© Stefan Voitl

Ihr habt gefragt – die Forscher haben geantwortet


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Vergangene Woche wollten wir von Euch wissen, welche Themen rund um die Rückenmarksforschung Euch am meisten interessieren. Hier sind die am häufigsten gestellten Fragen, die von den führenden Wissenschaftlern im Rahmen unseres Kongresses beantwortet wurden.

Ist eine Heilung von Querschnittsmöglich wirklich im Bereich des Möglichen? Warum dauert das so lange?

Michael Sofroniew, University of California, Los Angeles, USA:
Zunächst einmal hängt es davon ab, wie man den Begriff Heilung definiert. Bis man eine vollständige Heilung erreichen kann, wird noch viel Zeit vergehen. Wie lange genau, kann man heute noch nicht vorhersagen. Wir arbeiten daraufhin, erst einmal schrittweise Verbesserungen zu erzielen. Ein Beispiel: Mit der Zurückgewinnung der Fingerfunktion würde sich das Leben eines Tetraplegikers enorm verbessern. Das Erreichen einer solch „mäßigen“ Genesung sollte deutlich weniger Zeit beanspruchen. Die Frage, warum es so lange dauert, ist recht einfach zu beantworten. Das menschliche Nervensystem zählt zu den komplexesten Systemen im Universum und es gibt noch zu viele Dinge, die wir immer noch nicht kennen oder verstehen. Jedes Jahr werden weitere kleine Teile dieses Puzzles gefunden. Wir hoffen bald genug zu wissen, um erste wirkliche Behandlungen anbieten zu können.


Welcher Ansatz ist der vielversprechendste?

Stephen Strittmatter, Yale University School of Medicine, New Haven, USA:
Eine vollständige Heilung wird kommen, aber das wird ein schrittweiser Prozess sein. Wir brauchen die Erfolge in den unterschiedlichsten Bereichen, um am Ende alle Erkenntnisse zusammenfügen zu können. Das können Training und Stimulation sein, pharmakologische Interventionen, die Förderung der Plastizität und vielleicht sogar zelluläre Therapien. Vielleicht müssen wir am Ende alle diese Bereiche nutzen, um die Heilung zu ermöglichen.


Wann wird ihrer Meinung nach die erste offizielle Behandlung für rückenmarksverletzte Patienten verfügbar sein?

Michael Fehlings, University of Toronto, Kanada:
Ich bin zuversichtlich, dass – basierend auf aktuellen klinischen Studien – in den nächsten fünf bis zehn Jahren ein neuroprotektives Arzneimittel für akut Verletzte zugelassen wird. Hinsichtlich chronischen Patienten fällt es mir deutlich schwerer, mich festzulegen. Aber auch hier bin ich sehr zuversichtlich, dass eine der vielen Strategien, eventuell eine Elektrostimulation der spinalen Bewegungsnetzwerke, in den nächsten fünf bis zehn Jahren am Patienten angewandt werden kann.

Auf was konzentriert sich die Forschung, mehr auf die Wiederherstellung von motorischen Funktionen oder Sinnesfunktionen oder auf das autonome Nervensystem?

Stephen Strittmatter, Yale University School of Medicine, New Haven, USA:
Die Forschungsprojekte zielen nicht selektiv auf nur die eine oder nur die andere Funktion ab. Stattdessen konzentrieren sie sich mehr auf übergeordnete Mechanismen wie Plastizität, die Ausbildung neuer Nervennetzwerke und deren Training. Davon können hoffentlich mehrere Bereiche profitieren und alle Funktionen, ob motorisch, sensorisch oder autonom, verbessert werden.

  

Verfolgt Wings for Life eine Strategie, um kombinierte Therapien zu ermöglichen und zu beschleunigen?

Prof. Dr. Dr. Jan Schwab, Wissenschaftlicher Direktor von Wings for Life:
Wir denken, dass eine Kombination von verschiedenen Ansätzen die besten Chancen auf Erfolg bietet. Daher hat Wings for Life bereits in den vergangenen Jahren, kombinatorische Forschungsansätze unterstützt. Ein Beispiel wäre ein Forschungsprojekt von Prof. Dr. Wolfram Tetzlaff (ICORD, University of British Columbia). Dieses Projekt möchte über die Beeinflussung  (1) der zellintrinsische Regenerationsfähigkeit der Nervenzellen, (2) der regenerationshemmenden glialen Umgebung und (3)  der fehlenden Wachstumsanreize jenseits der Verletzungsstelle eine verbesserte Regeneration erreichen.  Wings for Life wird diese Strategie auch in Zukunft verfolgen.


