„Querschnitte sind alle dramatisch“


Zur Übersicht

Professor Claudius Thomé ist Direktor der Universitätsklinik Innsbruck für Neurochirurgie. Seit fast 20 Jahren behandelt er Patienten an Gehirn und Wirbelsäule. Die Probleme in der Akutversorgung von rückenmarksverletzten Menschen kennt er daher ganz genau. Bei seinem letzten Wings for Life-Besuch wollten wir mehr über seinen spannenden Arbeitsalltag erfahren.

Sie zählen seit einem Jahr zum internen Board von Wings for Life. Wie ist es dazu gekommen?
In den letzten Jahren habe ich mich auf das Thema Wirbelsäule konzentriert und auch meine Forschungsarbeiten primär darauf fokussiert. Durch meine Tätigkeit unter anderem als Sektionssprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie war ich in einigen Gremien und lernte so Wings for Life kennen. Für mich ist es eine tolle Organisation, die etwas weiterbringt. Als ich gefragt wurde, ob ich Teil davon sein möchte, habe ich gerne zugesagt.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?
Ich bin um 7 Uhr in der Klinik und habe in der Regel bis halb 8 Uhr Chefvisite. Dann folgt die Frühbesprechung. Um kurz nach 8 Uhr stehe ich im OP, meist bis 13 oder 14 Uhr. Am Nachmittag nehme ich an Sitzungen teil und schaue nach den Patienten. Dann ist noch einmal Visite. Hinzu kommt der administrative Aufwand, sodass ich in der Regel bis 20 Uhr in der Klinik bin. An zwei Tagen arbeite ich tatsächlich noch etwas länger. Durch meine Lehrtätigkeit und meine Forschungsgeschichten bin ich dazu relativ viel auf Kongressen unterwegs.

Kommen wir zum OP: Was operieren Sie am häufigsten?
Da ist die ganze Palette der Neurochirurgie dabei, das heißt Kopf und Wirbelsäule. Angefangen von Tumoren im Kopf oder an der Wirbelsäule, über normale Bandscheibenvorfälle bis hin zur komplizierten Wirbelsäulenverkrümmung, die wir wieder gerade richten. Und natürlich auch Traumafälle, die mit Querschnitten zu uns kommen.

Wie geht man emotional mit Einzelschicksalen um? Kann man diese ausblenden?
Nein, man blendet sie nicht aus. Würde man sie ausblenden, würde man nicht immer sein Bestes geben. Es ist schon wichtig, dass man das Einzelschicksal im Hinterkopf hat. Man darf sich davon aber emotional nicht oder nur wenig berühren lassen, sonst ist man nicht objektiv. Beim Operieren muss man nüchtern und mechanisch vorgehen. Speziell Querschnitte: Die sind alle dramatisch, weil Patienten in Sekundenbruchteilen aus ihrem normalen Leben gerissen werden. Oft durch dumme Unfälle und Geschichten, die nicht vorhersehbar sind.

Gibt es eine Geschichte, die Sie besonders beschäftigt hat?
Besonders im Kopf geblieben ist mir der Fall einer 18-Jahre jungen Frau. Sie hat an einer Tankstelle auf der Rückbank ihres Autos geschlafen. Ein Mann, wahrscheinlich unter Drogeneinfluss, wollte das Auto stehlen. Er hat sich einfach hinter das Steuer gesetzt und ihr Auto gegen einen Baum gefahren. Ob das Mädchen kurz vorher aufgewacht ist, wissen wir nicht genau – aber sie war hinten nicht angeschnallt und erlitt eine schwere Halswirbelverletzung am Übergang zum Kopf. Sie lag ein paar Tage bei uns, hat aber am Ende nicht überlebt.

Gibt es auf der anderen Seite auch Patienten, bei denen alles besser ausgegangen ist als erwartet?
Diese guten Fälle gibt es zum Glück oft. Sonst wäre man wahrscheinlich auch selber zu frustriert. Es gibt Patienten, die mit einem schweren Querschnitt reinkommen und sich nach der OP fast oder gar vollständig wieder erholen.

Zusätzlich forschen Sie auch. Was tut sich Ihrer Ansicht nach in dem Feld?
Die Rückenmarksforschung ist in den letzten Jahren viel mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Wir Neurochirurgen haben uns früher, vor 10 Jahren und davor, eigentlich fast nur mit Schädel-Hirn-Verletzungen beschäftigt und dort geforscht. Das Rückenmark ist damals von uns ein bisschen nihilistisch betrachtet worden, nach dem Motto „es würde ja eh nicht viel bringen, da was zu machen“. Schaut man sich heute wichtige Journale an, wird darin sehr viel Rückenmarksforschung thematisiert. Es gibt viele neue Erkenntnisse und es ist beeindruckend, was da in den letzten Jahren passiert ist. Wir in Innsbruck möchten dazu beitragen und bauen derzeit Laborstrukturen auf.

Apropos Entwicklung: Was hat sich im vergangenen Jahrzehnt in der akuten Versorgung getan?
Da hat sich viel getan. Zum einen haben wir deutlich bessere Implantate, sodass wir viel besser und sicherer operieren können. Verschlechterungen des Gesundheitszustandes nach der OP aufgrund der Technik gibt es heute kaum mehr. Zum anderen ist die anästhesiologische perioperative Betreuung heute besser. Wir können Patienten sehr viel schneller nach ihrem Unfall operieren als früher.



Prof. Dr. Claudius Thomé erhielt für seine Forschungen auf dem Gebiet der Neurochirurgie bereits mehrere Auszeichnungen, darunter den Clinical Research Award 2009 der European Association of Neurological Surgeons. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.