Prof. Dr. Ulrich Dirnagl
Prof. Dr. Ulrich Dirnagl  © Stefan Voitl

Prof. Dr. Ulrich Dirnagl: Der Brückenbauer


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Ein hochkarätig aufgestelltes, international besetztes Beratergremium unterstützt Wings for Life bei der Arbeit.  Gerne möchten wir Euch einzelne Mitglieder des Gremiums vorstellen und ihre Arbeit für die Stiftung erklären. Heute: Neurologe Ulrich Dirnagl von der Charité Universitätsmedizin in Berlin. Doch was hat ein Schlaganfallforscher mit Rückenmarksverletzungen zu tun?

In einem Backsteinbau aus der Gründerzeit sitzt der Direktor des Instituts für Experimentelle Neurologie der Charité Universitätsmedizin Berlin in seinem Büro. Der Campus unweit von Reichstag und Brandenburger Tor strahlt Altehrwürdigkeit aus. So Mancher wird sich Forscher, die hier arbeiten, dementsprechend auch vorstellen. Weißhaarig, traditionell, ein wenig der modernen Welt entrückt. Wer so auf Prof. Dr. Ulrich Dirnagl trifft, dürfte überrascht sein. Zwar beginnt sein Haupthaar langsam zu ergrauen, doch ansonsten hat er wenig mit dem Stereotyp des weltfremden Professors gemein.

Statt Anzug und Krawatte trägt Dirnagl eine neongrüne Funktionsjacke über seinem Pullover, am Handgelenk lugt eine sportliche Digitaluhr hervor. Wer den Institutsdirektor am frühen Morgen meint auf dem Skateboard gesehen zu haben, ist keiner Sinnestäuschung erlegen. „Bis zum Sommer diesen Jahres bin ich jeden Morgen im Park bei mir um die Ecke in der Bowl gefahren. Dann war ich in Ulm für einen Vortrag. Als ich dort den Skatepark ausprobierte, bin ich schwer gestürzt, wobei ich mir die Schulter verletzt habe. Nun muss ich pausieren, was mir ganz schön schwer fällt.“ Dass dem deutschen Meister im Freestyle von 1976 der Sport fehlt, merkt er selbst am meisten: „Ich muss mich immer bewegen. Wegen der Schulter kann ich momentan auch nicht segeln, was sich tatsächlich auf meine Stimmung auswirkt.“

 

 (Ulrich Dirnagl)
© Ulrich Dirnagl



Kein Wunder, dass ihm der Ausgleich fehlt, denn der Tausendsassa Dirnagl ist nicht nur Professor für klinische Neurowissenschaften und Leiter der Abteilung für Experimentelle Neurologie. Er ist auch Direktor des Zentrums für Schlaganfallforschung Berlin, sowie Hochschullehrer, Koordinator, Editor, Berater und wissenschaftlicher Berater von Wings for Life. An Positionen mangelt es ihm ebenso wenig wie an Ambitionen, wobei das Streben nach Verbindung von scheinbar Unvereinbarem das bestimmende Element seines Schaffens ist.
Die Brücke zwischen Sport und Beruf schlägt Dirnagl so elegant wie viele andere in seinem Leben. Vortragsreisen unternimmt er oft mit „schwerem Gerät", wie er sagt. Dann ist sein Skateboard und die Schutzausrüstung genauso dabei wie sein Laptop oder Paper, die es zu redigieren gilt. Dass die Arbeit unter seinem Bewegungstrieb leidet, verhindert ein weiterer Drang Dirnagls: Zusammenhänge zu finden und zu verstehen. „Ich habe mich schon in der Schule für Naturwissenschaften interessiert. Da mir diese Fächer als Studium zu spezialisiert waren, habe ich Medizin studiert, denn da kommt alles zusammen, was mich an den Naturwissenschaften fasziniert. Ich hab schon als 13-jähriger meinen Verwandten Blut abgenommen und die Blutkörperchen gezählt, irgendwie ist das hängen geblieben.“

Dennoch beschreibt Dirnagl seinen Werdegang als zum Großteil von Zufällen bestimmt. Er sei öfters zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen. Durch seinen Faible für Computer geriet Dirnagl an „Karl Einhäupl, der damals so etwas wie ein Computer Guru war. Das war zufällig in der Neurologie.“ Durch seine Programmierung entstand Kontakt zur Forschung, die ihn wiederum in die USA führte. „Dort habe ich gelernt, dass man wissenschaftliche Arbeit nicht aus dem Ärmel schüttelt, sondern lernen muss. Es ist etwas, was sehr hohe Qualitätsstandards erfordert. William Pulsinelli, hat zu einer Zeit, als noch keiner davon sprach, bei sich im Labor Studien repliziert. Nur um methodische Fehler auszuschließen.“ Die methodische Exzellenz, die er dort kennen lernte, dient in seinem Institut auch heute noch als Referenz. Zwar wird hier hauptsächlich Schlaganfallforschung betrieben, doch diese hat laut Dirnagl so zahlreiche Verbindungen zur Rückenmarksforschung, dass es ihm schwerfällt keine wichtige zu vergessen. „In beiden Fällen tritt ein Gewebeschaden im Zentralnervensystem auf, in der Regel beides mal akut. Die Antworten der Nervensysteme von Vertebraten sind relativ stereotyp. Da gibt es große Überlappungen zwischen dem Schlaganfall und Traumata an der Wirbelsäule. Mechanistisch gibt es sowohl bei Schadens- wie Reparaturmechanismen viele Überlappungen. Daher können Schlaganfall- und Rückenmarksforscher viel voneinander lernen.“

