© David Robinson

Querschnitt mit zwei


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Der Österreicher Nico Langmann war noch ein Kleinkind, als sein Rückenmark bei einem Autounfall verletzt wurde. Jahre später sitzt uns der aktive und lebenslustige Sportler gegenüber. Ein Gespräch über Kampfgeist, Ballgefühl und Lebensträume.

„Ich kann mich an vieles nicht mehr erinnern, weil ich noch so klein gewesen bin“, erklärt Nico Langmann gleich zu Beginn unseres Gesprächs. Den genauen Hergang „seines“ Unfalls kennt der heute 18-Jährige nur aus Erzählungen. 
Es passierte im Februar 1999. Nico war nicht einmal zwei Jahre alt, als seine Mutter mit ihm un seinem älteren Bruder mit dem Auto unterwegs war. „Wir waren auf dem Weg von Wien nach Tirol. Es war schon dunkel und hat stark geschneit.“ Diese schwierigen Fahrverhältnisse machten so gar routinierten Autofahrern zu schaffen. „Auf unserer Strecke ist ein Führerscheinneuling gegen eine Leitplanke gekracht.“ Der Verunfallte schaltete die Warnblinkanlage nicht ein. Sein Auto blieb unbeleuchtet auf der Straße stehen. „Kurz darauf sind wir zum Unfallort gekommen“, erzählt Nico. Seine Mutter versuchte dem Hindernis auszuweichen, geriet dabei auf der eisigen Fahrbahn ins Schleudern. „Auf der Gegenfahrbahn stand ein Autobus. Der Fahrer hatte ihn auf der Straße geparkt, weil er dem Verunfallten helfen wollte.“ Das Auto der jungen Familie prallte in den parkenden Bus. „Uns allen ist dabei gar nicht so viel passiert. Zumindest auf den ersten Blick“, sagt er. Nicos Mutter erlitt einen Beinbruch, bei seinem Bruder war das Sprunggelenk angeknackst. „Durch die Erschütterung ist mein Kindersitz gebrochen“, erklärt Nico weiter. Im Krankenhaus wurde nur ein gebrochener Oberschenkel diagnostiziert.

Nichts war, wie es schien
Wie bei Kleinkindern üblich, wurden ihm Schienen angepasst. Dann der Schock: „Als die Stützen nach zwei Monaten abgenommen wurden, bemerkte meine Mutter, dass ich meine Beine nicht mehr bewege.“ Wie später herauskam, waren bei der Erschütterung im Auto die Wirbel des Kleinkindes auseinandergezogen worden. Die Ärzte konnten anfangs keine Brüche feststellen. Innere Blutungen hatten sein Rückenmark verletzt. Langsam wurde klar, wie schwer verletzt das kleine Kind wirklich war. „Die Ärzte haben gemeint, dass man am Rückenmark nichts tun kann. Ich war ab Th8-9, also ab dem achten Brustwirbel, gelähmt.“

Der Kampf um Bewegung
„Mir wurde Reha verordnet.“ Eine echte Hürde, da sämtliche Rehabilitationszentren die Behandlung von Nico ablehnten. „Die Einrichtungen waren für mein Alter einfach nicht ausgelegt.“ Nicos Mutter kündigte ihren Job, um sich nur noch um ihr Kind kümmern zu können. „Ich glaube, für sie war es am schlimmsten, weil sie am Steuer gesessen hatte.“ Kurz nach der Diagnose zogen beide für ein Jahr nach Russland. Dort gab es eine Reha-Einrichtung speziell für Kinder. Die Familie besuchte sie so oft wie möglich. „Ich war erst drei, und die harte Devise dort lautete: Versuch nicht mit deiner Behinderung umzu gehen, sondern trainiere. Je mehr Barrieren, desto besser. Das war schon krass.“


Mit vier bekam Nico seinen ersten Rollstuhl, fiel damit im Integrationskindergarten aber nicht besonders auf. In dieser Zeit orientierte sich auch sein Vater beruflich um, beschäftigte sich mit Medizin und den neuesten Therapieformen. „Er wollte natürlich alles versuchen, mich wieder zum Laufen zu bringen“, denkt er an belastende Zeiten seiner Kindheit zurück. „Andere haben damals Freunde getroffen oder sind einem Hobby nachgegangen. Ich hatte Therapie. Oft sechs Stunden am Tag.“ In der Schule erfuhr Nico dann das erste Mal so etwas wie Ausgrenzung wegen seiner Behinderung. „Es war schon zwei Jahre im Vorhinein vereinbart, dass ich auf die gleiche Volksschule wie mein Bruder gehen würde. Kurz vor Schulbeginn wurde uns aber mitgeteilt, dass sich genügend normale Kinder angemeldet haben und sie mich nicht aufnehmen können. Da hatte ich schon das Gefühl, dass ich anders bin.“ Er wechselt e in eine Integrationsschule.

Der ideale Aufschlag
Mit acht Jahren entdeckte Nico Tennis für sich. Als er seinen Vater und Bruder beim Tennisspielen beobachtete, wollte er mitmachen. „Es hat mir sofort Spaß gemacht, obwohl ich am Anfang nur jeden siebten Ball getroffen habe“, lacht der Sportler rückblickend. Dann ging alles ganz schnell: „Wir haben beim Trainer angefragt, ich bekam eine Einführung und fuhr mit anderen Spielern auf Trainingslager.“ Die Herausforderungen beim Rollstuhltennis zeigten sich bald. „Man muss ganz schön schnell sein und sich genau zum Ball positionieren, damit man ihn trifft. Die Kombi aus Fahren und Schlagen ist anstrengend, man muss viel trainieren“, gibt er zu. Und das tut Nico bis heute. Zweimal täglich hat er Training, fliegt zu Turnieren auf der ganzen Welt. „Mein Papa und ich organisieren alles selbst. In diesem Jahr ging es schon nach Südafrika, und bald bin ich in den USA. Ich habe super Sponsoren, die mich unterstützen.“ Momentan ist Nico die Nummer 3 der Jugendweltrangliste und die Nummer 55 der gesamten Weltrangliste.

 

Schlagkräftige Visionen
Kürzlich hat er seine Matura mit guten Noten abgeschlossen, nutzt das kommende Jahr, um für Olympia 2016 in Rio zu trainieren. „Es gibt in den USA einige Unis, die Stipendien für Rollstuhltennis vergeben. Das wäre ein Traum“, sagt der Wiener. Auch der Wings for Life World Run war für ihn ein Highlight. „2015 habe ich 36 Kilometer in Niederösterreich geschafft und war damit der zweitbeste Rollstuhlfahrer.“ Barrieren stellen sich ihm immer wieder im Alltag. „Gerade bei meiner Maturafeier hab ich es wieder gemerkt: Ich wollte mit Freunden in ein Lokal und bin nicht reingekommen wegen der Brandschutzbestimmungen.“ Momente, in denen Nico sehr direkt mit seiner Behinderung konfrontiert wird. „Im Gegensatz zu vielen anderen Betroffenen funktionieren aber all meine organischen Fähigkeiten wie Blase und Darm. Ich führe ein recht normales Leben und bin glücklich“, sagt Nico über die Folgen eines Unfalls, an den er sich nicht mehr erinnern kann. „Aber einmal meine Zehen zu spüren, aufzustehen und einen Schritt vor den anderen zu setzen – das wäre schon großartig.“

Hier können Sie an Wings for Life spenden. Jeder Euro geht zu 100% in die Rückenmarksforschung, um eine Heilung für Querschnittslähmung zu finden.