Morphine können Schmerzen verlängern


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Akute Schmerzen nach einer plötzlichen Verletzung haben einen biologischen Sinn: Der Schmerz bewirkt, dass man aus der Gefahrensituation zurückweicht und ein verletztes Körperteil schützt und schont, damit die Verletzung heilen kann. Die Schmerzerfahrung führt dazu, ähnliche Situationen zu vermeiden.
Chronische Schmerzen verschwinden hingegen nicht und sind oft therapieresistent. Sie können durch einen andauernden Krankheitsprozess, z.B. eine Infektion verursacht werden. Manchmal gibt es jahrelange chronische Schmerzzustände ohne offensichtliche Ursache. Auch Querschnittslähmung wird oft von chronischen Schmerzen, den sogenannten neuropathischen Schmerzen, begleitet. 

Schmerzbehandlungen und Morphin
Nach einer Verletzung macht das Nervensystem einen gewaltigen Umbau und eine Reorganisation durch. Das kann zu chronischen Schmerzen führen, die wiederum Inaktivität, Depression, Isolation und möglicherweise noch mehr Schmerzen zur Folge haben können.
Es gibt verschiedene Schmerzbehandlungen und Morphin (aus der Familie der Opiate) ist ein Wirkstoff, der immer häufiger eingesetzt wird. Eine kürzlich in der Zeitschrift PNAS publizierte Arbeit einer Arbeitsgruppe der Universität Colorado (USA) enthüllte ein ziemlich erstaunliches Ergebnis: Die experimentellen Daten zeigen, dass ein kurzdauernder Einsatz von Morphin, beginnend 10 Tage nach der Verletzung, die Dauer von neuropathischen Schmerzen verdoppelte. Paradoxer- und bemerkenswerterweise bis Monate nach dem Absetzen der Morphinbehandlung.

Die Ursache - ein neuer bisher unbekannter Wirkmechanismus
Diese überraschende Wirkung von Opiaten auf chronische Schmerzen wurde das erste Mal beobachtet und veranlasste die Arbeitsgruppe Mechanismen genauer nachzuforschen. Mit Hilfe von pharmakologischen und genetischen experimentellen Ansätzen entdeckten sie, dass Morphine eine Kaskade von Prozessen aktivieren, die den Proteinkomplex NLRP3 (NOD-like Rezeptor Protein 3), ein sogenanntes Inflammasom, und IL1-beta (Interleukin-1beta), einen Entzündungsmediator, in Entzündungszellen involvieren.

Ihre Beobachtung führte zu dem Schluss, dass die lange dauernden Schmerzen durch eine entzündliche Antwort im Rückenmark ausgelöst werden. Das Immunsystem nimmt die Morphine fälschlicherweise als Bedrohung wahr und reagiert mit einer Entzündungsantwort durch spezialisierte Zellen, die Mikroglia. Experimente, die diese Antwort der Mikroglia ausschalteten, verkürzten die Schmerzdauer.

Was folgt daraus?
Es bleiben noch viele Fragen, wie z.B. ob solche Immunreaktionen auch beim Menschen ablaufen oder ob alle opiat-basierten Schmerzmittel solche Vorgänge auslösen. Diese Ergebnisse wurden in einem sehr standardisierten und kontrollierten Experiment gefunden, sodass Wissenschaftler vermuten, dass nur bestimmte individuelle Personen, aber nicht jedermann, für solche Komplikationen anfällig ist. Die Kenntnis der genauen Wirkungsweise ist essentiell für das Verständnis wie Opiate die Schmerzen beeinflussen. Sie führt zu einer Suche nach besseren Behandlungsmöglichkeiten.