Seien es Neurologen, die von Informatikern profitieren, Rückenmarks- und Schlaganfallforscher, die von sich lernen, oder Grundlagenforscher, die von Klinikern lernen. Dirnagl sieht sich als Impulsgeber. Aus eigener Erfahrung weiß er, dass kein Weg vorgezeichnet ist. Wie ein Dirigent macht er seine Arbeit, mit feinem Gefühl für den rechten Moment findet er Zusammenhänge, schlägt Brücken, um Solisten zu einem Orchester zu verbinden.
Heute ist die Translation, also die möglichst enge Verzahnung von Grundlagenforschung und klinischer Anwendung, ein Kernaspekt von Dirnagls Arbeit. Dass dies eine Arbeit ist, die kein Ende nimmt, stört ihn nicht, im Gegenteil: „Ich glaube kein Wissenschaftler wird ernsthaft denken, dass er jemals fertig wird. Man kommt zwar weiter, trotzdem ist es oft so, dass man am Abend weniger weiß, als am morgen. Es wird immer komplexer. Aber das sehe ich nicht als Nachteil sondern das macht den unglaublichen Reiz dieser Tätigkeit aus. Es wird nie langweilig. Es liegt nur an mir, meiner Neugierde und meinen Vorlieben, in welche Richtung ich gehe.“

 

 (Stefan Voitl)
© Stefan Voitl


Als Mitglied des Beratergremiums kann Dirnagl dies auch bei der Wings for Life Stiftung tun. Eine wichtige Aufgabe eines solchen Gremiums besteht darin, eine Auswahl aus der Vielzahl von Bewerbungen zu treffen, die jährlich eingehen. Welche sind viel versprechend? Welche kommen dem Stiftungszweck am nächsten? „Zum Schluss machen wir eine Liste, und die, die da drauf stehen, werden gefördert. Dann gibt es noch eine strategische Beratung der Stiftung. In welche Richtung soll sie sich bewegen, um ihrem Stiftungszweck am nächsten zu kommen?“
Für die Wings for Life Stiftung ist das Ziel klar: Rückenmarksverletzungen sollen heilbar werden. „Das ist ambitioniert, aber die Neurologie ist heute auf einem Stand, der es nicht verrückt erscheinen lässt, etwas so schwerwiegendes wie eine Rückenmarksverletzung tatsächlich zu heilen. Der Preis ist hoch, aber es lohnt sich diesem Ansatz nach zu gehen. Also muss man auf Dinge setzen, die innovativ sind. Aber daher kann man nicht sagen wie groß die Erfolgsaussichten sind.“

„Ein Beispiel sind Zelltherapien oder faktorbasierte Therapien. Diese ermöglichen es, Wachstumshindernisse im Zentralnervensystem zu überwinden, die eine Heilung verunmöglichen. In diesem Bereich liegt viel Hoffnung, hier gilt es den Preis zu gewinnen. Vorherzusagen welcher von diesen Ansätzen am Ende den Preis gewinnt, wäre Kaffeesatzleserei. Womöglich ist es eine Kombination von Ansätzen. Die Stiftung unterstützt sie daher alle, und am Ende sieht man, was dem Ziel am nächsten kommt.“

Sei es als Sportler, Kliniker oder Grundlagenforscher. Dirnagl weiß um die Unsicherheit eines jeden möglichen Weges. Wie wichtig es ist, zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Und dann jemanden zu finden, der dabei hilft Brücken zu bauen. Damit es weiter gehen kann, dem Ziel entgegen.

Ich habe Medizin studiert, weil...
... es die für mich spannendste Kombination der Naturwissenschaften ist.

Rückenmarksforschung interessiert mich, weil...
... Organismen sehr komplizierte Mechanismen entwickelt haben, die eine Heilung solcher Verletzungen verhindern. 1. Das muss etwas bedeuten. 2 Was bedeutet es? 3. Wie können wir es überwinden?

Außer dem Labor gehört meine Leidenschaft...
... zu vielen anderen Dingen.

Zu einem perfekten Tag gehört für mich...
... irgendeine Form von Bewegung im Freien und dazu ein schönes Picknick.

Zu meinen Lebzeiten würde ich gerne noch erleben...
... dass es uns gelingt zu zeigen, dass man Nervengewebe vor Schaden schützen und stattgefunden Schaden regenerieren kann.

Interview und Text: Jochen Müller