Meilenstein: Forscher entdecken Schutzschild


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Das Nervensystem beeinflusst das Immunsystem. Jede Rückenmarksverletzung schwächt dadurch auch die Abwehrfunktionen der Patienten. Betroffenen bekommen so leichter Infektionen, fast die Hälfte aller Verletzten erleidet eine Lungenentzündung. Die Folge: Eine schlechtere funktionelle Erholung. Könnte man diese Immunschwäche verhindern, würden Infektionen und das damit einhergehende Risiko zu versterben reduziert werden. Außerdem könnten Funktionen wieder besser zurückgewonnen werden. Trotz dieser großen klinischen Bedeutung, war bisher nicht geklärt, wie die Rückenmarksverletzung eine Immunschwäche auslöst und welche Wege es zur Verhinderung gibt.

Wings for Life förderte deshalb die internationale und interdisziplinäre Zusammenarbeit von Forschern und Institutionen unter der Leitung von Jan Schwab zum Thema Immunschwäche nach einer Rückenmarksverletzung. Die Ergebnisse zu einem grundlegenden Mechanismus wurden jetzt in dem renommierten Journal Nature Neuroscience veröffentlicht.

Zusammenspiel von Nerven- und Immunsystem
Das autonome Nervensystem arbeitet weitgehend unabhängig von der willentlichen Kontrolle. Es reguliert die Funktionen von Blutgefäßen, Drüsen und inneren Organen. Das autonome Nervensystem hat zwei „Arme“: das sympathische und das parasympathische System. Beide spielen in der Regulation der Organfunktionen zusammen. Eines der Organe, die einer autonomen Regulation unterliegen, ist die Nebenniere, eine endokrine Drüse, die verschiedene Hormone produziert und die Aktivität des Immunsystems reguliert.

Die Rolle der Nebenniere bei der Immunschwäche
Eine Rückenmarksverletzung hat zur Folge, dass die Verbindung zwischen dem Gehirn und dem Rückenmark unterhalb der Verletzungsstelle unterbrochen ist, das gilt auch für das autonome Nervensystem. In der Folge ist die Regulation, die normalerweise vom Gehirn gesteuert wird, gestört oder verloren.
Die Wissenschaftler fanden nun heraus, dass der Verlust der Kontrolle im sympathischen System der grundlegende Mechanismus ist, der der Immunschwäche nach einer Rückenmarksverletzung im oberen thorakalen Bereich zugrunde liegt. Die unkontrollierte sympathische Aktivität resultiert in einer gestörten Regulation der Nebenniere, die ein schwerwiegendes Missverhältnis der sezernierten Hormone zur Folge hat. Dieses Ungleichgewicht machen die Wissenschaftler für die Störung des Immunsystem verantwortlich.
In dem Projekt unterbrachen sie alle Verbindungen zwischen sympathischem Nervensystem und der Nebenniere, sodass die Nebenniere ohne sympathischen Einfluss arbeitete. Damit konnten die Hormonspiegel fast normalisiert werden, die Immunschwäche weitgehend aufgehoben und eine Lungenentzündung verhindert werden.

Wie geht es weiter?
Die Ergebnisse dieser Studie führen zu einem besseren Verständnis der Immunschwäche und zu einem therapeutischen Ansatzpunkt. Sie eröffnen neue Wege und Alternativen zu der klassischen Antibiotikatherapie, mit all ihren Problemen wie Unwirksamkeit oder Resistenz. Die Ergebnisse sind eine neue therapeutische Option in der Prävention von Infektionen bei rückenmarksverletzten Patienten.

Jan Schwab, wissenschaftlicher Direktor von Wings for Life, leitete die Erforschung zur Immunschwäche nach einer Rückenmarksverletzung.
Jan Schwab, wissenschaftlicher Direktor von Wings for Life, leitete die Erforschung zur Immunschwäche nach einer Rückenmarksverletzung. 


Nähere Informationen finden Sie HIER.  

 

Quelle: “Spinal cord injury-induced immunodeficiency is mediated by a sympathetic-neuroendocrine adrenal reflex”. Prüss H, Tedeschi A, Thiriot A, Lynch L, Loughhead SM, Stutte S, Mazo IB, Kopp MA, Brommer B, Blex C, Geurtz LC, Liebscher T, Niedeggen A, Dirnagl U, Bradke F, Volz MS, DeVivo MJ, Chen Y, Andrian UH, Schwab JM. Nature Neuroscience, September, 2017.