommen, wird impliziert, diese würden sich in neurale Zellen weiterentwicklen und Nerven- oder Gliazellen ersetzen. Aber dafür gibt es keine belastbaren wissenschaftlichen Daten, im Gegenteil dazu  bestehen eine Menge ungelöster  Fragen.

Das andere Argument für den Einsatz von MSCs bei verschiedensten Erkrankungen verweist auf ihre „trophischen, immun-modulierenden, anti-entzündlichen“ Eigenschaften. Die Aussagen sind sehr vage, spezifische immunmodulierende Wirkungen sind nicht bekannt.  Vor dem Einsatz „sollte der mögliche  parakrine Faktor, der diese Wirkung vermittelt, identifiziert und ein entsprechendes Medikament entwickelt werden. Einsichten in die Wirkungsweise sind kein intellektueller Luxus sondern unabdingbar um effektive Therapien zu entwickeln“. Das derzeitige Wissen rechtfertigt nicht die Translation in die Klinik.

Die Schlussfolgerungen des Kommentars sind:

Stammzellen können die Medizin mitgestalten und verändern, aber nur wenn sie im Labor gut untersucht sind und die klinische Anwendung erst erfolgt, wenn die wissenschaftlichen Daten dies erlauben. Die Translation in die Klinik hat in aussagekräftigen klinischen Studien und unter Überwachung der Aufsichtsbehörden zu erfolgen.

Ein Umgehen der Regulierungen untergräbt den Schutz der Patienten, und macht den Weg frei für Abenteurer, zerstört das öffentliche Gesundheitssystem und die Bemühungen einer vernünftigen Translation von  Wissenschaft in die Medizin und verschwendet Mittel des Gesundheitssystems.

Ref:

Regulation of stem cell therapies under attack in Europe: for whom the bell tolls.

Bianco P, Barker R, Brüstle O, Cattaneo E, Clevers H, Daley GQ, De Luca M, Goldstein L, Lindvall O, Mummery C, Robey PG, Sattler de Sousa E Brito C, Smith A.

EMBO J. 2013 May 29;32(11):1489-95. doi: 10.1038/emboj.2013.114. Epub 2013 May 3.