© Kerstin Luttenfeldner/carolineseidler.com

Im Labyrinth Forschung


Zur Übersicht

Wird es in Zukunft möglich sein, Querschnittslähmung zu heilen? Und warum ist das so schwierig? Diese beiden Fragen werden uns mit Abstand am häufigsten gestellt. Auf die erste können wir aus tiefer Überzeugung mit JA antworten. Es wird eine Heilung geben. Für die zweite ziehen wir gerne den Vergleich mit einem Labyrinth heran. Der Weg ist kompliziert, aber machbar. Es gibt Richtungsweiser und Abkürzungen, aber auch viele Sackgassen, Verzweigungen, und Hürden. Mit folgenden vier Hindernissen hat die Wissenschaft am meisten zu kämpfen.

HINDERNIS Nº1 - WIR WISSEN VIEL, ABER NOCH NICHT GENUG
Jahrtausendelang herrschte der Glaube, dass Rückenmarksverletzungen unheilbar sind. Das belegen Überlieferungen auf ägyptischem Papyrus. Glücklicherweise änderte sich diese Denkweise im Laufe des 20. Jahrhunderts. Nach dem Zweiten Weltkrieg verbesserten sich Pflege und Erstversorgung, wodurch sich die Lebenserwartung von Querschnittspatienten beachtlich erhöhte. Je nach Höhe der Verletzung überlebten sie zuvor nur wenige Tage. Was eine Heilung angeht, dachte man allerdings noch, dass sich Nerven in Gehirn und Rückenmark nicht erholen können. Bis Anfang der 1980er-Jahre. Da gelang Wissenschaftlern wie Professor Samuel David der Durchbruch. Sie konnten in ihren Experimenten nachweisen, dass Nervenzellen im Rückenmark unter den richtigen Bedingungen auswachsen können, und zwar über erstaunlich lange Distanzen. Es folgten intensive Forschungen. Die Wissenschaftler sammelten innerhalb kurzer Zeit eine beeindruckende Fülle von Wissen. Und dennoch: Für eine Heilung müssen die Forscher noch viel mehr über die zahlreichen biologischen Mechanismen einer Rückenmarksverletzung wissen. Was uns zu Hindernis Nummer zwei führt.

HINDERNIS Nº2 - EINE RÜCKENMARKSVERLETZUNG IST KOMPLEX
In der Rückenmarksforschung kämpfen Wissenschaftler gegen eine Verletzung an, die in ein hochkomplexes System eingreift und eine Kettenreaktion von schädlichen Ereignissen im Körper auslöst. Die Anfangsphase nach dem Trauma zeichnet sich durch Blutungen und Entzündungen im Rückenmark aus. Hierbei sterben Zellen schnell und unkontrolliert. In der zweiten Phase verstärkt sich dieser zelluläre Untergang sogar noch und breitet sich auf das Gewebe in der Umgebung der Verletzungsstelle aus. Mit anderen Worten: Der Körper selbst verschlimmert die Verletzung. In der letzten, chronisch genannten Phase wird der beschädigte Bereich schließlich durch eine Narbe umschlossen und „versiegelt“. Zurück bleibt eine schädliche Zyste.

HINDERNIS Nº3 - FORSCHUNG IST TEUER
Medizinische Forschung kostet Geld. Extrem viel Geld. Das gilt umso mehr, wenn es um die Behandlung von komplizierten Erkrankungen wie Krebs, Schlaganfall oder eben  Rückenmarksverletzungen geht. Was die Finanzierung betrifft, hat die Rückenmarksforschung gegenüber erstgenannten jedoch deutlich mehr zu kämpfen. Der Grund: Eine Querschnittslähmung gilt nicht als Volkskrankheit mit Millionen Betroffenen. Jährlich erleiden laut der Weltgesundheitsorganisation WHO „nur“ etwa 250.000 bis 500.000 Menschen diese verheerende Verletzung. Entsprechend gering ist der Anteil an öffentlichen Fördergeldern. Auch die Pharmaindustrie, eigentlich ein Big Player in der Forschungsförderung, hat nur in seltenen Fällen Interesse zu investieren. Aus gutem Grund: Pharmakonzerne arbeiten gewinnorientiert. Ausgaben in Millionenhöhe ohne Aussicht auf Rendite sind schlicht zu riskant. Die bedauerliche Konsequenz ist, dass die Rückenmarksforschung weitgehend unterfinanziert ist. Immer noch fehlt es an Mitteln und Ausstattung, vor allem wenn es darum geht, grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse in eine therapeutische Anwendung zu übersetzen (Anm.: siehe Hindernis Nr. 4). Hinzu kommt: Je weniger Geld in einem Forschungszweig vorhanden ist, desto weniger hochqualifizierte Forscher gibt es und desto schwieriger ist es, guten Nachwuchs zu begeistern. Ein Teufelskreis.

