„Neu denken“


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Dank Susan Harkema konnten vier komplett gelähmte Patienten ihre Beine wieder willentlich bewegen. Die US-Neurologin und Spezialistin auf dem Gebiet der epiduralen Stimulation will ihre Erkenntnisse bald in der „Big Idea“-Studie mit 36 weiteren Patienten überprüfen. Bis dahin braucht es noch Vorbereitungen und Genehmigungen. 

Doktor Harkema, von vorne: Wie war es, als der erste Patient seinen Zeh bewegen konnte?
Ich war geschockt und konnte erst gar nicht glauben, dass er sein Bein nur wegen der Stimulation bewegen konnte. Dann habe ich ihn gebeten, sich auf den Rücken zu legen, die Augen zu schließen und sich auf mein Kommando zu bewegen. Und tatsächlich: Es funktionierte erneut. Es war erstaunlich. Ich musste neu überdenken, wie das menschliche Nervensystem Bewegungen kontrolliert. Meine Erkenntnis: Das Rückenmark muss in der Lage sein, selbstständig und ohne Befehle aus dem Gehirn gewisse Bewegungen auszuführen.

Wann starten Sie mit der Big-Idea-Studie?
Für so eine große Studie muss eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein. Am wichtigsten sind sicherlich die Zulassungen seitens der FDA* und der zuständigen Ethikkommission. Dann benötigt man die Unterstützung der Technologiefirmen für die elektronischen Geräte und freie Kapazitäten im Krankenhaus. Und nicht zuletzt genügend Patienten, die sowohl die Einschlusskriterien der Studie erfüllen als auch einige Zeit bei uns in Louisville, Kentucky, verbringen können. Wir arbeiten derzeit mit Hochdruck an all diesen Dingen, um sobald wie möglich loszulegen.

Wie lange wird die Vorbereitung dauern?
Sehr viele Monate. Wir haben mit den frühen Studiendesigns bereits vor zwei Jahren begonnen. Seitdem haben wir alle möglichen Experten auf diesem Gebiet zusammengebracht, das Beratergremium aufgestellt und seinem Rat entsprechend die Studienprotokolle optimiert. Wir haben viel von unseren anderen Studien gelernt. Das hilft uns jetzt immens in der Vorbereitung für diese große Gruppe von Querschnittsgelähmten.

Welche sind die größten Herausforderungen?
Ganz klar vier Bereiche: ausreichende Fördermittel, die behördlichen Zulassungen, die entsprechende Technologie und das Training des Forschungsteams.

Wie viele Menschen arbeiten an der Studie?
Ungefähr 50 Personen, angefangen bei den Projektverantwortlichen und dem Forschungsteam über Mediziner und Therapeuten bis hin zum Beratergremium.

Nach welchen Kriterien suchen Sie die Patienten für die Studie aus?
Grundsätzlich wählen wir für die Studie nur Patienten aus, die erhebliche Defizite in ihrem Herz-Kreislauf-System haben und ihre Beine überhaupt nicht willentlich bewegen können. Das werden voraussichtlich Patienten mit ASIAKlassifizierung** A, B oder C sein beziehungsweise Personen mit einer Verletzung im hohen Brust- oder Halswirbelbereich. Aber das gilt nur als Anhaltspunkt, wichtig für uns sind die tatsächlichen Ausfallserscheinungen.

Wie verteilen sich die Patienten in Bezug auf Geschlecht und Alter?
Das können wir erst sagen, wenn die Rekrutierung abgeschlossen ist. Ein großer Teil der Querschnittsgelähmten ist männlich und unter fünfzig Jahre. Diese Gruppe wird auch bei uns stärker vertreten sein.

Normalerweise gibt es eine Kontrollgruppe, ohne Behandlung respektive Medikamente. Wie wird das in diesem Fall gehandhabt?
Zunächst einmal vergleichen wir die Entwicklung jedes einzelnen Patienten im Laufe der Therapie. Dann haben wir Gruppen, die entweder nur die Elektrostimulation erhalten oder zusätzlich noch ein intensives Training durchführen. Diese Gruppen werden wir dann auch vergleichen.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für den weiteren Verlauf Ihrer Studie.  

*Food and Drug Administration: Zulassungsbehörde für Arzneimittel in den USA
**Einteilung des Schweregrads der funktionellen Ausfälle, entwickelt von der American Spinal Injury Association;
A = komplette Querschnittslähmung
B = inkomplette Querschnittslähmung mit Restsensibilität, aber ohne Motorik
C = inkomplette Querschnittslähmung mit Restmotorik

Susan Harkema, Jan Schwab von Wings for Life und Peter T. Wilderotter von der Christopher & Dana Reeve Foundation
Susan Harkema, Jan Schwab von Wings for Life und Peter T. Wilderotter von der Christopher & Dana Reeve Foundation  
 
THE BIG IDEA
Projektleitung: Dr. Susan Harkema
Initiator: Christopher & Dana Reeve Foundation
Studienbeginn: voraussichtlich Frühjahr 2016
Dauer: fünf Jahre
Ort: Louisville, Kentucky, USA
Anzahl Patienten: 36
Gesamtkosten: mindestens 15 Millionen US-Dollar 

Hier können Sie an Wings for Life spenden. Jeder Euro geht zu 100% in die Rückenmarksforschung, um weitere Projekte zu fördern und eine Heilung für Querschnittslähmung zu finden.