Neuroinflammation: Yin & Yang unseres Immunsystems


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Nach einer Rückenmarksverletzung helfen Entzündungsreaktionen, das beschädigte Nervengewebe zu reparieren. Diese Antwort unseres Immunsystems hat aber auch eine Schattenseite.

Schnell ist es passiert: Man rutscht beim Gemüseschneiden mit dem Messer ab oder greift in die Scherben eines zerbrochenen Glases. Schnittwunden sind alltäglich. Der menschliche Körper antwortet auf eine derartige Verletzung automatisch mit einer Entzündung (lateinisch:inflammatio).
Eine Armee von weißen Blutkörperchen und weiteren Zellen wird zur Wunde geschickt. Dort zerstören sie Bakterien und heilen das verletzte Gewebe. Spürt man Anzeichen für eine Entzündung wie Hitze oder Schwellungen, ist der Heilungsprozess bereits in vollem Gange.
Auch nach einer Rückenmarksverletzung kommt es zu einer Entzündungsreaktion des Nervengewebes. In der Fachsprache heißt das Neuroinflammation. Die körpereigenen Prozesse sind ähnlich wie bei einem Schnitt in den Finger. Zunächst versuchen Blutplättchen die Einblutung im Rückenmark zu stoppen. Dann räumen hochspezialisierte Immunzellen beschädigte Gewebetrümmer weg und beginnen, die Verletzung mit Hilfe von bestimmten Molekülen zu reparieren. Anschließend bildet sich eine Narbe, welche die Wunde versiegelt. Das sind die positiven Eigenschaften der Neuroinflammation. Leider gibt es auch eine Schattenseite. Die angelockten Immunzellen schütten nämlich Stoffe aus, die zugleich gesundes Nervengewebe rund um die Verletzungsstelle beschädigen. Damit tragen sie wesentlich zur sogenannten Sekundärschädigung bei. Diese kann man sich wie einen Flächenbrand vorstellen, der sich in den ersten Tagen nach dem Trauma rasend schnell ausbreitet und die ursprüngliche Verletzung noch verschlimmert. In der Folge verliert der Querschnittspatient zusätzliche Körperfunktionen.
Wie beim YinundYangPrinzip sind heilende und schädigende Prozesse also eng miteinander verknüpft. Ziel der Forschung ist es, diese feine Balance zu Gunsten der Patienten zu beeinflussen. Ein Idealszenario wäre, zunächst den Flächenbrand einzudämmen und den schädlichen Effekt der Neuroinflammation zu verringern. In einem zweiten Schritt könnten Medikamente oder Therapien das Wachstum der beschädigten Zellen anregen. Beide Effekte kombiniert versprechen eine deutliche Erholung des Nervengewebes und für den Patienten die Rettung wichtiger Körperfunktionen. Auch wenn man diese komplexe Wechselwirkung in der Praxis nur schwer manipulieren kann, werden bereits einige Therapien an Querschnittspatienten getestet. Das gibt Hoffnung, dass man in der Zukunft die dunkle Seite (Yin) der Neuroinflammation verringern und ihre helle Seite (Yang) fördern kann.

AUSZUG VON THERAPIEANSÄTZEN ZUR NEUROINFLAMMATION
Therapieansatz: Hypothermie
Effekt: Bei dieser Therapie wird die Körpertemperatur auf 32 bis 34 Grad Celsius runtergekühlt, um das beschädigte Gewebe vor dem Absterben zu schützen.
Stadium: Klinische Phase-II - Studie wird vorbereitet.

Therapieansatz: Minocycline
Effekt: Das Antibiotikum hat über die antibakterielle Wirkung hinaus weitreichende Effekte. So schützt es unter anderem Neurone, wirkt antientzündlich und hemmt den programmierten Zelltod.
Stadium: Klinische Phase-III - Studie wird durchgeführt.

Therapieansatz: Östrogen
Effekt: Das weibliche Hormon Östrogen ist ein wahrer Alleskönner. Es vermindert Ödeme im Nervengewebe, drosselt das Eindringen von entzündlichen Zellen und dämmt den Verlust von Myelin (Isolierungsschicht von Nerven) ein.
Stadium: Befindet sich in der präklinischen Phase

Bitte unterstützen Sie Wings for Life. 100% der Spendengelder kommen der Rückenmarksforschung zugute – sämtliche administrativen Kosten werden von der Firma Red Bull getragen.