Legen Sie Ihren Fokus mehr auf Projekte für chronische Patienten oder Akutverletzte?  

Prof. Dr. Dr. Jan Schwab, Wissenschaftlicher Direktor von Wings for Life:
Wings for Life fördert gleichermaßen Forschungsprojekte zur akuter als auch chronischer Querschnittslähmung. Wir beabsichtigen, zu diesem Thema in Kürze einen ausführlichen Artikel auf der Website (www.wingsforlife.com )zu veröffentlichen.

Gibt es neue Medikamente, abgesehen von Tizanadine, Baclofen, Pregabalin, die gegen Spasmen helfen und keine negativen Nebeneffekte haben?

Thomas Kessler, Spinal Cord Injury Center, Balgrist University Hospital, Zürich, Schweiz:
Die genannten Medikamente werden derzeit in allen Kliniken eingesetzt. Ärzte und Wissenschaftler sind sich der Nebenwirkungen bewusst, leider gibt es bis dato jedoch keine besseren Alternativen.

Empfehlen Sie im chronischen Stadium ein intensives Reha-Training?

Armin Curt, Balgrist University Hospital, Zürich, Schweiz:
Es gibt sehr gute, rationale Gründe, auch in der chronische Phase nach einer Rückenmarksverletzung intensiv zu trainieren. Um eine bestmögliche, körperliche Verfassung zu erlangen, müssen die Patienten versuchen, ihr neuromuskuläres System unterhalb der Verletzungsstelle so aktiv wie möglich zu halten. Dies gilt umso mehr, wenn man an neuen Interventionen teilnehmen möchte. Patienten mit einer sehr guten körperlichen Verfassung, haben dann größere Erfolgsaussichten.  



Kann ich mit einer Stammzellbehandlung meinen Gesundheitszustand verbessern?

Martin Oudega, University of Pittsburgh, USA:
Auch wenn derzeit einige Stammzellbehandlungen an Patienten getestet werden, konnte man bis dato noch keine positiven Effekte nachweisen. Die Wissenschaftler hoffen, bald genügend zu verstehen, um neue Therapien entwickeln zu können. Wir glauben, dass unterschiedliche Arten von Therapien auf unterschiedliche Verletzungstypen abzielen werden.


Gibt es gute Rehabilitationsprogramme für chronisch-inkomplette Patienten?  

Armin Curt, Balgrist University Hospital, Zurich, Schweiz:
Es gibt tatsächlich einige Studien für chronisch-inkomplette Patienten, die den Patienten geholfen haben, ihre Leistung und Unabhängigkeit zu verbessern. Allerdings kann man keine generelle Empfehlung für diese oder jene Studie aussprechen. Dies liegt daran, dass jede Studie zu de, spezifischen Gesundheitszustand des Patienten und seinen persönlichen Zielen passen muss.


Wird abgesehen von der großartigen Arbeit, die in der Rückenmarksforschung geleistet wird, auch Forschung im Bereich von Rücken Defekten wie Spina Bifida, Skoliose und anderen Krankheiten betrieben?   

Dr. Rosi Lederer, Wings for Life:
Wings for Life konzentriert sich auf Behandlungsmöglichkeiten für traumatische Rückenmarksverletzungen. Aber: Das Wissen aus diesem Bereich sollte auch dazu beitragen, mögliche Behandlungen für Krankheiten wie Spina Bifida, Multiple Sklerose und weitere zu finden, denn es gibt bei diesen Krankheitsbildern viele Gemeinsamkeiten.  


Was machen Sie mit den 3 Millionen Euro vom Wings for Life World Run?

Anita Gerhardter, CEO von Wings for Life:
Wings for Life wird dieses Geld im besten Interesse der Patienten investieren. Wir haben bereits eine vielversprechende klinische Studie im Auge und arbeiten derzeit noch an den Details. Dies wird noch einige Monate in Anspruch nehmen.