© Martin Lugger

Interview: 10 Jahre Wings for Life


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Im Juli 2004 und damit vor genau zehn Jahren wurde Wings for Life gegründet. Das Ziel: Eine Heilung für Querschnittslähmung zu finden. Wir haben mit Stiftungsgründer Heinz Kinigadner und dem wissenschaftlichen Direktor Jan Schwab darüber gesprochen, was in den Anfängen passiert ist, wie sich die Forschung seither entwickelt hat und was die Zukunft bringt.  

Warum haben Sie sich entschieden, eine Stiftung zu gründen?

Kinigadner: Unmittelbar nach dem Unfall von meinem Sohn Hannes haben wir natürlich alles und jeden kontaktiert, der uns vielleicht helfen könnte, vom Miami Project in Florida angefangen bis hin zum Weizmann Institute of Science in Israel. Dabei erfuhren wir, dass es zwar viele gute Ergebnisse in der Grundlagenforschung gab, die aber alle in der Schublade liegen geblieben sind. Die Forscher sagten einhellig, dass es von keiner Seite aus Geld für klinische Studien gäbe, weder vom Staat noch von anderen. Da war uns klar, wo und wie wir den Hebel ansetzen müssen.  

Wie ist man auf den Namen Wings for Life gekommen?

Kinigadner: Heutzutage ist die Versorgung von Querschnittspatienten mehr oder weniger gewährleistet, sodass sie weiterleben können. Aber sie leben bis an ihr Lebensende mit der Behinderung, sozusagen mit einem gebrochenen Flügel. In dem Zusammenhang ist uns der Name Wings for Life eingefallen.  

Prof. Dr. Dr. Jan Schwab
Prof. Dr. Dr. Jan Schwab 


Professor Dr. Schwab hat die Stiftung von Anfang an mit aufgebaut. Wie ist es zur Zusammenarbeit gekommen?

Kinigadner: Dies geschah über sportliche Verbindungen. Einen Tag nach dem Unfall rief mich Alfie Cox an, ein ehemaliger Teamkollege bei der Paris-Dakar-Rallye und erster Erzbergrodeo-Sieger. Am Telefon drückte er mir erst sein Bedauern aus und berichtete mir dann von einem jungen Deutschen, der kürzlich auf einer seiner Adventure-Tours teilgenommen hatte. Alfie sagte, dass dieser Deutsche sich auf dem Gebiet der Rückenmarksforschung super auskenne und ich ihn anrufen sollte. Wenige Tage später war Jan Schwab dann das erste Mal in Salzburg.

Wodurch waren die Anfänge geprägt?

Schwab: Definitiv durch eine Aufbruchsstimmung und berechtigte Hoffnung. Im ersten Jahr haben wir zunächst eine Orientierungsphase unternommen, um die Struktur von Wings for Life möglichst effektiv zu gestalten. Darüber hinaus waren wir von Anfang an der Überzeugung, dass eine internationale Ausrichtung notwendig ist, um die besten Chancen für den Patienten zu gewährleisten. Das kann man analog zur Formel-1 sehen, bei der man sich auch die besten Fahrer, den innovativsten Konstrukteur und den stärksten Motor zusammenstellt, unabhängig von der Nationalität. Zu dieser Orientierungsphase gehörte ebenfalls, dass wir sehr viel gereist sind, um uns vermeintlich viel versprechende, in den Medien diskutierte Zellinterventionen vor Ort anzuschauen und zu bewerten.  

Wie war denn der Stand der Forschung zum damaligen Zeitpunkt?  

Schwab: Zum damaligen Zeitpunkt gab es zwar einige wenige etablierte Forschungspioniere und auch erste klinische Konsortien. Aber die echte translationale Ausrichtung, die dafür Sorge trägt, dass erfolgreiche präklinische Ansätze auch in eine klinische Testung am Patienten überführt werden, befand sich noch in den Kinderschuhen. Der Grund lag insbesondere darin, dass finanzielle Förderprogramme für klinische Studien nahezu gar nicht vorhanden waren.  

Welche Heilungsansätze verfolgt Wings for Life?

Schwab: Wings for Life verfolgt alle Ansätze, die Erfolge für den Patienten versprechen – in den unterschiedlichsten Entwicklungsstadien. Das reicht von molekular-pharmakologischen bis hin zu zellbasierten Ansätzen, von Neuroprotektion bis hin zur Neuroregeneration und von der Grundlagenwissenschaft über die Präklinik bis hin zu klinischen Studien.



Wie hat sich die Forschung in den Folgejahren entwickelt?

Schwab: Wir haben vor allem einen exponentiellen molekularen Wissenszuwachs in den vergangenen Jahren erlangt. Neben diesem Erfolg gab es aber auch einige Rückschläge, vor allem in der Präklinik. Erfolg dort heißt noch lange nicht, dass es auch in der Klinik klappt. Dieses Problem hat man erkannt und arbeitet nun daran, die sogenannte Translation zu verbessern. Darüber hinaus hat Wings for Life vermehrt auch pragmatisch klinische Studien gefördert, um den klinischen Fortschritt mit zu entwickeln. Zudem stehen wir heute vor der Förderung einer größeren Interventionsstudie.   

Gibt es besondere Projekte, die Sie hervorheben möchten?

Schwab: Da wäre zum einen die Elektrostimulation des Rückenmarks zu erwähnen. Diese hat einen Teil ihrer Ursprünge in Österreich. Aktuell zeigen sich in einer US-Pilotstudie sogar bei chronisch komplett gelähmten Patienten ermutigende Ergebnisse.

Dann ist sicherlich ein Projekt von Zhigang He aus Boston zu nennen, einem Spitzenwissenschaftler auf dem Gebiet der Nervenregeneration. Er hat einen Wachstumsschalter gefunden, der zu einem Nervenwachstum führt, das man nie für möglich gehalten hätte.

Das dritte Projekt befasst sich mit der sogenannten Immunparalyse. Eine Rückenmarksverletzung führt nicht nur zu motorischen und sensorischen Lähmung, sondern auch zu einer Immunlähmung. Diese Immunlähmung macht die Patienten anfällig für Infektionen und Infektionen wiederum ‚kosten’ wertvolle neurologische Regeneration.

Sind Sie mit dieser Entwicklung zufrieden?

Kinigadner: Wir sind mittlerweile eine der renommiertesten und am besten aufgestellten Stiftungen auf dem Gebiet der Rückenmarksforschung weltweit. Wir können in dem großen Puzzle schon das Grundgerüst erkennen, auch wenn noch viele wichtige Bausteine fehlen. Wir haben also schon viel erreicht, aber richtig zufrieden kann und werde ich erst an dem Tag sein, wenn sich die Lebensqualität von Hannes und vieler weiterer Betroffener deutlich verbessert hat. Wenn sie ihre Finger bewegen, ihre Blase kontrollieren oder ihren Körper wieder spüren können.

Was bringt die Zukunft? Wann rechnen Sie mit dem Durchbruch für die Patienten?

Schwab: In der Zukunft werden wir deutlich mehr klinische Interventionsstudien sehen. Studien, die gut gemacht sind und aus denen wir wieder viel lernen können. Eine präzise Antwort, wann die Heilung erreicht wird, kann ich Ihnen aber nicht sagen. Zum einen, weil wir nicht mit falschen Hoffnungen spielen möchten, und zum anderen, weil wir den Endpunkt einfach noch nicht wissen. Was man aber mit Fug und Recht behaupten kann, ist, dass Wings for Life die Geschwindigkeit bereits erhöht hat, um die Zeit bis zu diesem Tag X zu verkürzen.