„Jeder Millimeter Beweglichkeit ist ein Erfolg."


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Im Leben von Alex lief alles genau nach Plan. 2005 beendete der Diplomingenieur sein Studium in Esslingen. Gleich danach wurde ihm ein Job in Shanghai angeboten. Ein Jahr später lernte er dort die Amerikanerin Christine, seine jetzige Frau, kennen. Als passionierter Sportler absolvierte er 2007 gleich vier Marathons in nur fünf Monaten. Alles schien perfekt, bis ein Unfall seine Pläne durchkreuzte.

Waghalsiger Sprung

„Christine und ich waren im Juni 2007 mit einem MTB Club in einer Bergregion, 200km von Shanghai entfernt, unterwegs. Es war ein schwüler Tag. Irgendwann kamen wir an einem See vorbei. Das war verlockend, ich war übermütig, nahm Anlauf und machte einen Salto rein“, erinnert sich der heute 36-jährige. Beim Berühren der Wasseroberfläche folgte ein dumpfer lauter Knall. „Dann war nur noch grünes Wasser um mich. Ich konnte nicht atmen und mich nicht bewegen. Mein einziger Gedanke war: Ich werde nicht mehr gehen können.“ 
Sofort holte ihn einer seiner Freunde aus dem Wasser, nach wenigen Minuten begann der Prüfungsingenieur wieder selbstständig zu atmen. Seine englische Kollegin Tori kannte einen chinesischen Arzt in einer renommierten Klinik in Shanghai. Dieser gab über Handy Anweisungen. „Sie legten mich vorsichtig auf eine Trage bis mich ein Krankenwagen holte.“ Die Fahrt ins Spital war ein Horror. „Der Unfallort war ja abgelegen, die Straßen in einem schlechten Zustand. Außerdem mussten wir dauernd stehen bleiben, um Maut zu zahlen“, denkt er an den 5-stündigen Transport zurück. Langsam kam das Gefühl in den Extremitäten wieder. „Als ich wieder was spürte, hatte ich höllische Schmerzen.“

Die Zeit „danach“

„Mein behandelnder Arzt, Mr. Liu, war ein Spezialist für Wirbelsäulenverletzungen.“ Seine Diagnose: Der C1 war an drei Stellen gebrochen. Der C2 hatte eine Fraktur des Dens. „Dieser ‚Zahn‘ war der Übeltäter. Der Dens ist in das Rückenmark gerutscht und hat ein großes Blutgerinnsel hinterlassen.“ Sein Arzt gab ihm Hoffnung, in Zukunft wieder laufen zu können. „Ich war froh darüber, wusste aber, dass ich einen harten Weg vor mir haben würde.“ 
Nach ein paar Tagen ging die Schwellung zurück, Alex konnte operiert werden. „Der Dens wurde mit einer Schraube, die durch den unteren Hals eingeführt wurde, stabilisiert. Danach kam der Halofixateur. Ein wahres Folterinstrument.“ 



Alexander mit dem Halofixateur und seinem Ärzteteam in Shanghai.
Alexander mit dem Halofixateur und seinem Ärzteteam in Shanghai.  

Der Weg zurück

Nach der OP erholte er sich gut. „Verzweiflung kam trotzdem auf, weil ich nicht genug Fortschritte machte. Ich konnte meinen Darm nicht selbstständig entleeren. Die komplette Verdauung funktionierte sehr schlecht, in zwei Wochen verlor ich 15kg.“ Dann endlich: Die ersten Fortschritte. „Meine Freundin war dabei, als ich nach drei Wochen die ersten Schritte mit dem Rollator machte. Das hat sich phantastisch angefühlt. Nach so einer Verletzung lernt man: Jeder Tag bringt eine Verbesserung. Jeder Millimeter an mehr Beweglichkeit ist ein Erfolg.“

Nach knapp einem Monat wurde Alex nach Deutschland überführt. Es folgten drei Monate Reha und Physiotherapie. „Dann wollte ich wieder Normalität, flog zurück nach Shanghai.“ Begleitet von starken Schmerzen, Konzentrationsstörungen und ständiger Müdigkeit.
„Rückblickend war das alles viel zu früh... Langsam verbesserte sich mein Zustand aber.“ 2009 heiratete Alex seine Freundin, lebte darauf hin zwei Jahre mit ihr in Australien, wo er seine Passion zum Triathlon entdeckte. „Ein Jahr nach dem Unfall konnte ich meinen ersten halben Ironman beenden“, ist er stolz.

2011 bei seinem ersten Ironman in Neuseeland.
2011 bei seinem ersten Ironman in Neuseeland. 

Vor 22 Monaten kam dann Sohn Nicholaus zur Welt. Ihn auf den Schultern tragen zu können, bedeute alles für den Familienvater. Heute jährt sich Alex´ Unfall zum 8. Mal. 
„Anfangs haben wir da noch zweiten Geburtstag gefeiert, aber der Alltag holt einen mit Familie schnell ein, die Erinnerung verblasst...“
Bis heute hat Alex Einschränkungen in der Rotation des Kopfes und häufig starke Verspannungen im Nacken und Rücken. Momente des „Was wäre wenn...“ kommen meist, wenn er alleine ist. 
„Diese Gedanken, was alles hätte passieren können, kommen oft nachts oder wenn ich einen Menschen im Rollstuhl sehe. Seit ich auf Wings for Life gekommen bin, denke ich wieder mehr über den Unfall nach und bin dankbar, dass mir ein härteres Schicksal erspart geblieben ist.“