„Meine größte Herausforderung überhaupt...”


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2013 schloss der Amerikaner Josh Smith sein Studium für Maschinenbau an der Technischen Uni in Virginia ab. Gleich danach wurde er Leiter und Gutachter bei Old Dominion nähe Washington. Nach der Arbeit verbrachte er seine Zeit im Fitnesscenter. Alles schien perfekt, bis zu diesem einen Tag. Der 25-Jährige erzählt mehr.

Wie erinnerst du dich an den Tag deines Unfalls?
Mein Unfall passierte am 23. August 2014. Ich habe übers Wochenende Freunde besucht. Es war ein schöner Sommertag und wir waren gemeinsam am Strand. Irgendwann sind wir ins Wasser, um uns abzukühlen und Frisbee zu spielen...

Wie hast du dich verletzt?
Ich war knietief im Wasser, als mir ein Freund den Frisbee zugeworfen hat. Gleich danach bin ich in eine kleine Welle eingetaucht und dabei mit dem Kopf auf eine Sandbank geprallt. Mein Freund sah, dass ich im Wasser trieb und war nicht sicher, ob ich nur Spaß machen würde. Ein anderer Freund, Ray, bemerkte, dass ich ertrinken könnte und lief sofort zu mir rüber. Er drehte mich um, ich konnte nichts mehr fühlen.

Was passierte direkt nach dem Unfall?
Als ich meine Augen aufgemacht habe, sah ich eine Hand vor meinem Gesicht, von der ich dachte, es wäre die eines Freundes. Bald wurde mir aber klar, dass diese Hand meine eigene war und dass ich sie nicht fühlen konnte. Das war ein Horror.

Hattest du Angst?
Ja. Ich habe gleich gewusst, dass etwas Ernstes passiert ist. Meine größte Angst war, dass ich sterben könnte. Ich hatte keine Ahnung, dass ich mir das Genick gebrochen habe und querschnittsgelähmt bin. 

Was passierte nach deinem Unfall?
Ray hat mich an den Strand getragen und dort in den Sand gelegt. Ich konnte nichts bewegen, nur meinen Kopf. Und ich konnte nichts fühlen, außer einen Druck auf der Brust. Als die Sanitäter da waren, haben sie mich rasch ins nächstgelegene Spital gebracht.

Wie lautete die Diagnose?
In der Notaufnahme wurde ich untersucht und geröntgt. Sie sprachen von einer Fraktur zwischen dem 4. Und 5. Halswirbel, aber nicht davon, dass ich gelähmt bin. Allein das Gefühl, mich fast nicht bewegen zu könnten, lies mich die Fassung verlieren. Kurz bevor der Neurochirurg sämtliche Ergebnisse bekam, traf meine Mutter ein. Dann erklärte man uns, dass mein Rückenmark verletzt war und ich Tetraplegiker bleiben würde. Natürlich hatten wir keine Ahnung, was das alles bedeutet.

Was war und ist das Härteste an deiner neuen Situation?
Das schwierigste war die Tatsache, dass ich plötzlich querschnittsgelähmt war. Das hat mich so überfordert. Ich konnte nicht fassen, dass das alles passierte. Immer wieder habe ich mir selbst gesagt, dass ich sehr hart arbeiten müsse, um an Weihnachten wieder gesund nach Hause zu können. Ich konnte ich nicht damit umgehen, dass mir etwas so Ernstes passiert ist. Schließlich war es mehr als ein gebrochenes Bein, das wieder heilen würde. Auf Reha, im Shepherd Center habe ich mich dann darauf fokussiert, so unabhängig wie nur möglich zu werden.

Wie hat sich dein Leben nach dem Unfall geändert?
Mein Leben hat eine 180Grad-Drehung gemacht. Ich habe Hürden immer schon als Herausforderungen gesehen, aber das ist die größte Herausforderung überhaupt. Spontanität gibt es bei mir nicht mehr. Alles braucht heute Vorbereitung und Planung. Dabei muss man mehr Geduld lernen,  als ich es jemals wollte. 

Wie geht es dir heute?
Am 8. Jänner 2015 kam ich von der Reha nach Hause. Meine Mutter hat in der Zwischenzeit ein Apartment für mich gefunden. Ich wollte unbedingt selbstständig sein.

Josh mit seiner Mutter Caroline.
Josh mit seiner Mutter Caroline.  

Für mich war es nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder arbeite. Mein Arbeitgeber hat mir ermöglicht, alles von zuhause aus zu machen. 6,5 Monate nach meinem Unfall habe ich gelernt, ein auf mich angepasstes Auto zu lenken. Außerdem habe ich mein eigenes Unternehmen Handizap gegründet und den Sixth Digit entworfen.

Was ist der Sixth Digit und wofür verwendest zu ihn?
Das ist ein Ring, mit dem man eine Tastatur und Touch Screens bedienen kann. Eine Firma stellte den Sixth Digit für mich her, ich startete mit Werbung und Vertrieb. Das war alles sehr viel Arbeit, aber heute wird er in die unterschiedlichsten Länder geliefert. Für meine Erfindung habe ich 2015 den STEM Catalyst Award bekommen. Dann wurde ich gefragt, beim Aging 2.0 Event zu präsentieren und ich habe den People’s Choice Award gewonnen.

Wie hilft dir der Sixth Digit im Alltag?
Ich arbeite ja zuhause auf meinem Computer – manchmal viele Stunden am Stück. Meine Muskeln würden da nicht mitspielen, weil sie recht schwach sind. Mit dem Sixth Digit fällt mir die Bewegung leichter und meine Muskeln werden gleichzeitig trainiert.

Was sind die größten Barrieren im Alltag?
Dinge, die gesunde Menschen für selbstverständlich nehmen. Es nervt, dass man so viele Häuser nur über Stufen erreicht. Gott sei Dank habe ich viele Freunde, die mir oft helfen. Ich muss immer abchecken, ob Toiletten für mich zugänglich sind. Wenn nicht, brauche ich eine andere Lösung. Schwere Türen zu öffnen kann zum Problem werden. Man sieht die Welt ganz anders, wenn man im Rollstuhl sitzt. Dinge, die man nie bedacht hat, werden zu riesigen Hindernissen, die man bewältigen muss.

Wie gehst du mit Rückschlägen um?
Ich bin recht ruhig und gefasst, aber unerwartete Rückschläge können sehr frustrierend sein. Trotzdem versuche ich damit umzugehen und mache weiter, weil ich mich nicht entmutigen lassen möchte. Ich will positiv bleiben.

Was vermisst du in deiner jetzigen Situation am meisten?
Anfangs wollte ich unbedingt wieder gehen. Auch jetzt vermisse ich es, gehen und laufen zu können. Aber noch mehr fehlen mir Funktionen in meinen Armen und Händen und die Kontrolle über Blase und Darm.

Was sind deine Ziele und Träume für die Zukunft?
Ich will unabhängig sein und hoffentlich eines Tages heiraten und eine Familie gründen. Ich liebe meinen Job und möchte vielen spannenden Projekten nachgehen. Als begeisterter Sportler will ich außerdem einmal bei den Paralympics teilnehmen.

Was denkst du über Wings for Life und unsere Arbeit?
Ich bin begeistert darüber, was Wings for Life macht. Durch Spenden Spitzenforschung zu fördern, ist nicht einfach. Ich bin dankbar, dass diese Stiftung eine klare Mission hat und ihr Ziel verfolgt. Ich hoffe und bete, dass es bald eine Heilung von Querschnittslähmung gibt...

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