„Man realisiert zunächst nicht, dass man gelähmt ist“


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Julia Macchietto steht fest im Leben – auf den Rädern ihres Rollstuhls, den sie „ihren Ferrari“ nennt. Vor 15 Jahren erlitt die stets gut gelaunte Lungauerin eine inkomplette Rückenmarksverletzung auf Höhe TH12.

Julia, wie kam es zu der Verletzung?
Ich hatte einen Autounfall. Am 15. Mai 1999 bin ich gegen zehn Uhr abends in meinem Heimatort  St. Michael in einen Graben gefahren. Warum das passiert ist? Daran habe ich keine Erinnerung mehr. Ich weiß nur, dass ich nicht angeschnallt war.

Was war Dein erster Gedanke, nachdem du von Deiner Querschnittslähmung erfuhrst?
Im Landeskrankenhaus Salzburg hat man mich erst einmal in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt, unter anderem, weil ich eine schwere Lungenquetschung hatte. Neun Tage später bin ich aufgewacht und habe als erstes gedacht: „Mein armer Opel Corsa ist kaputt!“ Man realisiert am Anfang  gar nicht, dass man querschnittsgelähmt ist. Auch später in der Reha habe ich noch gedacht: „Die können mich mal. Ich werde sowieso wieder gehen können.“

Inwiefern hat sich Dein Leben seit dem Unfall verändert?
In den ersten Jahren habe ich mich noch mit all meiner Kraft gegen dieses Schicksal gewehrt: Ich war monatelang in Bad Häring zur Reha und anschließend im Wilhelminenspital zur weiterführenden Therapie. Irgendwann kam jedoch der Punkt, an dem mir der strenge Therapie-Tagesablauf zu viel wurde. Deshalb habe ich mich gegen die permanenten Therapien und für mein Leben entschieden. Was soll ich sagen, ich habe mich mit meiner Querschnittslähmung abgefunden und mir geht’s gut mit „meinem Ferrari“.

Welche sind Deine größten Barrieren im Alltag?
Naja, öffentliche Toiletten sind meistens zu eng für mich. Man muss für alle Tätigkeiten mehr Zeit einplanen und natürlich braucht man auch oft Hilfe von anderen Menschen. Außerdem würde ich wirklich gerne meinen Rasen wieder selber mähen.


Welche Ziele hast Du Dir nach Deinem Unfall gesteckt?
Ich habe mit dem Skifahren und dem Handbiken begonnen. Außerdem macht es mir Spaß, zu modeln. Ich hatte auch schon einen Auftritt am Life Ball. Meinen großen Traum, ein Haus zu bauen, habe ich mir auch schon erfüllt.
Zwischendurch gibt es natürlich auch immer wieder einmal Tage, an denen es nicht so gut läuft. Aber ich habe einen starken Rückhalt: Mit meiner Familie und meinen Freunden habe ich es wirklich gut erwischt, die sind alle super. Ich fühle mich frei, nie eingesperrt oder beengt. Und das ist wichtig für mich, denn ich hatte schon immer meinen eigenen Kopf.

Was ist Dein größter Wunsch?
Mein größter Wunsch ist es, gemeinsam mit meinen Freundinnen auf einen Berg zu gehen. Das machen sie oft und ich fahre eben so weit es geht mit dem Auto hinterher. Aber das ist nicht das Gleiche. Ich möchte wieder einmal richtiges Gipfelglück erleben.

Verfolgst Du Entwicklungen der Rückenmarksforschung und was gefällt Dir an Wings for Life?
Ich verfolge die Entwicklungen der Rückenmarksforschung durchaus. Allerdings vor allem mit Blick auf frisch Verletzte. Für mich selbst denke ich, wird es wohl zu spät sein. Ich wünsche mir für die akut Verletzten, dass eine Heilung gefunden wird. Und wenn es für mich doch noch eine Chance geben sollte, würde ich natürlich auch nicht Nein sagen. An Wings for Life gefällt mir  vor allem das Engagement und, dass sich jemand darum kümmert, dass sich in der Rückenmarksforschung was tut.

Vielen Dank für das tolle Gespräch liebe Julia!

Auch Sie sind nach einer Verletzung des Rückenmarks querschnittsgelähmt und möchten Ihre Geschichte teilen? Schreiben Sie uns doch einfach kurz und formlos an office@wingsforlife.com. Wir würden uns sehr freuen.