HINDERNIS Nº4 - DAS VALLEY OF DEATH DROHT
Die größte Hürde auf dem Weg zu einer Heilung liegt in der sogenannten Translation. Das ist ein Schritt zwischen Grundlagenforschung und Klinik, den ein mögliches Medikament oder eine Therapie durchlaufen muss, bevor sie am Menschen eingesetzt werden können. Leider ist dieser Zwischenschritt nicht nur voller Risiken, sondern auch zeitaufwendig und teuer. Erst einmal muss die Arbeit des Forschers von anderen vollständig reproduziert, also nachgebildet werden. Dann müssen die Wissenschaftler ein kompliziertes Protokoll für die klinischen Studien erarbeiten, in dem viele Fragestellungen beantwortet werden wie zum Beispiel: Wie und wohin soll das Medikament am besten verabreicht werden? Hinzu kommen behördliche Genehmigungen, pharmakologische Gutachten, Patentrechte und vieles mehr. Dafür fehlt es nicht nur an Ressourcen, sondern auch an Zuständigkeiten. In der Praxis sind all diese Schwierigkeiten so zahlreich und groß, dass es dafür sogar einen eigenen Begriff gibt: Valley of Death.

WEGE DURCH DAS LABYRINTH
Die gute Nachricht ist, dass die Wissenschaft immense Anstrengungen unternimmt, diese Hindernisse zu überwinden und dadurch bereits ein großes Stück weitergekommen ist. Auch Wings for Life kann mit Stolz behaupten, dazu einen entscheidenden Beitrag zu leisten.


Was Hürde Nummer 1 betrifft, so haben die Forscher die komplexen Vorgänge nach einer Rückenmarksverletzung in den letzten Jahren weitestgehend entschlüsselt. Nun fahnden sie intensiv nach therapeutischen Angriffspunkten oder testen diese sogar bereits. Dem Problem der Finanzierung haben sich NGOs und ihre Spender erfolgreich angenommen. Der Finanzbedarf ist zwar nach wie vor hoch, aber die Lücke kleiner geworden. Allein Wings for Life hat im vergangenen Jahrzehnt viele Millionen Euro investiert. Um die knappen Ressourcen so sinnvoll wie möglich zu managen, haben wir als Stiftung ein ganzes Paket an Maßnahmen entwickelt. So garantiert ein strenges Auswahlverfahren, dass wir nur die qualitativ besten Forschungsprojekte fördern. Zudem unterstützen wir Initiativen zur besseren Zusammenarbeit und zu einheitlichen wissenschaftlichen Standards. Wir finanzieren Projekte zur Analyse von großen Datenmengen und organisieren wissenschaftliche Konferenzen.
Last, but not least ermutigen wir die Forscher, ihre Ergebnisse untereinander auszutauschen – auch wenn sie negativ sind. Auf diese Weise stellen wir sicher, dass kein Wissenschaftler unnötig Geld oder Energie verschwendet und in der gleichen Sackgasse landet. Bleibt Problem Nummer 4, das Valley of Death. Um mehr medizinische Entdeckungen erfolgreich zum Patienten zu bringen, haben wir 2016 ein spezielles Programm namens Accelerated Translational Program (ATP) eingeführt. Es unterstützt die Forscher nicht nur mit Geld, sondern auch mit einem Netzwerk aus Experten und dem nötigen Know-how.
 


Wenn Sie uns jetzt fragen: „Wann gibt es eine Heilung?“, können wir Ihnen noch keine seriöse Antwort geben. Aber Sie sehen, mit Ihrer Hilfe arbeiten wir dran :-) 


SCHLÜSSELBEREICHE DER MODERNEN RÜCKENMARKSFORSCHUNG
Neuroprotektion: Zielsetzung dieser Strategie ist es, den massiven Zusammenbruch der Zellen zu verhindern und damit den Patienten mehr Funktionen zu erhalten.

Plastizität: Hier arbeiten Forscher daran, Nervenkreise zu reorganisieren und unbeschädigte Nerven dazu anzuregen, Funktionen von anderen zu übernehmen.

Regeneration: Ausgereifte Nervenzellen wachsen nach einer Verletzung von sich aus nur sehr langsam aus. Daher sucht die Wissenschaft nach Möglichkeiten, die dieses Wachstum beschleunigen.

Remyelinisierung: Dieser Bereich konzentriert sich darauf, die Myelinschicht von „nackten“ Nervenfasern wiederherzustellen. Wie bei einem Stromkabel ist diese spezielle Schutzhülle erforderlich, damit Nervenfasern leitfähig sind.

Rekonstruktion: Dabei wird zerstörtes Gewebe durch Stammzellen oder Biomaterial ersetzt.

Rehabilitation: Rehabilitationsprojekte zielen nicht auf die biologische Heilung des verletzten Rückenmarks ab, sondern darauf, verloren gegangene Funktionen auszugleichen. Dazu zählen auch Ansätze, um die Blasenfunktion wiederherzustellen oder neuropathische Schmerzen zu lindern.

Imaging: Dieser Bereich umfasst bildgebende Verfahren, um Rückenmarksverletzungen und die Ergebnisse von therapeutischen Maßnahmen im Detail sichtbar zu machen.